piwik no script img

Meldestelle für queerfeindliche VorfälleMehr Sichtbarkeit gegen den Hass

Es gibt immer mehr Übergriffe auf queere Menschen. Eine neue Melde- und Informationsstelle dokumentiert nun Queerfeindlichkeit in Niedersachsen.

Tatort öffentliche Verkehrsmittel: Solidarität nach einem Übergriff auf eine trans Frau in einer Straßenbahn Foto: Sina Schuldt/dpa

Angesichts steigender Fallzahlen und einer deutlichen Zunahme queerfeindlicher Übergriffe wird der Ruf nach gezielter Dokumentation und Prävention immer lauter. Um diese Lücke zu schließen und Betroffenen eine sichere Anlaufstelle zu bieten, hat das Queere Netzwerk Niedersachsen (QNN) die neue Melde- und Informationsstelle MIQ in Hannover eröffnet. Finanziell getragen wird es vom Sozialministerium.

Die MIQ dokumentiert und analysiert Vorfälle in Niedersachsen, um verlässliche Erkenntnisse über Muster und Entwicklungen von Queerfeindlichkeit zu gewinnen. So soll ein realistisches Bild der Sicherheitslage entstehen, das als fundierte Basis für Präventionsarbeit, politische Initiativen und gesellschaftliche Aufklärung dient. Die Einrichtung orientiert sich dabei am Vorbild der Kölner Meldestelle und ist bundesweit die zweite ihrer Art.

Wie dringlich das Projekt ist, belegen aktuelle Zahlen: Laut Bundesinnenministerium wurden im Jahr 2025 deutschlandweit 2.048 queerfeindliche Straftaten registriert. Auch die Statistiken des Landeskriminalamts Niedersachsen verdeutlichen einen Aufwärtstrend. Niedersachsens Sozialminister Andreas Philippi (SPD) bezeichnete diese Entwicklung als alarmierend.

Seit dem 14. April nimmt die MIQ Berichte entgegen, laut Mika Onning vom Projekt sind bereits die ersten Meldungen eingegangen. Betroffene und Zeu­g:in­nen können queerfeindliche Vorfälle anonym über ein Onlineformular oder ein spezielles Meldehandy schildern. So können Erlebnisse sowohl schriftlich als auch telefonisch unkompliziert dokumentiert werden.

Uns geht es darum, neben der Gewalt auch das belastende Grundrauschen zu erfassen

Mika Onning, Melde- und Informationsstelle Queerfeindlichkeit Niedersachsen

Beim Rundgang durch die hellen Büroräume des Queeren Netzwerks Niedersachsen zeigt Mika Onning den Schreibtisch, an dem die Fäden zusammenlaufen und jede Meldung persönlich gesichtet wird. Onning bringt dafür Expertise aus der psychosozialen Beratung mit.

Breites Spektrum an Vorfällen

Was genau als Vorfall zählt, definiert die MIQ breit: Das Spektrum reiche von abwertenden Blicken im Alltag oder diskriminierenden Stickern bis hin zu Beleidigungen in sozialen Medien und physischer Gewalt. „Uns geht es darum, neben der Gewalt auch das belastende Grundrauschen zu erfassen“, erklärt Onning. Gemeint ist die konstante, alltägliche Queerfeindlichkeit, die oft unterhalb der juristischen Strafbarkeitsgrenze bleibt. Dabei wird jede Meldung ernst genommen. „Wir sagen nicht, das eine ist wichtig und das andere nicht. Queerfeindlichkeit ist Queerfeindlichkeit.“

Das Ziel der MIQ ist es, Erscheinungsformen, Tatorte und Folgen von Queerfeindlichkeit transparent zu machen. Dafür veröffentlicht die Meldestelle einen Jahresbericht. Auch wenn die Statistik nicht repräsentativ ist, liefert sie laut Onning wertvolle Einblicke in gesellschaftliche Veränderungen. „Darum ist es besonders wichtig, dass die MIQ kein Ablaufdatum hat“, betont Onning. Muster und Trends ließen sich erst über längere Zeiträume präzise identifizieren.

Die Meldungen werden unter strengen Datenschutzstandards verarbeitet. Um den Zugang so barrierefrei wie möglich zu gestalten, setzt die MIQ konsequent auf Niedrigschwelligkeit und Anonymität. „Wir speichern keine personenbezogenen Daten“, stellt Onning klar.

Onlinechronik für Erlebnisse

Außerdem erhalten Betroffene während des Meldeprozesses die Möglichkeit zu weiterführender Hilfe. Zwar kann die Meldestelle selbst keine Langzeitberatung leisten, vermittelt aber gezielt an spezialisierte Kooperationspartner. Zudem gibt es die Option, Erlebnisse in einer Onlinechronik auf der Website zu teilen. So könne die Vielfalt queerfeindlicher Erfahrungen sichtbar gemacht werden, erklärt Onning.

Trotz des erfolgreichen Starts ist sich die MIQ der Grenzen bewusst: Bestimmte Gruppen, wie etwa queere Menschen ohne festen Wohnsitz, sind schwerer zu erreichen. Hier bleibt laut Onning noch viel zu tun. Melissa Depping, stellvertretende Geschäftsleiterin des QNN, betont jedoch den langfristigen Auftrag: „Wir setzen uns kontinuierlich dafür ein, das Thema in der Politik sichtbar zu machen.“

Mika Onning wünscht sich eine entsprechende Meldestelle für jedes Bundesland: „Queerfeindlichkeit gibt es überall.“

🏳️‍⚧️ SHANTAY. YOU PAY. 🏳️‍🌈

Auf taz.de finden Sie eine unabhängige, progressive Stimme. Frei zugänglich, ermöglicht von unserer Community. Alle Informationen auf unserer Webseite sind kostenlos verfügbar. Wer es sich aber leisten kann, darf einen kleinen Beitrag leisten. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

Jetzt Probelesen! 10 Ausgaben der wochentaz für nur 10 Euro

Wir sind eine Stimme der queeren Community. In der wochentaz geht es stets auch um die auch queere Welt: um Menschen, um politische Kämpfe und Erfolge, um Realität und Utopien. Jetzt 10 Wochen testen – für nur 1 Euro pro Woche.

  • Wir sind eine Stimme der queeren Community und das seit unserer Gründung 1979
  • In unserer wochentaz geht es stets auch um die auch queere Welt, wie sie ist und wie sie sein könnte
  • wochentaz – unsere Zeitung für sieben Tage, samstags neu in deinem Briefkasten
  • Mit Zukunft, den Seiten für Klima, Wissen & Utopien
  • Mit Stadtland, den Seiten für alles Wichtige zwischen Dorf und Metropole

Entspannt testen: 10 Wochen für nur 10 Euro

Jetzt bestellen

0 Kommentare