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Doris Akrap Der WochenendkrimiBevor die Hoffnung stirbt, hängt der Informant tot überm Geländer

Keller sind nicht nur in echt, sondern auch im Fernsehen immer mittelschwerer Grusel. Das Büro der beiden neuen „Tatort“-Ermittler*innen in Frankfurt liegt in einem solchen. Hier liegen die Cold Cases, befindet sich die „Abteilung für Altfälle“.

Der erste Fall von Hamza Kulina und Maryam Azadi hatte den entsprechenden Titel „Dunkelheit“ und handelte von den Opfern eines lange Jahre nicht enttarnten Serienmörders. Ihr zweiter Fall heißt „Licht“. Ermutigt durch das maßgeblich durch Azadi gelüftete Geheimnis um den Serienmörder, glaubt Anna Reiter ihre seit sechs Jahren verschwundene Tochter ebenfalls wieder ans Licht bringen zu können. Maryam Azadi war in der Vergangenheit mit diesem Fall befasst und steht der Mutter auch jetzt zur Seite, als diese ein Video ins Internet stellt, in dem sie um Hinweise auf den Verbleib ihrer Tochter Viktoria bittet.

Im Laufe der „Tatort“-Folge erfahren wir in geschickt mit der erzählten Gegenwart verwobenen Rückblicken allerlei, so beispielsweise, dass Viktoria mit ihrem Vater verschwand und dass der ein arbeitsloser, alkoholkranker Programmierer war, dessen Auto samt Schlafmitteln an einer Mainschleuse gefunden wurde.

Wir verfolgen dann aber die Spur eines Obdachlosen, der Anna Reiter Informationen über ihre verschwundene Tochter gegen Geld verraten will, bevor er es tut, jedoch tot überm Geländer hängt.

Der Tote lebte in einem Zelt auf dem Hof des alten, leer stehenden Frankfurter Polizeipräsidiums. Um das Zelt herum hatte er Dutzende Spiegel und andere Reflektoren aufgestellt. Und da kommt auch schon die nächste Spur: eine Sekte, deren Mitglieder sich nur von Licht ernähren. Sie folgen der Theorie eines gewissen Astra, demzufolge jegliche Krankheit mit dem Stopp der Nahrungsmittelaufnahme überwunden werden könne, was in Wahrheit zum ein oder anderen frühzeitigen Ableben führt.

Eine Sekte folgt der Theorie, dass Krankheiten mit dem Stopp der Nahrungs­mittelaufnahme überwunden werden könnten

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Von diesem Zipfel, an den sich Kranke und Angehörige Verschwundener klammern, scheint sich auch die Ermittlerin Azadi in ihrer Arbeit leiten zu lassen. Solange die Mutter eine plausible Annahme vorträgt, was mit ihrer Tochter passiert sein könnte, folgt sie jeder noch so abwegigen Spur.

In der ersten Folge stand der von Edin Hasanović großartig zeitgemäß gespielte Ermittler Hamza Kulina im Vordergrund. Kulina weint, ist unsicher, kein Freund großer Ansprachen, findet aber in Azadi eine Leidenschaft im Kampf für Gerechtigkeit, die er teilt.

In „Licht“ rückt jetzt die von Melika Foroutan mit grandioser Disziplin gespielte Maryam Azadi in den Vordergrund. Auch sie ist keine Freundin großer Worte, zeigt aber anders als Kulina so gar keine emotionale Seite. Bis zu dem Moment, als ihr der Mann von Anna Reiter vorwirft, verantwortlich zu sein dafür, dass seine Frau die Hoffnung nicht aufgibt, ihre Tochter noch zu finden.

Nun legt Azadi in ihrem unermüdlichen Eifer noch eine Schippe drauf und treibt die Ermittlung vergleichsweise hitzköpfig voran. Die Spielweise von Foroutan lässt Azadi dabei wirken wie eine Mischung aus der Computerspielfigur Lara Croft und der französischen Charakterdarstellerin Fanny Ardant.

Für Azadi scheint es mehr als ein Job zu sein, Licht in das Dunkel ihrer Akten zu bringen. Was sie genau antreibt, dürften wir in den kommenden Folgen erfahren.

Frankfurt-„Tatort“: „Licht“, So., 20.15 Uhr, ARD

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