Puppenspielerin über ihr Handwerk: „Die Faszination kommt aus der Kindheit“
Karin Schmitt kennt die Magie des Puppenspiels. Es ist dieser besondere Moment, wenn tote Materie zum Leben erweckt wird, sagt die Puppenspielerin
taz: Ist Puppenspiel Kinderkram, Frau Schmitt?
Karin Schmitt: Also, es hat auf jeden Fall mit Kindheit zu tun. Der Kern des Puppenspiels ist, tote Materie scheinbar zu beleben. Die Faszination darüber und die Naivität, diese Magie zu akzeptieren, die kommen bestimmt aus der Kindheit. Das bedeutet aber nicht, dass Puppenspiel nur für Kinder ist.
taz: Sie spielen professionell mit Puppen – das heißt, Sie treten mit ihnen auf. Wie nennt sich Ihr Beruf, sind Sie Marionettenspielerin, Puppenspielerin, Figurentheatermacherin? Und wie haben Sie sich darauf vorbereitet?
Schmitt: Ich habe an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin studiert. Die Fachrichtung heißt dort Puppenspielkunst, und ich bezeichne mich als Puppenspielerin. Der Begriff knüpft an die Tradition an, zeigt den Willen, mit den Wurzeln in Verbindung zu bleiben. Aber ob man von Figuren, Puppen oder Objekten und entsprechend von Figuren- oder Puppentheater spricht, ist eigentlich egal, es meint dasselbe. Marionetten sind wiederum eine besondere Technik, eine Untergattung.
taz: Aber es geht immer darum, dass das Publikum den Menschen hinter der Puppe vergisst und nur auf die Figur schaut?
Der Mensch
Karin Schmitt wurde 1973 in Stockholm geboren, sie wuchs in Frankreich in Lothringen auf. Nach einem Lehramtsstudium an der Pariser Sorbonne absolvierte sie den Studiengang Puppenspielkunst an der Hochschule Ernst Busch in Berlin. Nach ihrem Abschluss 2004 war sie zwei Jahre lang am Theater des Lachens in Frankfurt an der Oder angestellt. Seither ist sie freischaffend. Seit 2011 lebt und arbeitet sie in Schleswig-Holstein.
Das Spiel
Das Puppenspiel an einer Hochschule studieren kann man in Deutschland neben der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin auch noch in Stuttgart an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst beim Studiengang Figurentheater.
Schmitt: Genau, es geht um Animation, darum, fremde Körper und tote Materie zum Leben zu erwecken. Man kann alle möglichen Objekte nehmen, auch Maskenspiel ist eine Variante. Dieser Moment, in dem die Materie anfängt zu leben, das ist die Magie des Puppenspiels.
taz: Wann haben Sie diese Magie selbst zum ersten Mal erlebt?
Schmitt: Ehrlich gesagt, habe ich mich an der Schule beworben, ohne genau zu wissen, was mich erwartet. Es war ein offener Spielraum, wo alles möglich war. Davor hatte ich Lehramt studiert, aber eine schwierige Erfahrung bei den ersten Schritten im Beruf gemacht. Danach habe ich etwas gesucht, was mir einen neuen Freiraum aufschließt. In der Schule ging es mit einem Animationsseminar los: Wie kommt das Leben in die tote Materie? Man fängt mit Objekten an: Wie atmet eine Tasche, wie bewegt sie sich? Dann lernt man Techniken: Welche Puppen gibt es, wie geht Schattenspiel oder Marionette? Aber im Kern steht immer, wie das Leben ins Material kommt.
taz: Dass Sie heute in Schleswig-Holstein leben und arbeiten, wurde Ihnen nicht gerade an der Wiege gesungen. Die Wiege stand nämlich in Schweden, aber aufgewachsen sind Sie in Frankreich – wie das?
Schmitt: Meine Mutter war Schwedin, mein Vater Franzose aus dem Grenzgebiet an der Mosel. Meine Eltern lernten sich in Stockholm kennen, wo mein Vater eine Stelle an der Uni hatte, meine Mutter war noch Studentin. Meine Schwester und ich wurden dort geboren. Als der Vertrag meines Vaters auslief, stand die Frage im Raum, wie es weitergeht. Mein Vater hatte die Möglichkeit, nach Frankreich zurückzukehren und als Lehrer zu arbeiten. Wir gingen nach Lothringen, wo meine Eltern ein Haus bauten. Da bin ich aufgewachsen. Wir Kinder waren damals noch klein, aber meine Mutter war vermutlich nicht so begeistert, sie sprach kein Wort Französisch.
taz: Ihr Vater Claude Henri Schmitt war nicht nur Lehrer, sondern auch Künstler.
Schmitt: Genau, er hat sein Leben lang gemalt. Zu Lebzeiten hat er wenig ausgestellt und verkauft. Er hinterließ mehr als 1.000 Bilder und gut 5.000 Aquarelle. Ein großer Schatz, eine große Verantwortung, aber wie geht man damit um? Meine Geschwister und ich haben 2021 einen Verein gegründet, alle Bilder archiviert und Ausstellungen organisiert. Vermutlich hat mein Vater nie so viel ausgestellt wie nach seinem Tod. Im vergangenen Herbst habe ich mit einem Kameramann und einem Musiker einen Film über ihn gemacht, eine 20-minütige Doku, die mich gezwungen hat, mich noch einmal intensiv mit ihm und seinem Werk zu befassen. Ich entdecke immer neue Seiten an ihm.
taz: Haben Sie darum ein Stück über Ihren Vater und seine Demenz auf die Bühne gebracht?
Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
Schmitt: Ja, „Das Portrait eines Vogels“. Das Stück hat übrigens bei den Heidelberger Theatertagen 2025 den zweiten Preis der Jury erhalten. Das hat mich sehr gefreut, weil es für mich so ein persönliches Stück ist. Auch die Produktion danach, „Blaue Herzen“, ist mit meinem Vater verbunden.
taz: Lässt sich ein Thema wie Demenz mit Puppen darstellen?
Schmitt: Am Anfang wollte ich meinem Vater künstlerisch begegnen und dazu Projektionen seiner Werke auf die Bühne bringen, gucken, wie seine Malerei mit Puppen reagiert, wie diese kunstvolle Welt mit der Naivität der Puppen zusammenpasst. Dazu habe ich viel rumprobiert. Ich arbeite in diesen Probenphasen eng mit Elisabeth Bohde, der Leiterin des freien Theaters Pilkentafel in Flensburg, zusammen. Sie wollte mehr über meinen Vater und seine letzten Lebensjahre erfahren, daraus hat sich das Thema Altwerden entwickelt und wie sich so eine schwere Krankheit auswirkt. Der Vogel steht für meinen Vater. Er ist unterwegs zwischen Erde und Himmel, schon in seiner eigenen Welt, in den Bildern, die er selbst geschaffen hat. Am Ende fliegt er davon, wie es so ist im Leben.
taz: Sie sagen, Sie probieren, Sie starten mit einem Bild – Sie haben keinen fertigen Text oder ausgefeilte Ideen, wenn Sie ein neues Stück beginnen?
Schmitt: Ja, das macht es für mich schwierig, etwa wenn ich ein Konzept für eine Förderung schreibe. Ich habe eine Idee, aber weiß nicht, wohin sie mich führt. Ich finde diesen Prozess spannend, ich mag die Freiheit, anfangs nichts zu wissen und dann zu sehen, aha, dahin entwickelt es sich, dahin will ich gehen.
taz: Das klingt nach einem großen Zeitaufwand, allein für die Entwicklung.
Schmitt: Stimmt, diese Phase der Findung ist ein langsamer Prozess, bevor das Stück steht und in die Endproben geht. Früher bin ich viel getourt, heute mache ich das weniger, das gibt mir Zeit für die Entwicklung. Wir leben in einem großen Haus, in dem ich probe, ich habe eine Werkstatt, in der ich an Puppen arbeiten kann.
taz: Sie leben hier auf dem platten Land …
Schmitt: Nee, so platt ist es nicht, eher hügelig. Aber ja, es ist ländlich. Als wir 2011 hergezogen sind, waren mein Mann, Christof von Büren, und ich beide selbstständig. Christof ist Bühnenbildner und Figurenbauer, und er brauchte viel Platz für seine Arbeit. Daher haben wir immer in größeren Objekten gelebt, erst in einer alten Textilfabrik in Thüringen, dann in einer ehemaligen Schule in Sachsen-Anhalt. Aber das soziale Klima dort wurde etwas schwerfällig, und wir wollten gern ans Meer. Dann haben wir eher zufällig dieses Haus mitten im Nichts gefunden, das uns sofort angesprochen hat. Unsere Töchter waren damals vier und sechs, sie wollten unbedingt Pferde.
Dann lief uns die erste Katze zu, eine zweite wurde uns von einem Bauernhof gebracht. Meine ältere Tochter wünschte sich Hühner, sie hat extra ein Plakat gemalt, um uns davon zu überzeugen. Die Hühner hat im Lauf der Jahre der Fuchs geholt, aber Ziegen halten wir noch. Die Mädchen wollten eigentlich Hunde, aber die mag mein Mann nicht, und Ziegen sind tolle Tiere. Als die Kinder noch kleiner waren, sind sie stundenlang mit ihnen spazieren gegangen oder haben sich auf Skateboards ziehen lassen. Einmal sind wir über Schleichwege 25 Kilometer bis zur Ostsee gewandert, damit die Ziegen mal das Meer sehen.
taz: Spielen Sie eigentlich auch Stücke für Kinder?
Schmitt: Ja, viele, allerdings noch mehr, als meine eigenen Kinder kleiner waren. Irgendwann habe ich festgestellt, dass ich nicht mehr so stark in der Welt der ganz Kleinen zu Hause war und dass ich etwas anderes brauche. Ich habe noch Kinderstücke im Repertoire, aber seit 2018 produziere ich vor allem für Erwachsene.
taz: Dabei macht es doch bestimmt viel Spaß, vor Kindern zu spielen?
Schmitt: Schon, aber die Aufmerksamkeitsspanne ist kürzer geworden. Corona war ein Einschnitt, es entstand eine Lücke, weil Kinder ohne Erfahrungen mit Theater aufgewachsen sind. Ich erinnere mich an Vorstellungen, in denen die Kinder vereinzelt saßen und Masken trugen. Für uns Spieler war das sehr befremdlich, denn es entstand kein Gefühl von Publikum, es gab keine Reaktionen. Inzwischen ist es wieder etwas besser geworden, aber ich empfinde es als anstrengender als früher. Zum Beispiel das Märchen „Sterntaler“ – ich liebe es sehr, aber es ist ein langsames Stück. Viele Kinder sind durch die Medien ein anderes Tempo gewohnt, für sie ist es eine Herausforderung, Langsamkeit auszuhalten. Oft heißt es sehr schnell: „Oooh, langweilig.“
taz: Sie leben in Deutschland, schreiben und spielen Ihre Stück auf Deutsch, dabei sind Sie nicht mit der Sprache aufgewachsen, oder?
Schmitt: Ja und nein. Unsere Familiensprache war Schwedisch, das Umfeld war Französisch, aber meine Großeltern sprachen einen deutschen Dialekt. Sie lebten im Grenzland, das hat ihr Leben bestimmt: Sie haben fünfmal die Staatszugehörigkeit gewechselt, ohne ihr Dorf zu verlassen. Mein Vater war erst in der deutschen, dann der französischen Schule, bei demselben Lehrer. Sprich, Deutsch war nie weit weg, auch wenn ich es nicht ständig gesprochen habe. Heute ist Deutsch meine Alltags- und Bühnensprache, Französisch spreche ich privat, mit Kindern und Tieren.
taz: Sie haben sogar Deutsch studiert und wollten Lehrerin werden?
Schmitt: Ja, ich bekam ein Stipendium, mit dem ich an die Sorbonne gehen konnte. Das war eine tolle Zeit, ich kam aus der tiefsten Provinz, dann – tadaaa, Paris! Das war bombastisch. Das Studium habe ich geliebt, aber wirklich Lehrerin zu werden, hatte ich nicht so auf dem Schirm. Irgendwann stand ich in einem Pariser Vorort in einer Klasse, war 23 Jahre alt, hatte Rilke gelesen, aber keine Ahnung, wie man unterrichtet. Vor mir saßen Jugendliche, deren Umgangston und deren Probleme mir sehr fremd waren.
Das hat mich überfordert, ich konnte nicht weitermachen. Eine Weile habe ich kleine Jobs angenommen und mich parallel bei Puppenspielschulen beworben, in den Ländern, deren Sprache ich konnte, also Schweden, Frankreich, Deutschland. Und in Deutschland hat es geklappt, genau das Land, dessen Sprache ich am wenigsten beherrschte. Das Schöne war, dass meine Schwester damals in Berlin lebte und wir in eine WG ziehen konnten. Mit Deutsch hatte ich anfangs aber zu kämpfen. Improvisieren in einer Fremdsprache ist nicht so leicht. Zeitweise mochte ich gar nicht auf der Bühne sprechen, zum Vordiplom habe ich ein stummes Stück gezeigt. Inzwischen bin ich über die Blockade hinweg, aber bis heute rede ich nicht so viel in den Stücken, sondern lasse gern den Figuren ihren Platz.
taz: Wo und wie treten Sie auf? Gibt es genügend Bühnen in Schleswig-Holstein?
Schmitt: Man baut sich über die Jahre sein Netzwerk. Für Kinderstücke gibt es immer Bedarf, Erwachsenenstücke sind schwierig zu verkaufen. Die klassischen Theater lehnen meistens ab, das sei nicht ihr Profil. Ich kooperiere seit fünf Jahren mit der Flensburger Pilkentafel, und da entsteht nach und ein Publikum. In der ersten Vorstellung saßen drei Leute, inzwischen gibt es treue Fans. Sehr viel Spaß machen auch Festivals. Ich finde es toll, dass Leute diese besondere Form lieben, aber nur vom Erwachsenentheater zu leben, ist schwierig.
taz: Generell müssen freie Künstler:innen mit Unsicherheit leben – wie gehen Sie damit um?
Schmitt: Man lernt, mit der Unsicherheit zu leben, und ich bin ein optimistischer Mensch. Ja, manchmal ist es knapp, aber irgendwie geht es trotzdem. In der Coronazeit habe ich anfangen, zu unterrichten, das ist ein schöner Ausgleich und sorgt auch für planbare Einnahmen. Vor allem mag ich, dass ich Menschen begegne, die ich sonst nie treffen würde. Ich unterrichte Deutsch als Fremdsprache und Französisch. In den Deutschklassen sitzen zum Beispiel Lastwagenfahrer aus Osteuropa oder Chinesinnen, die eine Pflegeausbildung machen. Französisch lernen Leute, die es für den Urlaub brauchen oder Jugendliche, die Panik vor der Abi-Prüfung haben. Diese Vielfalt ist toll und verankert mich, denn ich lebe hier schon etwas abseits der Welt, und die Gefahr ist recht groß, in einer Kunst- und Theaterbubble zu landen. Ich muss nur aufpassen, dass es nicht zu viel wird mit dem Unterricht, damit genügend Zeit für das Theater bleibt.
taz: Sie haben sehr eindrucksvolle Puppen. Woher stammen die – vom hauseigenen Figurenbauer, also Ihrem Mann?
Schmitt: Christof, der inzwischen bei einem Theater als Bühnenbildner fest angestellt ist, hat einiges für mich gebaut, andere Figuren habe ich selbst gemacht. Zurzeit greife ich viel auf Sachen zurück, die bereits da sind. Für das „Portrait eines Vogels“ etwa habe ich einen Kopf genommen, der bei uns im Fundus lag und der mich angesprochen hat. Für das jetzt geplante Stück arbeite ich mit einer großen Maske aus den Beständen. Mal sehen, was das für eine Figur wird. Ich habe noch nicht genau geplant, sondern gucke, was passen könnte. Oder was passt gerade nicht und erzeugt damit eine Reibung, die es spannend macht?
taz: Was für ein Stück spielen Sie als nächstes?
Schmitt: Wie immer habe ich Schwierigkeiten zu sagen, wohin genau die Reise geht. Das Stück soll „Die Dinge und das Verschwinden“ heißen, es dreht sich um Frauenleben und um Objekte als Erinnerungsträger. Meine Mutter ist im vergangenen Jahr gestorben, wir haben das Haus mit seinen vielen Objekten und Erinnerungen geräumt. Mein Vater hat seine Bilder hinterlassen, aber was bleibt von meiner Mutter? Das will ich in dem Stück erkunden.
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