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Delegation in der Türkei festgenommen„Das ist eine neue Eskalationsstufe“

In der Türkei wurde eine deutsche Delegation linker Rojava-Unterstützer:innen festgenommen. Linken-Chef Jan van Aken fordert ihre sofortige Freilassung.

Jan van Aken, Bundesvorsitzender der Linkspartei Foto: Miriam Klingl
Pascal Beucker

Interview von

Pascal Beucker

taz: Eine deutsche Delegation, die sich im Südosten der Türkei aufgehalten hat, soll dort von der Polizei festgesetzt worden sein. Mit dabei sind auch Mitglieder der Linkspartei. Haben Sie zu ihnen Kontakt und wissen Sie, wie es Ihnen derzeit geht?

Jan van Aken: Wir sind im Kontakt mit dem Anwalt und auch mit Leuten, die Kontakt zur Gruppe haben. Aber unsere Informationslage ist bislang noch sehr dünn. Wir müssen jetzt erst mal Kontakt zu den Gefangenen herstellen, um Näheres über ihre Situation zu erfahren. Es gibt eine Information, dass die Gruppe derzeit nach Istanbul gebracht wird und dann möglicherweise nach Deutschland abgeschoben wird. Das ist aber noch von keiner Stelle bestätigt.

taz: 16 Menschen sollen der Delegation angehört haben. Um wen handelt es sich da?

Van Aken: Es ist eine Solidaritätsdelegation. Ich weiß, dass ein Mitglied von der Linksjugend Solid mit dabei ist und ein Mitglied der Linken aus Niedersachsen. Ansonsten kenne ich die anderen Teilnehmer nicht.

Bild: dpa
Im Interview: Jan van Aken

geboren 1961, ist Vorsitzender der Partei Die Linke. Er ist Biologe und Außenpolitik-Experte, war Campaigner bei Greenpeace, Biowaffen-Inspekteur bei der UN. Er führt die Linkspartei seit 2024 gemeinsam mit Ines Schwerdtner.

taz: Was war das genaue Ziel der Delegation?

Van Aken: Sie wollte die Proteste in den kurdischen Gebieten gegen die türkischen Angriffe auf Rojava begleiten. Auch ging es darum, mögliche Menschenrechtsverletzungen der türkischen Behörden zu dokumentieren. Es ist ja immer die Aufgabe von solchen Delegationen, durch internationale Beobachtung Teilnehmende an Protesten zu schützen.

taz: Wissen Sie, was ihnen von den türkischen Behörden vorgeworfen wird?

Van Aken: Nein, das wissen wir nicht. Wir haben zwar auch Kontakt zum Auswärtigen Amt, das versucht, die Festgenommenen konsularisch zu betreuen. Aber auch das scheint noch nichts Genaueres zu wissen.

taz: Was erwarten Sie von der Bundesregierung?

Van Aken: Dass sie Druck auf die türkische Regierung macht, dass die Delegationsmitglieder sofort freigelassen werden. Ich habe selbst häufiger an solchen Delegationen teilgenommen. Dass eine solche Delegation komplett festgenommen wird und dann über Nacht in Haft bleiben muss, das gibt es sehr, sehr selten. Das ist eine neue Eskalationsstufe und ich finde, da muss die Bundesregierung entsprechend handeln.

taz: An der türkisch-syrischen Grenze wurde jetzt auch eine andere Solidaritätsgruppe, die People’s Caravan, gestoppt. Die türkische Grenzpolizei soll die Pässe der Teilnehmenden einbehalten haben. Was wissen Sie darüber?

Van Aken: Es ist ganz offensichtlich, dass die türkische Regierung eine internationale Beobachtung von dem, was in Kurdistan passiert, verhindern will. Ich würde mir wünschen, dass die Bundesregierung hier politisch klar ist. Sie sollte den türkischen Botschafter in Berlin einbestellen und ihm sehr deutlich sagen, dass das so nicht geht. Menschenrechte und Meinungsfreiheit sind sehr hohe Güter.

taz: Wie ist Ihre Einschätzung der Situation in in Nord- und Ostsyrien?

Van Aken: Erst mal ist es gut, dass die Waffenruhe zwischen der syrischen Zentralregierung und der kurdischen Selbstverwaltung verlängert wurde. Aber die Situation erscheint trotzdem weiter bedrohlich. Es droht ein Ende der autonomen Selbstverwaltung in Nordostsyrien. Am meisten macht mir Angst, dass auch weiterhin eine richtige Eskalation in einen kurdisch-arabischen Krieg droht, in den auch die kurdischen Organisationen im Nordirak einbezogen sein könnten. Deswegen hoffe ich, dass es bei den Waffenstillstandsverhandlungen zu einer Lösung kommt, bei der das vermieden werden kann.

taz: Glauben Sie denn, dass von der kurdischen Selbstverwaltung in Rojava noch etwas übrigbleibt?

Van Aken: Die Frage ist, wie viel Zugeständnisse die Kurden machen müssen. Bis jetzt ist ihnen ja wenig angeboten worden von der syrischen Zentralregierung. Es muss aber irgendeine Art von Autonomiestatus geben. Das ist nun mal eine einzigartige demokratische Selbstverwaltung, und zumindest Teile dieser Strukturen sollten unbedingt erhalten bleiben. Das gilt insbesondere für die Rolle der Frauen in der Selbstverwaltung. Der syrische Machthaber Ahmed al-Scharaa ist ein Islamist, nach dessen Auffassung Frauen in der Politik oder dem Militär gar nichts zu suchen haben. Aber die Beteiligung von Frauen hat eine hohe Bedeutung für die kurdische Selbstverwaltung. Da muss noch sehr viel mehr kommen von der syrischen Zentralregierung, um eine Verständigung zu erreichen.

taz: Könnte Deutschland dabei eine Rolle spielen?

Van Aken: Auf jeden Fall darf die Bundesrepublik jetzt nicht einfach ihr Verhältnis zu den Machthabern in Syrien normalisieren. Ich halte es für ein Unding, dass die Einladung an al-Scharaa immer noch bestehen bleibt, während der gleichzeitig Drusen, Christen, Aleviten und Kurden überfällt. Ich bin ja immer dafür, dass man auch mit den Bösewichtern dieser Welt spricht. Aber wenn das nur dazu dient, Menschen besser abschieben zu können, und man ansonsten alle Menschenrechtsverbrechen einfach in Kauf nimmt, halte ich das für falsch. Deshalb bin ich auch dafür, dass al-Scharaa sofort ausgeladen wird, um ihm klarzumachen: Bis hierhin und nicht weiter.

taz: Was kann die Linkspartei tun?

Van Aken: Was ich als Linker in Deutschland tun kann und muss: Solidarität zeigen. Rojava war bislang eine Blaupause für die Möglichkeit einer demokratischen Entwicklung im Nahen Osten. Das gilt es jetzt zu verteidigen. Außerdem kann es den bedrängten Menschen in Kurdistan Mut machen, wenn wir ihnen zeigen, dass sie nicht alleine stehen. Das ist wichtig. Und wir müssen Druck auf die Bundesregierung machen, dass sie sich endlich klar verhält gegenüber den syrischen Machthabern und auch gegenüber der türkischen Regierung.

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12 Kommentare

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  • "Es ist ja immer die Aufgabe von solchen Delegationen, durch internationale Beobachtung Teilnehmende an Protesten zu schützen."

    Was ich momentan nirgends rauslesen kann (kann auch mein eigenes Verschulden sein): In welchem Auftrag ist diese Gruppe unterwegs?

    Definition "Delegation", z.B.:



    "Als Delegation wird in der Organisationslehre Personal bezeichnet, das im Außenverhältnis mit der Führung von Verhandlungen im Rahmen der Stellvertretung beauftragt ist. (...) Der Rechtswissenschaftler Johann Heinrich Thöl lieferte bereits 1841 eine heute noch brauchbare Definition der Beteiligten einer Delegation. Bei der Delegation gibt der Delegant einem anderen (Delegat, Delegierter, Unterhändler) den Auftrag, mit einem Dritten (Delegatar) zu verhandeln."

  • Es besteht eine Reisewarnung des auswärtigen Amtes, die genau vor dieser Gefahr warnt:

    "Es gibt weiterhin Fälle, in denen deutsche Staatsangehörige willkürlich festgenommen, mit einer Ausreisesperre belegt oder an der Einreise in die Türkei gehindert werden. [...]"

    www.auswaertiges-a...isicherheit-201962

    Wenn jetzt die Hilfe der Bundesregierung eingefordert wird, sollte das der Vollständigkeit halber nicht unerwähnt bleiben.

    • @Moby Dick:

      Es sind keine Touristen, sondern Menschen, die sich für die unterdrückten Kurden einsetzen. Ihnen gebührt grosser Respekt, weil sie trotz der Reisewarnungen dorthin reisen. Denen ist die Gefahr natürlich bewusst. So wird ja



      gerade dieses unmenschliche, undemokratische Regime aufgedeckt.



      Nicht Äpfel mit Birnen verwechseln.

      • @ Christoph:

        Ich finde nicht, daß Moby Dick irgendwas verwechselt.



        An den ehrenwerten Motiven der Gruppe zweifle ich nicht, aber der Ablauf stellt sich sachlich betrachtet für mich so dar:

        - Es gibt eine Warnung des Auswärtigen Amts (obigem Link folgen und durchlesen ist zu empfehlen),

        - die Gruppe ist trotzdem dorthin gereist um z.T. genau das zu tun, wovor dringend gewarnt wird,

        - voraussehbar und erwartungsgemäß wird die Gruppe festgenommen, alles andere wäre eine Überraschung gewesen,

        - jetzt sollen die Warnenden in die dort geltende Justiz eingreifen und die Gewarnten raushauen.

      • @ Christoph:

        Wie kommen Sie auf Touristen? Ich glaube, die Verwechslung ist bei Ihnen?

  • Der windelweiche Umgang der deutschen Regierung mit Erdogan trägt die Schuld daran, dass dieser selbstherrliche Despot machen kann, was er will.



    Es gibt keine Konsequenzen für dessen unmenschliche Aktionen.



    Hauptsache es kommen keine syrischen Flüchtlinge nach D.



    Wie erbärmlich ist das?



    Moral war gestern!

    • @ Christoph:

      Erdogan bzw die Türkei beherbegt seit Jahren die meisten Flüchtlinge weltweit.



      Das darf man nicht vergessen.



      Über 4 Millionen Registrierte, davon über 3 Mio Syrer, plus die Anzahl der Unregistrierten, die Zahl dafür kennt kein Mensch...



      Die EU und Deutschland im Speziellen wird niemals ernsthaft Erdogan kritisieren, so lange der diese Massen von der EU Außengrenze abhält.

  • Unabhängig von dem anmaßenden türkischen Machtgehabe -



    Von welchem "Kurdistan" spricht Herr van Aken hier? Es gibt kein Kurdistan, vielleicht sollte man das ihm mal sagen.



    Die Kurden siedeln verstreut und nicht zusammenhängend von der Türkei bis tief in den Iran, Irak und Syrien. Sie leben dort aber keinesfalls allein, sondern neben zuforderst Arabern und Persern, aber auch diversen Angehörigen der Turkvölker undundund...



    Und DIE Kurden gibt es auch nicht. Die Kurden sind alles andere als homogen, von Sunniten über Schiiten bis hin zu Eziden, Aleviten und ja sogar Christen ist da alles dabei. Viele von ihnen sind sich spinnefeind untereinander.



    Die Fixierung van Akens als auch der taz bezüglich dieser Region stets allein auf den kurdischen Blickwinkel ignoriert völlig die tatsächliche Vielfältigkeit dieses autonomen Gebiets.



    Durch den Krieg ist die Lage unübersichtlich und stetem Wandel unterzogen, trotzdem stellen 'die Kurden' entgegen des Eindrucks der durch taz und van Aken erweckt wird, nur eine Minderheit der Bevölkerung in diesem Gebiet.



    www.aljazeera.com/...ds-call-for-unity/

    • @Antje1971:

      Sehr überzeugend, dass sie auf den wichtigsten Propagandakanal der Islamisten weltweit verweisen, da wird zumindest klar woher der Wind weht.



      Natürlich sind die Kurden leider notorisch untereinander zerstritten, trotzdem ist es das größte Volk ohne eigenen Staat. Dieser Umstand und die Tatsache dass die YPG eine der ganz wenigen Akteure im nahe und mittleren Osten darstellen, die mit europäischen Werten halbwegs kompatibel sind, macht jede Solidarität mit Rojava ehrenwert! Das ist der Linke Delegation hoch anzurechnen, es sollte eigentlich Sache der Bundesregierung sein. Beschwichtigen funktioniert bei faschistoiden Figuren wie Erdogan nie.

    • @Antje1971:

      ...und was bitte ändert deine, wenn auch wissenswerte Aufklärung an der Unterdrückung sehr vieler Kurden, eben hier in der Türkei und auch anderswo?



      Wo nach wie vor Kurdische Bürgermeister gegen regierungsnahe Leute ausgetauscht werden. Oder kriminalisiert unter fadenscheinigen Begründungen weggesperrt werden. Nicht Grund genug???

      • @ Christoph:

        Die Kurden stellen teilweise nur 10% der örtlichen Bevölkerung, beanspruchen aber die Deutungshoheit über das gesamte Gebiet.



        Derlei Ungleichgewicht gab's zuletzt im Irak als die sunnitische Minderheit unter Hussein die Schiiten unterjochte.



        Die Ungerechtigkeit der türkischen Besatzer durch die nächste Ungerechtigkeit (einen kurdisch geführten Staat/Autonomie) zu ersetzen ist nicht zielführend, bzw wird keinen dauerhaften Frieden bringen.



        Es ist wenig hilfreich, wenn van Aken oder die taz hier regelmäßig dieses Gebiet als kurdisches Gebiet verklären und damit beim unbewussten Leser die Idee pflanzen, als sei das ein homogener Raum.



        Der Nahe Osten hat genügend Konfliktherde, es braucht wahrlich nicht noch ein Konfliktgebiet mehr...

  • Wenn Frauenrechte und eine Rätedemokratie Erfolg zeigen ist es kein Wunder, wenn das Projekt den Erdboden gleichgemacht werden soll.

    Dass auch noch eine Delegation verhaftet wird ist in einer Diktatur erwartungsgemäß.