Sexismus in der Medizin: Nicht alle Herzen ticken gleich
Herzinfarkte gelten als Männerkrankheit – auch, weil die der Frauen häufig gar nicht erkannt werden. Wie kann eine gendergerechte Kardiologie aussehen?
V or drei Jahren hatte Laura Juntersdorf zum ersten Mal das Gefühl, dass etwas in ihrer Brust zerreißt. Es war so, erzählt sie, als hätte jemand ihr Herz genommen, hielte es an beiden Enden fest und zöge kräftig daran.
Wenn sie sich heute daran erinnert, verkrampft ihr Gesicht, ihre Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen. Mit beiden Händen versucht Laura Juntersdorf zu zeigen, wo der Schmerz war, ohne sich dabei zu berühren. Rund um ihr Herz sei sie empfindlich geworden, erzählt sie. Weil da diese Gewissheit sei, dass der Schmerz wiederkommt. Es ist ein kalter Dienstagnachmittag im Dezember, in enger Jeans, dunklem Pullover und mit schwarzen glatten Haaren sitzt Juntersdorf in einem Besprechungszimmer im Frauenherzzentrum des Rhein-Maas-Klinikums in Würselen bei Aachen. Hier hat sie ihre Diagnose und ein Rezept für drei unterschiedliche Medikamente erhalten.
Laura Juntersdorf hat eine Herzerkrankung, die im schlimmsten Fall, wenn sie über Jahre oder Jahrzehnte unbehandelt bleibt und andere Risikofaktoren dazukommen, in einem Herzinfarkt enden kann. Das weiß die 32-Jährige erst seit einigen Monaten – und ist damit dennoch früher dran als viele andere Frauen.
Denn Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Herzinfarkte bleiben bei ihnen oftmals unentdeckt, bis es zu spät ist. Ihre Symptome unterscheiden sich von Beschreibungen aus Lehrbüchern, Beschwerden werden immer wieder psychischen Ursachen zugeschrieben. Wenn man sich die 30-Tage-Mortalität ansieht, also die Rate der Todesfälle kurz nach einem Herzinfarkt, sterben Frauen doppelt so häufig daran wie Männer. Aber es gibt auch Fachleute, die daran arbeiten, diese diagnostische Lücke zu schließen.
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Während sich vor drei Jahren der brennende Schmerz erstmals in ihrem Brustkorb ausweitete, lag Laura Juntersdorf auf ihrer Couch im Wohnzimmer, so erzählt sie es. Ihr Herz schlug so schnell, dass sie ihren Puls im ganzen Körper hören konnte. Sie bekam große Angst und rief ihren Partner an, gemeinsam fuhren sie in die Notfallambulanz. Dort wurde Juntersdorfs Herz für gesund befunden, der zuständige Arzt schob ihre Symptome auf muskuläre Verspannungen. Sie solle die Stelle wärmen und sich ausruhen, dann werde das schon wieder weggehen, sagte er zu ihr.
Juntersdorf glaubte dem Arzt, aber merkte schnell, dass er mit seiner Diagnose danebenliegen müsse. Denn, so schildert sie es, die Beschwerden kehrten zurück, erst einmal im Monat, seit rund einem Jahr kommen sie täglich. An manchen Tagen klopft der Schmerz nur leise an und ist nach ein paar Minuten wieder weg. An anderen breitet er sich aus, zieht bis in den rechten Arm oder kriecht langsam das Schlüsselbein hoch. Dazu kommt, dass Juntersdorf oft nur schwer Luft bekommt – dabei sitzt sie in solchen Momenten am Schreibtisch oder liegt müde im Bett.
Die häufig anfallartig auftretenden Schmerzen hinter dem Brustbein, die auch in andere Bereiche des Körpers ausstrahlen können, haben einen Namen: Angina pectoris. Verursacht werden sie durch eine Durchblutungsstörung des Herzens, die unterschiedliche Ursprünge haben kann. Die häufigste Herzerkrankung ist die koronare Herzkrankheit, von der laut Schätzungen der Deutschen Herzstiftung rund fünf Millionen Menschen allein in Deutschland betroffen sind. Jedes Jahr sterben in Deutschland rund 120.000 Patient*innen daran. Dabei werden die Herzkranzgefäße durch Ablagerungen aus Blutfetten, Kalk und Bindegewebe verengt. Oft entstehen sie durch einen ungesunden Lebensstil, teilweise sind sie aber auch genetisch veranlagt. Wenn die Durchblutung des Herzmuskels an einer Stelle vollständig unterbrochen wird, kommt es zu einem Herzinfarkt.
Wirft man einen Blick auf Gesundheitsportale und in medizinische Ratgeber, ist bei der Angina pectoris häufig nur von solchen Ablagerungen die Rede. Als besonders gefährdet gelten ältere, rauchende, übergewichtige Menschen und vor allem: Männer.
Lena Seegers, Kardiologin und Leiterin des Frauenherzzentrums Frankfurt am Main
Michael Becker, Chefarzt der Klinik für Kardiologie, Nephrologie und internistische Intensivmedizin am Rhein-Maas-Klinikum in Würselen, sitzt in weißem Arztkittel an seinem Schreibtisch, auf dem Bilder seiner Kinder stehen. 2018 gründete er das Frauenherzzentrum in Würselen, es war das erste seiner Art in Deutschland. Jedes Mal, wenn Becker denkt, dass es jetzt etwas zu medizinisch werden könnte, nimmt er seinen Stift in die Hand. Er zeichnet die kranzförmigen Gefäße auf, die den Herzmuskel mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgen, dann an mehreren Stellen krakelige Linien. „So ungefähr sieht es oft bei Männern mit Angina pectoris in einer Herzkatheteruntersuchung aus“, sagt er.
Männerherzen verkalken, Frauenherzen verkrampfen
Was er damit meint: Die Blutbahnen, die eigentlich glatte Röhren sein sollten, erscheinen in der Röntgendarstellung oft wie Perlschnüre mit unterschiedlich weiten und engen Anteilen – weil Arterienverkalkungen die Gefäße zunehmend verengen und unelastisch machen. Ist das der Fall, können Medikamente verschrieben werden, die ein Voranschreiten der Verkalkungen verhindern.
Wird das Herz nicht so durchblutet, wie es soll, kann das aber auch andere Auslöser haben, die in regulären Herzkatheteruntersuchungen oft nicht sichtbar sind. Vor allem bei Frauen seien die Herzkranzgefäße meistens frei von Cholesterin und Kalk, erklärt Michael Becker. Häufiger seien plötzliche Krämpfe der großen Herzkranzgefäße, man spricht in einem solchen Fall auch von einer vasospastischen Angina pectoris. Sie führt ebenfalls dazu, dass der Herzmuskel zeitweise zu wenig Sauerstoff erhält. Die Beschwerden treten häufig in Ruhephasen auf, abends im Bett oder beim Autofahren.
Auch Herzinfarkte werden von vielen Frauen komplexer beschrieben als das, was man aus Filmen oder Lehrbüchern kennt, sagt Lena Seegers. Die 35-jährige Kardiologin leitet das Frauenherzzentrum der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. „Wir wissen mittlerweile, dass Frauen mehr Begleitsymptome haben und der Brustschmerz nicht unbedingt das Symptom ist, über das Patientinnen als Erstes berichten“, sagt sie. Viele nehmen ein allgemeines Unwohlsein wahr, Abgeschlagenheit, Übelkeit und Schmerzen im Bauch und Rücken – oft schon sehr früh, bevor sich Auffälligkeiten im EKG oder Labor zeigen.
Durch die Symptomfülle und den oft schleichenden Beginn reagieren Betroffene und auch Ärzt*innen häufig später als bei Männern, die eher einen isolierten Brustschmerz hätten, sagt Seegers. Die Folgen dieser Unterversorgung sind gut belegt, auch wenn genaue Zahlen schwer zu erheben sind. Studien zeigen jedoch, dass Frauen nach einem Herzstillstand später ein EKG oder einen venösen Zugang bekommen, seltener in eine Klinik gebracht werden und weniger lang und weniger intensiv wiederbelebt werden.
Zu Laura Juntersdorfs Termin Mitte Dezember sollen vier Monate nach der Diagnose ihre Medikamente weiter eingestellt werden. Im Besprechungszimmer sitzt sie Michael Becker gegenüber. Neben ihr sitzt ihr Vater, inzwischen komme sie nur noch in Begleitung zu Arzttermin, sagt sie, denn sie habe „einfach schon zu viele negative Erfahrungen mit Ärzten gemacht“. Sie wirkt bedrückt, wenn sie das sagt, und wenn sie ausführt, was sie damit meint, muss sie vor Unglauben manchmal auch ein bisschen lachen.
Juntersdorf kommt aus der Pflege, sie kennt viele Erkrankungen bei lateinischem Namen und weiß auch, wie ein gesundes Herz aussieht. Immer wieder habe sie Ärzt*innen von ihren Vermutungen erzählt, vor rund einem Jahr sogar selbst Angina pectoris ins Spiel gebracht. Bei Frauen ihres Alters komme das viel zu selten vor, sei die Reaktion gewesen. Ihr BH sei vielleicht zu eng und für die drückenden Schmerzen verantwortlich, hieß es ein anderes Mal. Oder: Sie solle versuchen abzunehmen, ihre Beschwerden könnten aus dem Magen kommen. Ein Satz ist Laura Juntersdorf besonders in Erinnerung geblieben: „Wenn man es galoppieren hört im Hinterhof, dann ist das meistens ein Pferd, kein Zebra.“
Viele Male hätten Ärzt*innen sie in den vergangenen Jahren wieder nach Hause geschickt, höchstens Rezepte zur Physio- und Psychotherapie habe sie erhalten. Belastungs-EKGs, Notuntersuchungen und Herzultraschalle bei Kardiologen brachten nie ein Ergebnis. Das Frauenherzzentrum in Würselen konnte ihre Erkrankung innerhalb von 20 Minuten und ohne aufwendige Eingriffe feststellen – dank eines sogenannten Provokationstests, der Verkrampfungsneigungen der Herzkranzgefäße erkennen kann.
Der Provokationstest gilt als zeit- und kostenaufwendiger als einfache Katheteruntersuchungen und wird, auch weil viele Ärzt*innen nicht an die Verkrampfungen denken, nur selten angeboten, erklärt Michael Becker. Dabei wird ein dünner Messdraht in die Herzkranzgefäße geschoben und ein körpereigener Botenstoff ins Gefäß gespritzt, der normalerweise dafür sorgt, dass sich die Gefäße weiten und das Herz bei Bedarf, zum Beispiel beim Sport, mehr Blut bekommt. Bei Patientinnen wie Laura Juntersdorf verkrampfen die Gefäße in diesem Moment. Sie funktionieren dann wie schlecht gesteuerte Schleusen und reagieren unkoordiniert. Die Folge davon: Das Herz bekommt nicht das, was es braucht, und schreit nach Hilfe.
Auch die Menopause kann ein Risikofaktor sein
Immer mehr Kliniken in Deutschland setzen sich zum Ziel, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Herzinfarkte bei Frauen früher zu erkennen und zu behandeln. Mehr als hundert Frauenherzzentren, wie die von Michael Becker und Lena Seegers, bieten inzwischen geschlechtsspezifische Untersuchungen an und fragen Risikofaktoren wie die Menopause oder Erkrankungen während der Schwangerschaft ab, die in normalen kardiologischen Untersuchungen meist keine Rolle spielen. „Das Problem ist, dass viele Ärzte nicht über die Besonderheiten von Frauenherzen Bescheid wissen“, sagt Seegers. „Das wollen wir ändern.“ Weshalb die Kardiologin auch gendermedizinische Vorlesungen an der Frankfurter Uniklinik hält. Das könnte auch helfen, dass das Wissen sich über Frauenherzzentren hinaus verbreitet.
Michael Becker, Kardiologe und Chefarzt des Frauenherzzentrums in Würselen
Bis Frauen ihren Weg ins Frauenherzzentrum in Würselen finden, vergingen durchschnittlich acht Jahre mit 17 Arztbesuchen, sagt Michael Becker. Von rund 1.200 Patientinnen im Jahr 2024 erhielten 60 Prozent die Diagnose vasospastische Angina pectoris. Becker kennt diese Zahlen auswendig, seit Jahren trägt er die Daten seiner Patientinnen zusammen, hat den Frauenherzratgeber „Herzenssache“ geschrieben und hält Vorträge auf Kongressen oder vor Hausärzt*innen. Viele seiner Patientinnen kommen von weit her, aus Brüssel, vom Bodensee. Zu Laura Juntersdorf, die nur 20 Minuten mit dem Auto in die Klinik fahren muss, sagt er: „Ihre Erzählungen decken sich fast eins zu eins mit denen meiner anderen Patientinnen. Das, was ich mit absoluter Sicherheit sagen kann, ist: Ich weiß, was sie haben. Und das ist mit der richtigen Therapie nichts Schlimmes.“
Mit Anfang 30 ist für Juntersdorf die Wahrscheinlichkeit, einen Herzinfarkt zu bekommen, sehr gering. Das liegt daran, dass die weiblichen Geschlechtshormone einen schützenden Effekt auf die Herzkranzgefäße haben. Nach der Menopause steigt die Wahrscheinlichkeit dann überproportional an, weil die Cholesterinwerte und der Blutdruck steigen und immer weniger Hormone produziert werden.
Warum es auch bei jungen Menschen zu Verkrampfungen der Herzkranzgefäße kommt und Frauen davon häufiger betroffen sind als Männer, all das ist bislang nicht geklärt. Weder das Rauchen noch Übergewicht gelten als Auslöser. Ob die Störung angeboren ist, weiß man nicht. Das liegt auch daran, dass große, altersübergreifende Studien fehlen. Lange galt die vasospastische Angina pectoris als harmlos. Wenn der Herzmuskel aber über Jahre und Jahrzehnte immer wieder minderversorgt wird, kann das langfristig Schäden verursachen, und die Wahrscheinlichkeit für weitere Erkrankungen steigt.
Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
All den Risiken kann aber frühzeitig begegnet werden. Behandelt werden kann die Störung mit Wirkstoffen, die auch Männer mit Verkalkungen an den Herzkranzgefäßen erhalten. Wirkstoffe wie Diltiazem sollen die Blutgefäße erweitern und das Herz entlasten.
Dass Frauen trotz guter Behandlungsmöglichkeiten unterversorgt sind, liege vielmehr daran, dass sie häufig nicht ernst genommen würden und deutlich länger auf Medikamente warten müssten, nach Jahren von Fehldiagnosen, erklärt Michael Becker. Noch immer halte sich in vielen Köpfen das Bild der vermeintlich weniger belasteten Frau. Auch orientierten sich Diagnosen und Therapien bis heute größtenteils am männlichen Körper, geschlechtsspezifische Symptome würden selten erkannt. Damit sich das ändert, müsse auch die Politik wachgerüttelt werden, sagt Becker: „Frauen sind keine kleinen Männer. Gendermedizin ist überlebenswichtig.“
Laura Juntersdorf nimmt ihre Medikamente seit einem Monat, angeschlagen hätten sie noch nicht, sagt sie und wirkt dabei besorgt. „Wir sind in der Dosierung noch nicht sehr hoch, da ist noch viel Luft nach oben“, beruhigt sie Michael Becker und nimmt wieder seinen Stift in die Hand, dieses Mal, um Medikamente mit Milligrammangaben auf einen Zettel zu schreiben, den er Laura Juntersdorf wenig später in die Hand drücken wird.
Jetzt endlich an einem Ort zu sein, an dem ihre Beschwerden ernst genommen werden, gebe ihr viel Hoffnung, sagt Laura Juntersdorf, auch wenn sie erst enttäuscht gewesen sei, dass die Medikamente noch keine große Wirkung gehabt hätten. Sie steht vor dem Haupteingang der Klinik, ihr Vater ist nicht von ihrer Seite gewichen. „Ich will mein Herz nicht mehr hassen“, sagt sie, kleine Falten bilden sich wieder auf ihrer Stirn. Über die Jahre sei es zu einem Fremdkörper geworden.
Inzwischen ist sie in Therapie, sie wolle ihre Angst loswerden, wieder mutiger sein. Kürzlich habe sie wieder mit Sport angefangen, um ihr Herz mal wieder so richtig herauszufordern. Und Achterbahn fahren, das wolle sie irgendwann noch mal ausprobieren, sagt sie und guckt dabei ihren Vater an. Das hätten sie früher immer so gerne zusammen gemacht.
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