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Regisseurin über „Paris Murder Mystery“„Wo Kontrolle bröckelt, entsteht oft die größte Freiheit“

In „Paris Murder Mystery“ erzählt Rebecca Zlotowski von weiblichen Selbstbildern, über das Schreiben für Jodie Foster und von KI-Bildern für das Unbewusste.

Lilian Steiner (Jodie Foster) in „Paris Murder Mystery“ Foto: Plaion

Interview von

Arabella Wintermayr

Mit „Paris Murder Mystery“ gelingt Rebecca Zlotowski ein eleganter Grenzgang zwischen psychologischem Drama und Krimikomödie. Im Zentrum steht die Psychiaterin Lilian Steiner (Jodie Foster), deren streng kontrolliertes Leben aus dem Gleichgewicht gerät, als eine Patientin (Virginie Efira) unter rätselhaften Umständen stirbt. Weil die Polizei von Suizid ausgeht, beginnt sie selbst zu ermitteln – bis sich die Grenzen zwischen professioneller Rationalität und persönlicher Obsession auflösen.

Bild: Jérôme Prébois
Im Interview: Rebecca Zlotowski

wurde 1980 in Paris geboren. Sie studierte an der École Normale Supérieure und der Filmhochschule La Fémis. Ihr Langfilmdebüt „Belle épine“ lief 2010 in Cannes in der Semaine de la Critique. „Ein leichtes Mädchen“ stellte sie 2019 in der Quinzaine des Réalisateurs in Cannes vor. Mit „Les enfants des autres“ wurde sie 2022 in den Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Venedig eingeladen.

taz: Frau Zlotowski, mit „Paris Murder Mystery“ ( Vie privée ) wenden Sie sich erstmals dem „Crime“-Genre zu, auch wenn im Film deutlich mehr steckt. Hat Sie etwa das grassierende Krimi-Fieber erwischt?

Rebecca Zlotowski: Mir war das zunächst gar nicht bewusst. Erst als mir Virginie Efira erzählte, wie aufregend es war, erstmals auf der Leinwand zu sterben, merkte ich, dass es für mich als Regisseurin ebenfalls ein „erstes Mal“ war. Jetzt, bei meinem sechsten Film, war das Krimi-Element für mich vor allem eine Möglichkeit, mit neuen kreativen Mitteln zu spielen. Denn „Vie privée“ ist ja nicht einfach nur ein Krimi – im Zentrum steht gewissermaßen ein „falsches Verbrechen“, ein Spiel mit dem Genre, das mir viele Freiheiten eröffnet hat. Vielleicht ist es auch das erste Mal, dass ich kaum noch Fragen dazu bekomme, dass ich eine Filmemacherin bin. Das Genre schützt einen gewissermaßen – plötzlich ist man einfach eine Thriller-Regisseurin, nicht mehr „die weibliche Regisseurin“. Das ist irgendwie amüsant, aber auch aufschlussreich. Und ganz ehrlich: Ich wollte einfach Spaß haben. Die Welt wird immer düsterer, und ich hatte das Bedürfnis, etwas zu machen, das mir selbst Freude bereitet. Mit Leichtigkeit zu arbeiten – das hat etwas zutiefst Befreiendes, fast Kindliches.

Der Film

„Paris Murder Mystery“. Regie: Rebecca Zlotkowski. Mit Jodie Foster, Daniel Auteuil u.a. Frankreich 2025, 103 Min.

taz: Dabei ist ihre Hauptfigur, die Psychiaterin Lilian Steiner, alles andere als leichtfüßig. Sie gibt sich kühl, ist abweisend gegenüber ihren Mitmenschen, teils sogar barsch. Für Protagonistinnen sind das immer noch seltene Eigenschaften …

Zlotowski: Sie meinen, dass Frauen unsympathisch sein dürfen – und trotzdem interessant, begehrenswert und „fuckable“? Zumindest bei Filmen von Regisseurinnen waren Protagonistinnen oft immer schon „schwierig“ – eigensinnig, manchmal regelrecht anstrengend. Während männliche Regisseure ihre Figuren häufig als unbeholfen, aber liebenswert inszenieren, gehen Regisseurinnen oft viel härter mit ihren Heldinnen um. Manchmal fast zu hart, finde ich – es kippt dann beinahe ins Unerbittliche. Bei Lilian Steiner ging es mir darum, mit unserer Wahrnehmung zu spielen: Ich wollte eine kluge, erfolgreiche Frau um die 60 zeigen, die unabhängig ist, niemandem verpflichtet. Schon in ihrem ersten Auftritt hat sie etwas Abweisendes, fast Brüskes – und darin liegt für mich ein enormes komödiantisches Potenzial. Mich reizt es, eine Figur, die alles unter Kontrolle hat, ins Wanken zu bringen – denn genau dort, wo Kontrolle bröckelt, entsteht oft die größte Freiheit.

taz: Und für diese Rolle kam Ihnen unmittelbar Jodie Foster in den Sinn?

Zlotowski: Ich habe tatsächlich für sie geschrieben – oder vielmehr: für diese Figur. Hier war es ein etwas anderer Prozess als sonst. Normalerweise schreibe ich klassisch „französisch“, würde ich sagen: Allein, sehr intensiv und leidend, und werde dann für sechs Monate zur Trinkerin. Diesmal habe ich diesen Teil übersprungen – was schon ein Fortschritt ist. Denn eine enge Freundin, die Schriftstellerin Anne Berest, gab mir ein Manuskript zu lesen. Und ich war überrascht, wie viel darin schon angelegt war: Lilian Steiner und ihre Obsession mit einer toten Patientin; die Tatsache, dass sie sich zwischenzeitlich von einer Hypnotiseurin in ein früheres Leben zurückversetzen lässt. Ursprünglich war die Figur allerdings eine Französin, und ich dachte: Ich liebe diese Figur, aber sie ist nichts für mich.

taz: Wie wurde daraus „Ihr“ Projekt?

Zlotkowski: Wir haben später viel umgeschrieben und die verschiedenen Genre-Ebenen – Thriller, Komödie, Drama – stärker herausgearbeitet. Und dann hatte ich plötzlich diesen Moment – ich wachte eines Morgens auf und wusste: Das ist eine Rolle für Jodie Foster. Von da an ergab alles Sinn: Sie ist eine amerikanische Exilantin in Paris, eine jüdische Frau, die sich von ihren eigenen Wurzeln entfernt hat, die glaubt, sie könne sich von ihrer Vergangenheit lösen – und dann doch mit ihr konfrontiert wird. Diese Verschiebung hat die Figur mir noch einmal nähergebracht. Von da an wusste ich: Diesen Film muss ich machen.

taz: War es leicht, Jodie Foster für diesen Stoff zu überzeugen? Für Komödiantisches war sie bislang nicht unbedingt bekannt.

Zlotkowski: Es war überraschend einfach. Ich glaube, es war schlicht der richtige Moment für sie, außerhalb der USA zu arbeiten. Ob das auch mit einem gewissen politischen Klima zu tun hat – oder mit einem Wunsch nach kulturellem Exil –, kann ich nicht sicher sagen. Sie selbst ist klug genug, sich in Interviews nicht allzu politisch zu äußern. Aber vielleicht spielte das eine Rolle.

taz: Der Film folgt Lilian Steiner bei abenteuerlichen Ermittlungen und zugleich einer sehr intimen Selbstbefragung: Hat sie etwas übersehen, vielleicht sogar eigene Gefühle für diese Patientin verdrängt? Wie schnell hat Jodie Foster Zugang zu dieser komplexen Figur gefunden – und wie haben Sie die Zusammenarbeit erlebt?

Zlotkowski: Was mich am Set überrascht hat, war vor allem ihre Offenheit. Sie war zum Beispiel völlig begeistert vom Essen in unserer – ehrlich gesagt eher schlichten – Kantine. Für sie war das fast wie Gourmetküche. Da dachte ich kurz: „Oje, armes Amerika!“ Aber vor allem hat mich fasziniert, wie wenig sie infrage gestellt hat. Ich hatte erwartet, dass sie viel stärker diskutiert, schließlich ist sie selbst Regisseurin und Produzentin. Sie hätte jederzeit sagen können: „Lass uns das umschreiben.“ Aber das hat sie nicht getan. Sie hat sich ganz auf diese sehr französische Idee eingelassen – auf die Autorin und Regisseurin als klare Instanz. Und gleichzeitig hat sie natürlich mit ihrem Spiel unglaublich viel hinzugefügt, Nuancen, Ideen, Details.

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Trailer „Paris Murder Mystery“

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taz: In „Vie Privée“ gibt es einen visuellen Bruch, in der Sequenz, die Sie bereits angesprochen haben: Als Lilian Steiner sich durch Hypnose in ein (vermeintlich) früheres Leben zurückversetzen lässt, entstehen entrückte Bildwelten, ein fast monochromes, rot getränktes Zwischenreich aus Treppen, Spiegelungen und offenen Räumen. Wie ist das entstanden?

Zlotkowski: Das war ein sehr spielerischer, kollektiver Prozess. Ich habe dafür auch erstmals mit KI gearbeitet. Der Impuls kam aus einem Artikel über ein Studio, das künstliche Erinnerungen erzeugt – etwa für Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten und keine Bilder aus ihrer Vergangenheit haben, oder für Alzheimer-Patienten, bei denen kleine visuelle Impulse Erinnerungen anstoßen können. Diese Idee hat mich sehr bewegt: dass ein „künstliches“ Werkzeug etwas so Intimes wie unser Unterbewusstsein berühren kann.

Gleichzeitig erzeugt diese Technologie ja noch keine perfekten Bilder – im Gegenteil, sie sind oft fragmentiert, fast kubistisch, ein wenig wie bei Pablo Picasso oder Francis Picabia. Gerade diese Unreinheit fand ich spannend. Ich habe mit sehr einfachen, fast kindlichen Ideen gearbeitet – Türen, Treppen, archetypische Räume – und daraus visuelle Sequenzen entwickelt. Später haben wir das im Studio weiterentwickelt: mit Screens, Spiegeln, Lichtinstallationen, fast wie eine kleine Zirkusmaschine. Manche Bilder sind ganz bewusst künstlich, fast überästhetisiert – gerade das aber kommt vielleicht dem am nächsten, was in der Figur vorgeht.

taz: Viele Kreative fürchten den technologischen Wandel, der sich gerade in der Filmbranche vollzieht – Sie nicht?

Zlotkowski: Ich fühle mich privilegiert, in Frankreich Filme machen zu können. Es ist ein System, das funktioniert – mit viel Unterstützung für den „Auteur“, mit dem Recht auf den „Final Cut“, mit einer klaren Auswertungslogik von Kino bis Streaming. Dass große Produktionen indirekt kleinere Filme mitfinanzieren, ist für mich etwas sehr Wertvolles. Gerade weil dieses System so gut ist, lohnt es sich, dafür zu kämpfen. Gleichzeitig stehen wir natürlich vor neuen Fragen – etwa durch KI. Deshalb war es mir wichtig, dieses Werkzeug selbst auszuprobieren. Man muss verstehen, womit man es zu tun hat, bevor man weiß, wie viel Angst man davor haben muss. Ich glaube, wir befinden uns in einem sehr aufregenden Moment für das Kino. Und ich hoffe sehr, dass wir alles daransetzen, es am Leben zu halten.

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