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Mauer des Nicht-Schweigens: Die Gedenkstätte für den gestorbenen Kremlkritiker Alexej Nawalny in Dresden Foto: Felix Adler/Die Zeit

Exilrussen unter BeschussPutins langer Arm bis Dresden

In Dresden pflegen russische Exil-Oppositionelle ein Nawalny-Mahnmal. Ihr Verein wurde in Russland nun als „unerwünschte Organisation“ eingestuft.

A n einem kalten, sonnigen Dezembertag kümmert sich Konstantin Kosov um die Blumen. Er hockt vor einer Mauer, an der eine Metallplakette an das einstige Stasi-Gelände hier erinnert, und stellt Chrysanthemen und Nelken, rot und weiß, in eine Vase. Sorgfältig rückt er Kerzen zurecht, holt ein Tuch hervor und putzt die gerahmten Fotos. Sie zeigen Alexej Nawalny, den russischen Oppositionellen und bis zu seinem Tod einer der schärfsten Kritiker Putins.

Für Konstantin Kosov ist Nawalny ein Held. Jemand, der ein anderes Russland wollte, genau wie er. Nawalny hat einen Anschlag mit dem Nervengift Nowitschok überlebt. Er machte damals den russischen Geheimdienst dafür verantwortlich, Regimekritiker wie ihn aus dem Weg räumen zu wollen. Später wurde er in Russland festgenommen und starb vor knapp zwei Jahren in einem sibirischen Straflager. „Es gibt keinen besseren Ort“, sagt Kosov, „um seiner zu gedenken.“

Denn an dieser Kreuzung in Dresden war früher die Schnittstelle von Stasi und KGB, den Geheimdiensten der DDR und der Sowjetunion. Hier, in der Angelikastraße steht die alte KGB-Zentrale, eine Villa, in der Wladimir Putin von 1985 bis 1990 als KGB-Offizier gearbeitet hat. Das Haus ist inzwischen Privatgelände. Auf der anderen Straßenseite befindet sich das ehemalige Stasigebäude, heute eine Gedenkstätte. Früher war das Gelände von einer Mauer umgeben. Ein kleines Stück davon ist geblieben, als Erinnerung an Überwachung und Repressionen. Aber auch daran, dass 1989 die Stasi-Zentrale besetzt wurde. Dass Menschen aus Zivilgesellschaft und Bürgerrechtsbewegungen das System gestürzt haben.

„Das passt ideal für einen Gedenkort für einen Menschen, der in einem ähnlichen Kampf sein Leben gegeben hat“, sagt Kosov.

Auch in Dresden gibt es Putin-Unterstützer und Putin-Gegner. Die Konfrontationen zwischen den Lagern sind teils erbittert

In den vergangenen zwei Jahren ist an dieser Mauer ein improvisiertes Nawalny-Memorial gewachsen. Kosov und seine Mitstreiter hatten nach Nawalnys Tod die Idee dazu und pflegen es seither. Die Leitung der Stasi-Gedenkstätte akzeptiert das Memorial, man kennt sich. Sie sehe die Nawalny-Stätte an der Stasi-Mauer als „eine Art Kommentar zu dieser Geschichte, die wir hier vermitteln“, sagt Ulrike Gärtner, Mitarbeiterin der Gedenkstätte. „Wir sind ein Ort, der für Toleranz einsteht, und sehen das auch als zivilgesellschaftliches Engagement.“

Konstantin Kosov ist der Vorsitzende des Vereins „Russischsprachigen Demokratinnen und Demokraten Sachsen“ Foto: Felix Adler/Die Zeit

Auch Nawaly selbst war hier. Ende 2020 drehte er in Dresden, an Putins früheren KGB-Stätten, Szenen für seinen letzten Film. Es war eine seiner letzten Reisen in Freiheit.

Seitdem hat der Diktator Wladimir Putin seine Macht in Russland gefestigt. Seit wichtigster Gegner Nawalny ist tot. Und der Einfluss von Putins Regime ist auch in der sächsischen Hauptstadt spürbar. Auch hier in Dresden gibt es Putin-Unterstützer und Putin-Gegner. Die Konfrontationen zwischen den Lagern sind teils erbittert.

Konstantin Kosov floh 2022, wenige Monate nach Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine, aus Russland. In Sankt Petersburg arbeitete der 40-Jährige als Feuerwehrmann und zog 2019 als Politiker in ein Kommunalparlament ein. Er wollte im Kleinen etwas verändern, demonstrierte für Alexej Nawalny, unterschrieb Petitionen gegen Putin und spürte deshalb immer mehr Druck. „Mir wurde klar, dass es für Menschen mit meinen Ansichten gefährlich wurde, in Russland zu bleiben,“ sagt er.

Mit seiner Familie fand er Zuflucht in Deutschland. Inzwischen leben sie in Freiberg, etwa 40 Kilometer von Dresden entfernt. Er bemüht sich, lernt die deutsche Sprache, versucht seine Zertifikate als Feuermann anerkennen zu lassen und hat Anschluss an die russischsprachige Community gefunden. 2024 gründeten sie einen Verein, Kosov ist der Vorsitzende der „Russischsprachigem Demokratinnen und Demokraten Sachsen“.

Der Verein ist eine Anlaufstelle für Migranten aus Russland und anderen post-sowjetischen Ländern. Er hat etwas mehr als zwanzig Mitglieder, die sich zum Diskutieren treffen und Veranstaltungen organisieren.

Aufnahmen aus dem Festssaal der ehemaligen Stasi-Zentrale in Dresden, die heute eine Gedenkstätte ist Foto: Felix Adler/Die Zeit

Gefahren unter Putins Regime sind nur eine Fußnote

In Dresden gibt es aber nicht nur Kosovs Gruppe, sondern auch noch einen anderen Verein: Das Deutsch-Russische Kulturinstitut (DRKI) in Dresden. Das Zentrum gibt es seit über 30 Jahren, das Vereinshaus in einer Villa ist in russischem Besitz. Hier gibt es Kulturveranstaltungen und eine große Bibliothek mit russischen Büchern. Auch hier geht es um Politik, allerdings versammeln sich hier eher Putin-Befürworter.

An einem Abend Anfang Dezember steht eine Propaganda-Veranstaltung der linksradikalen Kommunistischen Organisation auf dem Programm, mit der das DRKI kooperiert. Eine Autorin stellt ihr Buch „Der Bandera-Komplex“ vor. Im Saal wird über den „ukrainischen Faschismus“ geredet, ein häufig genutztes Narrativ antiukrainischer Propaganda des Kremls. Flyer mit Aufschriften wie „Kriegstreiber Bündnis Nato“ und „Stoppt den Krieg gegen Russland“ werden verteilt. Es ist ein Abend, der der russischen Führung gefallen würde.

Draußen vor dem Haus, abgeschirmt von Polizisten, hat sich eine kleine Gruppe zum Protest gegen die Veranstaltung versammelt. Dresdner Kommunalpolitiker, Menschen aus der ukrainischen Community und Mitglieder des russischen Demokraten-Vereins, darunter auch Konstantin Kosov, sind dabei. In seiner Rede erklärt er, dass in Russland selbst das Wort „Krieg“ verboten sei und man von der „Spezialoperation“ sprechen müsse. „Heute kann man mit Sicherheit sagen, dass die russische Propaganda im eigenen Land total ist“, sagt er. „Und nun wollen sie das Gleiche in Europa und im Rest der Welt wiederholen.“

Wolfgang Schälike, 88 Jahre alt, ist der Leiter des Deutsch-Russischen Kulturinstituts. Bei einem Treffen mit ihm wenige Tage nach der antiukrainischen Lesung verteidigt er die Veranstaltung. „Wir haben der Kommunistischen Organisation unsere Räume zur Verfügung gestellt. Da haben wir keine Berührungsängste“, sagt er.

In DDR-Zeiten war Schälike bei der Nationalen Volksarmee. In den 80er-Jahren habe er „als Oberoffizier im Technischen Komitee der Vereinten Streitkräfte“ in Moskau gearbeitet. Damals kannte er Putin nicht, sagt er, später habe er ihn bei einigen offiziellen Terminen als Zuschauer erlebt. Im Herbst 2025 allerdings war Schälike Ehrengast bei einer hochkarätig besetzten Konferenz in Moskau, einem „Kooperationsforum“ zum „100. Jahrestag der öffentlichen Diplomatie“, bei dem unter anderem auch Maria Sacharowa war, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, eingeladen war. Natürlich habe er guten Kontakt nach Russland, auch zu Funktionären, „das ist doch nicht verboten, oder?“, sagt er. Wenn man ihn nach Putin fragt, sagt er, der sei ein Präsident, der die russischen Interessen vertrete.

Und was denkt Schälike über die russischen Oppositionellen in Dresden? Es tue ihm leid, wenn Menschen ihr Land verlassen müssen, sagt er. „Aber ich glaube nicht, dass das sehr viele Menschen wegen politischer Verfolgung betrifft, das ist nur eine sehr kleine Gruppe.“ Die Gefahren unter Putins Regime, für ihn sind sie nur eine Fußnote.

So einen kleinen Verein wie unseren einzustufen, das zeigt ihre Angst

Konstantin Kosov

Schälike und Kosov stehen politisch auf entgegengesetzten Seiten. Doch in einem Punkt sind sie sich einig: Beide bezweifeln, dass die aktuellen Friedensverhandlungen Erfolg haben. „Es gibt antagonistische Interessen von beiden Seiten. Ich bin skeptisch, wie man das lösen wird“, sagt Schälike. „Trump ist unberechenbar, ein amerikanischer Nationalist. Und mit Putin ist es komplizierter.“

Auch Konstantin Kosov glaubt nicht, dass es bald Frieden in der Ukraine geben wird. „Ich glaube, dass Putin diesen Krieg möglichst lange führen wird“, sagt er. „Putin braucht diesen Krieg, weil das bequem für ihn ist. Er braucht den Krieg nicht nur, um die Opposition zu bekämpfen, sondern auch um ganz allgemein seine Macht zu erhalten.“

Mitte Dezember erreicht dieser Kampf der russischen Führung gegen die Opposition dann auch Konstantin Kosov und seine Mitstreiter im Dresdner Exil.

Ein Foto in der Gedenkstätte zeigt eine Ordensverleihung an Wladimir Putin im Jahr 1987 Foto: Felix Adler/Die Zeit

In der Stasi-Gedenkstätte, wo einst Stasi-Leute und KGB-Agenten zusammensaßen, steht Kosov für den Fototermin. 1987 feierten sie hier den „Ball der Waffenbrüderschaft“, Putin erhielt einen Orden. Dokumente, Fotos und die nachgebaute Szenerie von damals sind in einer Ecke des Saals zu sehen, Kosov schaut sich die Sachen an.

Vor wenigen Tagen nahm er hier an einer Veranstaltung teil, die sein Verein mitorganisiert hatte. Men­schen­recht­le­r:in­nen sprachen dort über die Lage in Russland. Sie waren aus dem Land geflohen, weil die russischen Behörden sie als „unerwünscht“ eingestuft hatten. Kosov saß im Publikum. Damals ahnte er nicht, dass ihm und seinen Mitstreitern bald dasselbe widerfahren würde.

Im Saal vibriert sein Handy, Nachrichten leuchten auf. Eine neue Meldung aus Russland: Die Generalstaatsanwaltschaft hat seinen Verein „Russischsprachige Demokraten in Sachsen“ als „unerwünschte Organisation“ eingestuft. Eine klare Drohung, ein Versuch, einzuschüchtern. Kosov wirkt kurz irritiert. Er habe mit so etwas gerechnet, sagt er, „aber nicht, dass es so schnell passiert.“ Dann fügt er trocken hinzu: „Da haben wir ja alles richtig gemacht.“

Es ist eine willkürliche Entscheidung, es gibt keine transparenten Ermittlungen, kein Verfahren, nur ein kurzes Statement von der russischen Justizbehörde. Der Verein sei „eine antirussische Struktur“, der Projekte durchführe, „um die Führung unseres Landes sowie die Außen- und Innenpolitik der Russischen Föderation zu diskreditieren“. Ausgerechnet in Sachsen, das Bundesland wird in der Erklärung explizit erwähnt, „wo Parteien, die sich für eine Normalisierung der Beziehungen zu Russland einsetzen, eine hohe öffentliche Unterstützung genießen“. Gemeint sind damit offenbar russlandfreundliche Parteien wie die AfD und das BSW, die in Sachsen viel Zustimmung haben. Auch der sächsische CDU-Ministerpräsident Kretschmer fällt immer wieder mit russlandfreundlichen Äußerungen auf.

Warum der kleine Verein ins Visier der russischen Justizbehörde geraten ist, bleibt unklar. Ähnliche Einstufungen trafen bereits viele Medien, Wissenschaftler und zivilgesellschaftliche Akteure. In Russland wird man damit konsequent kriminalisiert. Wer als russischer Staatsbürger mit dem Verein kooperiert, sich austauscht oder ihn unterstützt, riskiert hohe Geld- oder Haftstrafen. Selbst ein Like in sozialen Netzwerken kann Konsequenzen haben. Konstantin Kosov und seine Mitstreiter haben sofort Infos auf ihrem Telegram-Kanal gepostet, die Meldung über die Einstufung und Sicherheitstipps, damit niemand in Gefahr gerät.

Einknicken will der Vereinsvorsitzende Kosov nicht. Es soll sich nichts ändern, die Arbeit weitergehen wie bisher. Auch das erklärt er an diesem Nachmittag schnell, als er in der Gedenkstätte steht. „Ich glaube, das Putin-Regime ist nicht so stark“, sagt er. „So einen kleinen Verein wie unseren einzustufen, das zeigt ihre Angst. Sie wollen Leute, die gegen das Regime sind, einschüchtern. “ Er kenne solche Bedrohungsversuche aus Russland. „Ich habe keine Angst“, sagt er. „Wir werden weitermachen. “

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