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Die WahrheitKeine Diagnose durch die Hose

Hartmut El Kurdi
Kolumne
von Hartmut El Kurdi

Gern mahnen Politbeobachter an, es sollten keine Fernbefunde zum psychischen Zustand von Politikern erstellt werden. Ja, aber warum eigentlich nicht!

G elegentlich passiert es, dass in den Medien jemand feststellt, dass es bei bestimmten Politikern sinnlos wäre, nach rationalen Gründen für ihr Handeln zu suchen, weil sie einfach nur narzisstische Psychopathen seien. Kaum ist das ausgesprochen, meldet sich irgendwo ein Journalist oder eine Journalistin und bezeichnet das als unseriös. Weil wir ja alle keine psychologische oder psychiatrische Ausbildung hätten und deswegen keine derartigen Diagnosen stellen könnten.

Selbst Menschen, die diese Expertise besäßen, heißt es, sollten das nicht tun. Weil sie sich an das Ferndiagnoseverbot für Mediziner zu halten hätten: „Keine Diagnose – am Telefon und durch die Hose!“ Ein hübscher Reim, der Medizinstudierenden schon an der Uni eingebläut wird. Soll heißen, man müsse einen Menschen schon im Detail und face to face untersuchen, um bei ihm eine Krankheit diagnostizieren zu können. Darauf muss man allerdings ganz klar antworten: Ja, aber!

Schließlich weiß ich ja auch, dass ein Gewitter ein Gewitter ist, obwohl ich kein Meteorologe bin. Oder man kann erkennen, dass ein Roman aus der Perspektive eines Ich-Erzählers erzählt wird, ohne dass man Literaturwissenschaften studiert hat. Hat jemand einen Unfall und ihm oder ihr schaut unterhalb des Knies ein dickerer Knochen aus dem Bein, ist es wahrscheinlich ein Schienbeinbruch. Ebenso kann auch jede halbwegs klardenkende Person die Dachschäden – man verzeihe mir diese ableistische Formulierung – von Donald Trump und Wladimir Putin erkennen.

Wirres Gebrabbel

Und das nicht erst seit gestern. Schon in seiner ersten Amtszeit, bevor Trump wirre gebrabbelte Impro-Monologe hielt oder Reporterinnen ohne Anlauf als „Piggie“ beschimpfte, lieferte er unzählige Bilder, die dringend in Lehrfilme über Persönlichkeitsstörungen aufgenommen werden sollten. Zum Beispiel, als er bei einem Nato-Gipfel den montenegrinischen Premierminister zur Seite schubste und sich dann breitbeinig, mit gerecktem Mussolini-Kinn neben Nato-Generalsekretär Stoltenberg für ein Gruppenfoto aufstellte.

Oder denken wir an Putin, der Kanzler Scholz an das andere Ende eines überlangen, ansonsten leeren Tisches setzte, als wolle er mit ihm einen verschollenen Loriot-Sketch aufführen. Wäre das nicht Putin und der Kreml gewesen, hätte Olaf beim Erblicken des Tisches gesagt „Das ist doch jetzt albern!“ Und dann wäre er wieder gegangen.

Aber so spielte er mit. So wie alle mitspielen. Weil es eben Gründe dafür gibt, die Dinge nicht beim Namen zu nennen. Vor allem der, dass man ja leider weiter mit den mächtigen Psychopathen kommunizieren muss.

Ab und zu wünschte ich mir aber doch, dass bei „Markus Lanz“ nicht Markus Lanz und die üblichen Politnasen säßen, sondern Psychofachpersonal. Und dass diese dort eine Fallkonferenz zum Beispiel zur Patientin Alice Weidel abhielten. Mit Therapie- und Medikamentenempfehlungen. Telefon und Hose hin oder her.

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Hartmut El Kurdi
Autor, Theater-Dramaturg, Performer und Musiker. Hartmut El Kurdi schreibt Theaterstücke, Hörspiele (DLF / WDR), Prosa und für die TAZ und DIE ZEIT journalistische und satirische Texte. Für die TAZ-Wahrheit kolumniert er seit 2001. Buchveröffentlichungen (Auswahl): "Revolverhelden auf Klassenfahrt", "Der Viktualien-Araber", "Mein Leben als Teilzeit-Flaneur" (Edition Tiamat) / "Angstmän" (Carlsen) / "Als die Kohle noch verzaubert war" (Klartext-Verlag)
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