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Medizinische Versorgung in HamburgSchuldzuweisungen auf Kosten der Armen

Im Hamburg-Wilhelmsburg schließt bald das Krankenhaus Groß-Sand. Doch die Verkaufsverhandlungen, von denen eine Nachfolgelösung abhängig ist, stocken.

Mit fabelhafter Unterstützung: Demo für die Erhaltung des Krankenhauses Groß-Sand Foto: David Hammersen/dpa

In Hamburg sind die Kaufverhandlungen um das Wilhelmsburger Krankenhaus Groß-Sand ins Stocken geraten. Während Bürgerschaftsabgeordnete von SPD und Grünen dem Krankenhausträger, also dem Erzbistum Hamburg, die Schuld dafür geben, kritisiert das Bistum dem NDR zufolge wiederum die SPD-geführte Sozialbehörde.

Die Behörde habe die geheim geführten Verhandlungen unterbrochen, obwohl bereits eine Einigung über den Kaufpreis des Gebäudekomplexes bestanden habe, kritisiert das. Für die Be­woh­ne­r:in­nen des von Armut geprägten Hamburger Stadtteils bedeutet das eine Hängepartie um ihre medizinische Versorgungslage.

Dabei hält die Unklarheit schon länger an, wie die medizinische Versorgung für die rund 55.000 Ein­woh­ne­r:in­nen zwischen Norder- und Süderelbe künftig aussehen soll: Das Erzbistum hatte aus finanziellen Gründen eine Schließung des Krankenhauses bereits seit Längerem angekündigt.

Im vergangenen Sommer waren im ersten Schritt die Notaufnahme und die Chirurgie des Krankenhauses geschlossen worden. Vor zwei Wochen dann erklärte das Erzbistum das endgültige Aus für Groß-Sand zum 30. Juni. 350 Beschäftigte erhielten bereits die Kündigung.

Nadelöhr Elbbrücken

Knapp 10.000 Unterschriften waren bereits im vergangenen Jahr gegen die Schließungspläne für das Krankenhaus gesammelt worden. Zwar sind die nächstgelegenen Krankenhäuser mit Notaufnahme südlich in Harburg und nördlich in St. Georg nur wenige Kilometer entfernt – durch ihre Insellage müssen Wil­helms­bur­ge­r:in­nen aber in beide Richtungen über Elbbrücken, die als Nadelöhr im städtischen Verkehr gelten.

Rettungswagen können dort im Stau stehen; mit Bus und Bahn dauert es je rund 40 Minuten von Groß-Sand zu den beiden nächstgelegenen Kliniken.

Die rot-grüne Koalition im Rathaus hatte auf die Kritik bereits reagiert, in dem sie den Aufbau einer „Stadtteilklinik“ auf dem Gelände des bald geschlossenen Krankenhauses versprach. Wie genau eine solche Stadtteilklinik ausgestaltet werden soll, ist noch nicht klar.

Neben ambulanten Behandlungsangeboten könnte eine solche Klinik als Basisversorgung auch stationäre Betten für sogenannte Kurz­zeit­lie­ge­r:in­nen anbieten. Auch das bereits auf dem Gelände bestehende Medizinische Versorgungszentrum (MVZ), in dem Ärz­t:in­nen verschiedener Fachrichtungen arbeiten, soll erhalten bleiben.

In Wilhelmsburg wird es nun über Jahre hinweg keine angemessene medizinische Versorgung geben.

Deniz Çelik, Hamburger Linksfraktion

Dass damit eine zufriedenstellende Versorgung für die Be­woh­ne­r:in­nen sowie die vielen in dem angrenzenden Hafengebiet Arbeitenden fortgeführt wird, bezweifelt schon länger etwa der Verein Wilhelmsburger Ärzteschaft. Er beklagt, dass mit dem Entfallen von Akutversorgung, Anästhesie, Intensivmedizin und Chirurgie ein „integraler Bestandteil einer umfassenden stationären Versorgung“ fehlen wird. „Ein Krankenhaus kann nicht durch eine Stadtteilklinik ersetzt werden“, stellen die Ärz­t:in­nen fest.

Voraussetzung für den Plan einer Stadtteilklinik ist aber zunächst, dass die Stadt das Gelände vom Erzbistum erwirbt. Auf Nachfrage will die Sozialbehörde keinen Zwischenstand zu den Verhandlungen nennen und verweist darauf, dass Stillschweigen vereinbart worden sei. Auch zu dem Vorwurf des Bistums, es habe bereits eine Einigung vorgelegen, will sich ein Sprecher nicht äußern.

Dagegen betonte Claudia Loss, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, zuletzt angesichts der andauernden Verhandlungen, dass „die heutige Situation maßgeblich auf das Erzbistum Hamburg zurückzuführen ist“. Zusammen mit den Grünen fordert die SPD-Fraktion die Sozialbehörde nun auf, auch nach alternativen Standorten für die Stadtteilklinik zu suchen. Auf Nachfrage teilt die Behörde allerdings mit, dass sie alternative Standorte in solchen Fällen ohnehin standardmäßig recherchiere.

„So oder so wird es in Wilhelmsburg nun über Jahre hinweg keine angemessene Versorgung geben“, sagt der gesundheitspolitische Sprecher der Linksfraktion, Deniz Çelik. Die Suche nach gegebenenfalls alternativen Standorten sei schon vor langer Zeit gefordert worden; ein Konzept zur geplanten Stadtteilklinik habe die Sozialbehörde eigentlich schon für Ende vergangenen Jahres angekündigt. Und von einer Übergangslösung sei bislang nichts bekannt.

„Es trifft in solchen Fällen immer dieselben Stadtteile“, sagt Çelik. Eine ähnlich schlechte medizinische Versorgungslage gebe es etwa auch im ebenso armen Stadtteil Steilshoop. „Dagegen ist das in Eimsbüttel oder Harvestehude undenkbar.“

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