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Aufnahme von Af­gha­n*in­nenAbfuhr statt Einreise

Rund 2.300 Af­gha­n*in­nen warten mit einer Aufnahmezusage der deutschen Regierung auf ein Visum. Nun soll die Hälfte doch nicht kommen dürfen.

Schutzlos im Staub: Mitarbeiter pakistanischer Behörden zerstören Mitte Oktober ein afghanisches Flüchtlingscamp Foto: Sabir Mazhar/AA/imago

Fast der Hälfte der 2.308 gefährdeten Af­gha­n*in­nen mit Aufnahmezusage der Ampelregierung, die sich beim Regierungswechsel im Mai noch in Pakistan befanden, hat Schwarz-Rot diese Zusage wieder entzogen. Diese Angaben machte die Bundesregierung auf Anfrage der Linke-Bundestagsabgeordneten Clara Bünger. Demzufolge konnten 788 von ihnen nach nochmaliger Überprüfung nach Deutschland einreisen. 410 weitere – 360 aus dem Bundesaufnahmeprogramm (BAP) und 50 aus dem Ortskräfteverfahren (OKV) – befänden sich noch im Ausreiseverfahren. Ursprünglich waren alle zur Visaerteilung in die deutsche Botschaft in Islamabad eingeladen worden.

Das bedeutet zum einen, dass Berlin 1.110 dieser Menschen die Einreise schließlich doch verwehrte. Auch einige der verbleibenden 410 könnte das noch treffen. Zum anderen redet die Bundesregierung überhaupt nicht mehr von jenen 79 Af­gha­n*in­nen die Pakistan trotz deutscher Aufnahmezusage im August nach Afghanistan abschob. Dort leben sie seither in einem deutschen Gästehaus, aber unter permanenter Kontrolle der Taliban. Es ist unklar, ob ihnen ebenfalls die Aufnahmezusage entzogen wurde. Weitere damals abgeschobene Af­gha­n*in­nen verließen offenbar seit Sommer aus Angst die Unterkunft und tauchten unter. „Seit nunmehr fünf Monaten hat die Bundesregierung keine Maßnahmen ergriffen, um diese Menschen nach Pakistan zurückzubringen“, kritisiert die Organisation Kabul Luftbrücke, die gefährdete Af­gha­n*in­nen unterstützt.

250 Klagen anhängig

BAP und OKV sind die einzigen Afghanistan-Programme, die die Bundesregierung überhaupt noch bearbeitet. Verbliebenen Af­gha­n*in­nen aus zwei weiteren Programmen – der Menschenrechtsliste und dem BAP-Vorläufer Übergangsprogramm – teilte Berlin mit, an ihrer Aufnahme bestünde nun „kein politisches Interesse mehr“. Aus allen vier Programmen sind aber noch über 250 Klagen vor deutschen Gerichten anhängig.

Linke-Abgeordnete Clara Bünger nannte das Vorgehen der Regierung verantwortungslos, schäbig und menschlich unerträglich

Bünger nannte das Vorgehen der Regierung „verantwortungslos, schäbig und menschlich unerträglich“. Lediglich in drei Prozent der überprüften Aufnahmeanfragen habe es Sicherheitsbedenken gegeben, sagt Bünger. Die Grünen Marcel Emmerich und Schahina Gambir sprachen von einem „Skandal“ und forderten Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) auf, alle In­ha­be­r*in­nen von Aufnahmezusagen „umgehend“ zu evakuieren.

Laut Kabul Luftbrücke befragten Taliban am Montag bei einer Razzia erstmals die Bewohner des Gästehauses in Kabul und nahmen ihre Daten auf. Mitarbeitende seien festgenommen worden, kamen aber schnell wieder frei, hieß es. Allen droht Übles, sollten sie den Schutz des Gästehauses gänzlich verlieren und dem Regime vollends in die Hände fallen.

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