Der Körper im Patriarchat: Willst du meine Freund*in sein?
Körper stehen im Zentrum feministischer Solidarität. Damit die gelingen kann, müssen Flinta* Freundschaft mit ihm schließen.
Lieber Bauch,
was brauchst du, dass ich dir noch nicht gebe? Mache ich immer noch zu wenig Pausen? Esse ich zu wenig? Ich probiere so sehr, mich zu bessern und bin dir so dankbar, dass du mich durch die Schmerzen auf die Missstände in meinem Umgang mit mir selbst aufmerksam gemacht hast. Wer weiß, vielleicht hätte ich sonst eine Karriere als neurotische Leistungsoptimiererin eingeschlagen – und eine der Magersucht. Danke, dass du mich davon abgehalten hast.
Ich war nicht fair zu dir: Zehn Jahre lang hast du nur gegeben und ich nur genommen. Es ist völlig in Ordnung, dass du rebellierst und mir Schmerzen zufügst. Du sollst genügend Zeit haben, all die Verletzungen aus den letzten Jahren aufzuarbeiten und mich weiter plagen, bis du dir sicher bist, dass du dich auf mich verlassen kannst. Dass du dafür Zeit brauchst, verstehe ich. Aber ich versichere dir: ab jetzt kannst du mir vertrauen. Wir schaffen das zusammen. Ich liebe dich.
Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.
Zehn Jahre lang musste ich meinen Körper gewaltsam disziplinieren, bevor ich gelernt habe, so mit ihm zu sprechen. Bevor ich ihm in Briefen meine bedingungslose Dankbarkeit aussprechen und ihn wertschätzen konnte – wenn er funktioniert, genauso, wie wenn nicht.
Der neoliberale Spätkapitalismus lehrt uns, unsere Körper nur dann wahrzunehmen, wenn sie stören. In einer Gesellschaft, in der Leistungsfähigkeit als wichtigster Maßstab gilt, trainieren wir uns an, die Streiksymptome unserer Körper zu unterdrücken, Erschöpfung und Schmerz zu ignorieren. Der kranke Körper wird als wertlos erachtet, denn er arbeitet nicht, er verweigert sich der Verwertungslogik.
„Mein Körper ist meine Waffe“
Nicht nur der kranke Körper wird abgewertet – auch der dicke Körper, trans*, alte, kranke, Schwarze Körper oder jene mit Behinderung werden markiert, normiert und stigmatisiert. Was bleibt ist eine Gesellschaft der „Hardbodys“. So bezeichnet der Philosoph Björn Vedders die Körper unserer Instagram-Gegenwart in seinem Essay „Solidarische Körper“. In der „Hardbody“-Gesellschaft sind Körper und Beziehungen undurchlässig, den Menschen entweicht alles Weiche und Verletzliche. Solidarität und Empathie haben nur wenig Raum.
Dabei stehen Körper im Zentrum jeder Solidarität. Weltweit setzen Menschen ihre Hände, Finger, Füße, Brüste, Haare, Vulven, Lippen, Stimmen, Augen, Seelen, Herz und Blut ein, um Missstände anzuprangern und Widerstand zu leisten. „Mein Körper ist meine Waffe“, schreiben sich Aktivistinnen auf ihre nackten Oberkörper, etwa, um gegen den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine oder für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen zu demonstrieren. Umweltaktivist*innen kleben sich bei Minusgraden auf die Straße, nehmen erfrorene und verletzte Körperteile in Kauf, um die Dringlichkeit der Klimakrise sichtbar zu machen. Andere gehen noch weiter, sie treten in den Hungerstreik und riskieren ihr Leben, etwa aus Protest gegen unzureichende Klimapläne oder in Solidarität mit der in Ungarn inhaftierten Antifaschist*in Maja T. Weltweit flechten sich Flinta* die Haare, schneiden oder rasieren sie sich ab, um auf geschlechtsspezifische Gewalt aufmerksam zu machen.
Körperlicher Protest kehrt Machtverhältnisse um: Wenn Flinta* sich die Haare abrasieren, entziehen sie sich normativen Vorstellungen von weiblicher Schönheit. Oberkörperfreie Aktionen setzen ein Zeichen gegen patriarchale Kontrolle über den weiblichen Körper – und die ist allgegenwärtig. Staaten regulieren Körper: durch Gesetze zu Nacktheit, Reproduktion, Geschlechtsidentität ebenso wie durch Normen von Schönheit, Anstand und Geschlechterrollen. Das Ziel: Disziplinierung. Das gilt vor allem für den weiblichen Körper. Narben, Dehnungsstreifen, Menstruation, Schwangerschaft, Alter – alles, was nicht makellos ist, wird abgewertet.
Weibliche und queere Körper stehen unter Dauerbeobachtung. Sie werden verglichen, bewertet, kommentiert und öffentlich diskutiert. Die Devise: anpassen, gefallen, wenig Raum einnehmen. Im Patriarchat wird Flinta*-Personen von klein auf beigebracht, sich durch den „male gaze“ zu betrachten, den männlichen Blick, sich auf Abweichungen und Fehler zu prüfen – und auf Sexualisierbarkeit.
Entfremdung ist die Regel
Das Spiel ist nicht zu gewinnen. Was Flinta* Vorteile verspricht, wird ihnen zugleich zum Nachteil. Als attraktiv gelesene Flinta* profitieren nachweislich in bestimmten Bereichen, etwa auf dem Arbeitsmarkt oder im Gesundheitswesen. Gleichzeitig wird ihnen mehr Irrationalität, Emotionalität und Schwäche zugeschrieben. Von Flinta* wird erwartet, Kinder zu bekommen – nur um sie im Anschluss für ihre „imperfekten“ Körper zu beschämen.
Die Folge sind Flinta* mit brüchigem Selbstwert, die allzu oft gesellschaftliche Erwartungen über das körperliche Wohlbefinden stellen – und dafür einen hohen Preis zahlen. Ein liebevolles Verhältnis zum eigenen Körper ist eher die Ausnahme, Entfremdung oder Dissoziation vielmehr die Regel. Die Schauspielerin Caroline Herfurth brachte diesen Verlust an Selbstwahrnehmung auf den Punkt, als sie fragte: „Woher soll ich nach zwanzig Jahren in einem von dieser Kultur geprägten Frauenkörper noch wissen, wo meine Grenze ist?“
Solidarität beginnt dort, wo diese strukturelle Dauerbewertung und Kontrolle über den weiblichen Körper offen thematisiert wird, die Spuren nicht individualisiert werden und Flinta* aufhören, sich für das zu schämen, was ihnen widerfährt. Die Gewaltgeschichten weiblicher Körper dürfen nicht verschwiegen oder weggelasert werden. Die Geschichten, die diese Körper tragen, sind politisch. Die Abwertung „unproduktiver“ oder als defizitär gebrandmarkter Körper ist kein Zufall, sie ist ein elementarer Baustein patriarchaler, faschistischer Ideologie – von den Nazis bis zur AfD.
Sophie Fichtner spricht in der neuen Folge Reingehen mit Lilly Schröder über Magersucht und Solidarität mit dem eigenen Körper.
Doch Björn Vedder gibt Hoffnung. Der Philosoph zeigt, dass nicht nur Gesellschaft und Normen Körper formen, sondern ebenso Körper die Gesellschaft gestalten. Wenn wir es also schaffen, unser Körperbild zu verändern – Stichwort Body Neutrality – öffnen wir Raum für mehr Solidarität. Feministische Schwesternschaft entsteht jedoch erst, wenn Flinta* ihre Daseinsberechtigung nicht länger primär ihrer Attraktivität zu verdanken haben, wenn sie dem Druck, wenig Raum einzunehmen, widerstehen und wenn unsere Mütter ohne Scham über ihre eigenen Verletzungen sprechen. Solidarität wird schließlich erst dann gelingen, wenn wir solidarisch sind mit dem eigenen Körper. Wenn wir ihn als Freund*in wahrnehmen, seine Signale erkennen und ernstnehmen.
Also, Schwestern, fragt doch mal eure Hände und Herzen, wie es ihnen heute geht.
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