Fitness und Literatur in Berlin: „Hier kann man sich ein sehr eigenes Selbst erschaffen“
Im Literarischen Colloquium sprechen beim „Kraftsportabend“ Autor*innen über Körperbilder und Fremdzuschreibung im Gym. Eine davon: Verena Keßler.
taz: Frau Keßler, am Freitag unterhalten Sie sich mit anderen Schreibenden im Literarischen Colloquium Berlin über das Thema Kraftsport. Die Heldin Ihres Romans „Gym“ sucht anfangs scheinbar nur einen anspruchslosen Brotjob und landet ausgerechnet im Fitnessstudio. Was hat Sie in diesem vermeintlich anspruchslosen Ort literarisch interessiert?
Verena Keßler: Also erst einmal fand ich es spannend, dass es das so noch nicht gegeben hat. Jedenfalls noch nicht in der Form. Mir war bis dahin kein Roman bekannt, der fast nur im Fitnessstudio spielt, obwohl das ja im Alltag vieler Menschen ein wichtiger Ort ist. Es hat mich auch gereizt, den Text dort kammerspielartig anlegen zu können, weil es ein abgeschlossener Raum ist, mit relativ übersichtlichem Personal. Dass die Figuren dem Literarischen scheinbar fern sind, zum Beispiel in der Art, wie sie sprechen, fand ich eine schöne Herausforderung.
taz: Ihre Heldin macht sich zunächst nur lustig über diese Welt. Für sie ist es das Gym nur ein Ort, an dem sie sich wie ein Fremdkörper fühlt. Warum?
Keßler: Meine Protagonistin kommt aus einer Welt, in der man sich über geistige Leistung profiliert hat, mit ihrer Bildung und Intelligenz ist sie da weit gekommen. Im Fitnessstudio zählt das auf einmal nichts mehr, das fand ich reizvoll. Es ist außerdem fürs Erzählen interessant, wenn die Figur eine Außenperspektive auf die Welt hat, in der sie sich aufhält, weil sich so das Besondere daran beschreiben lässt.
Das Buch
Verena Keßlers Roman „Gym“ erschien 2025 im Hanser Berlin, 192 Seiten, 23 Euro.
Die Autorin
Verena Keßler, geboren 1988 in Hamburg, lebt in Leipzig. 2023 erschien ihr Roman „Eva“ über vier Frauen mit sehr unterschiedlicher Haltung zum Thema Mutterschaft. 2020 ihr Debütroman „Die Gespenster von Demmin“, der den Massensuizid im Frühjahr 1945 in der pommerschen Kleinstadt thematisiert, als die Rote Armee den Ort einnahm.
Die Veranstaltung
Am 16.1. ab 19.30 Uhr unterhält sich Verena Keßler im Literarischen Colloquium Berlin Wannsee am Sandwerder 1 unter anderem mit Selma Kay Matters und Res Sigusch über deren Bücher „Muskeln aus Plastik“ und „Begründete Ängste“, über Fitness als Rüstung, Sport als Selbstoptimierung und die Verschiebung stereotyper Geschlechterkischees im Gym. (sm)
taz: Die Lüge, sie sei gerade Mutter geworden, entsteht sehr früh – aus Scham über den eigenen Körper und dem Gefühl, zu dick für diese Welt zu sein. Ist diese Notlüge für sie eher ein Schutzmechanismus oder bereits der erste Schritt in eine Selbstverstrickung?
Keßler: Also eigentlich schämt sie sich gar nicht so sehr für ihren Körper. Aber in dem Moment, wo sie darauf hingewiesen wird, dass sie so, wie sie aussieht, dort nicht so gut reinpasst, kann sie mit der Kritik nicht umgehen. Sie hat ein Problem damit, Schwächen zuzugeben. Also liefert sie eine Begründung, gegen die man nichts sagen kann. Dass es ein Problem werden könnte, diese Lüge aufrechtzuerhalten, denkt sie nicht. Sie hält sich für klüger als alle anderen und meint, diese kleine Aufgabe, die Leute davon zu überzeugen, dass sie ein Kind hat, könnte sie einfach nebenbei bewältigen.
taz: Mutterschaft ist eines der beiden großen Weiblichkeitsideale schlechthin. Warum ausgerechnet dieses Alibi?
Keßler: Für mich war es erst mal das Naheliegendste. Also vielleicht ist kurz nach der Entbindung der einzige Moment, in dem es gesellschaftlich akzeptiert ist, dass man einen Bauch hat, wo es wirklich niemanden gibt, der das kritisiert, zumindest für einen kurzen Zeitraum. Das kam beim Schreiben instinktiv und kommt für die Figur vielleicht auch instinktiv. Als ich mir das ausgedacht habe, war mir auch noch nicht ganz klar, was ich dann daraus alles machen kann.
taz: Ich weiß gar nicht, ob ich das glauben darf! Denn im Grunde passt dann alles immer besser zusammen. Wie sie anfängt zu trainieren. Wie sie immer süchtiger danach wird. Mit der Bodybuilderin Vick tritt schließlich ein völlig anderes Körperideal auf. Verkörpert sie für die Erzählerin eine Möglichkeit, stereotype Weiblichkeitsbilder hinter sich zu lassen – oder nur eine neue, ebenso rigide Norm?
Keßler: Ich habe mir relativ früh überlegt, dass eine Bodybuilderin eine Rolle spielen wird, auch wenn ich nicht von Anfang an wusste, welche. Und im Buch ist das auch nicht gleich klar, aus Faszination und Anziehung wird irgendwann Konkurrenz. Vick ist eine Person, die sich überhaupt nicht einfügt in das, was üblicherweise von Frauen verlangt wird. Sie ist weder Mutter noch hat sie einen Körper, der im herkömmlichen Sinne als besonders attraktiv gesehen wird. Sie hat einfach ein sehr eigenes Selbst erschaffen. Und das findet die Protagonistin natürlich anziehend, weil sie ja mit den üblichen Weiblichkeitsbildern auch nie so richtig klargekommen ist.
taz: Angedeutet wird, dass Ihre Protagonistin in ihrer ersten Karriere auch an sozialen Unterschieden zerbrochen ist – an einer Konkurrentin mit Stipendien, makelloser Bildung, internationalem Lebensstil. Welche Rolle spielt Klassenherkunft für dieses Scheitern und dann vielleicht auch für die Faszination am Fitnessstudio?
Keßler: Ich glaube, es spielt vor allem für ihren Ehrgeiz eine große Rolle. Dass sie was aus sich machen will, dass sie besonderen Erfolg haben will, um ihre Herkunft hinter sich zu lassen. Und dass sie aber auch permanent diese Angst hat, wieder zurückzufallen, weil sie eben nicht selbstverständlich in diese höheren Kreise gehört. Sie hat sich das erarbeitet. Und ihre Zugehörigkeit hängt immer an der Leistung, die sie erbringt. Deswegen ist sie so verbissen. Das Fitnessstudio dagegen ist ihr zwar als Ort fremd, aber die Leute da sind ihr eigentlich viel näher, als sie vielleicht glaubt.
taz: Sie mag diese Leute eigentlich auch?
Keßler: Zumindest einige (lacht). Also zum Beispiel die Schwester des Studiobetreibers, mit der sie eigentlich gerne befreundet wäre, wenn sie denn die Fähigkeit dazu hätte, sich überhaupt mit jemandem anzufreunden.
taz: Je stärker sich die Erzählerin in Disziplin und Training hineinsteigert, desto komischer – und zugleich unheimlicher – wird der Text. War Humor für Sie ein Mittel, diesen Kontrollverlust sichtbar zu machen?
Keßler: Der Humor ist auch erst beim Schreiben reingekommen. Das funktioniert in dieser Welt, in der es oft wahnsinnig ernst zugeht, gut, solange die Protagonistin das alles nicht so ernst nimmt. Aber in dem Moment, in dem sich ihre eigene Einstellung ändert, kippt es in etwas anderes, dann wird es weniger lustig und stattdessen ein bisschen eklig und horrorartig.
taz: Am Ende entlädt sich diese ganze Anspannung in einer Art Gewaltrausch. Ist das eher eine Eskalation oder eine logische Konsequenz des übersteigerten Selbstoptimierungswahns?
Keßler: Ich glaube, die Eskalation ist die logische Konsequenz, weil diese Figur keine innere Bremse hat. Also, weil sie eben nicht von allein aufhören wird. Weil sie so eindimensional fixiert ist.
taz: Heute sehen viele junge Menschen das Fitnessstudio ganz anders als die Heldin Ihres Buches: nicht als Ort der Selbstdisziplinierung, sondern als sozialen Ort nach Corona, vielleicht auch als Gegenraum zu Social Media. Steht diese Lesart für Sie im Kontrast zur Welt von „Gym“ – oder ergänzt sie diese?
Keßler: Ich glaube, das Fitnessstudio kann beides sein, ein einsamer Ort der Selbstoptimierung oder eine soziale Begegnungsstätte. Meiner persönlichen Beobachtung nach trainieren viele Leute eher für sich und das macht diesen Sport sicher auch so beliebt. Man kann einfach hingehen, wann es einem passt, muss sich nach niemandem richten, das ist natürlich viel einfacher in den Alltag zu integrieren als zum Beispiel Mannschaftssport. Ich sehe aber auch Menschen, die sich da treffen, einander Hilfestellungen bei Übungen geben oder ihren Drink danach zusammen nehmen. Also, ich denke, die Leute gehen aus sehr unterschiedlichen Gründen ins Fitnessstudio. Da ist irgendwie alles dabei.
taz: Ist es vielleicht ein Ort geworden, der klassenübergreifender geworden ist?
Keßler: Mag sein. Dazu muss man aber auch sagen, dass es sehr unterschiedliche Studios und Preisklassen gibt (lacht).
taz: Das stimmt natürlich. Trotzdem nehme ich wahr, dass junge Leute Sport mit weniger Leistungsdruck und eher als Selfcare betreiben, bei der man auch mal aufhören kann, wenn es anfängt wehzutun, ohne dafür ausgelacht zu werden.
Keßler: Das ist, glaube ich, sehr individuell. Ich habe aber eher nicht den Eindruck, dass Leistungsdruck und der Wunsch nach Selbstoptimierung für junge Leute keine Rolle spielen, im Gegenteil. Die ganze Gym-Welt findet sehr stark auch auf Social Media statt, wer da unterwegs ist, hat extrem viel Gelegenheit, sich zu vergleichen und irgendwelchen Idealen und Körpertrends hinterherzurennen.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert