Leaks bei Onlyfans: Wenn Bilder zur Beute werden
Für Erotikbilder bei Onlyfans muss man eigentlich bezahlen, doch es werden systematisch Inhalte geklaut. Davon betroffen sind Models wie Bonny Lang.
B onny Lang wirkt wie eine Frau, die genau weiß, was sie will. Auf jedem ihrer Instagram-Fotos blickt die 29-jährige Kölnerin stolz und selbstbewusst in die Kamera. „Ich liebe es einfach, Fotos zu machen“, sagt sie.
Auf Social Media könne sie sich in verschiedenen Posen und Outfits zeigen. Abwechselnd trägt sie auf Fotos für ihre Instagram-Seite dunkelrote, blonde, blaue oder grüne Haare, zeigt sich sexy und verspielt in Unterwäsche vor bunten Luftballons oder im Bikini am Strand.
Bonny Lang ist das, was man in der Vergangenheit als Erotikmodel bezeichnet hätte. Nur dass ihre Fotos nicht in Magazinen an der Tankstelle zu finden sind, sondern im Internet – auch auf der Plattform Onlyfans. Sichtbar für jeden, der dafür bezahlt. Im Internet viel nackte Haut zu zeigen, ist Langs Job. Ihre Fans bewundern und begehren sie dafür.
Eigentlich ist sie gelernte Zerspanungsmechanikerin. Früher war es ihr Job, Bauteile für Maschinen und Motoren herzustellen. Glücklich habe sie das nicht gemacht, erzählt sie bei einem Gespräch am Telefon. Im Jahr 2019, mit 23, fängt sie an, sich in den sozialen Netzwerken eine Karriere aufzubauen – zunächst bei den öffentlichen Plattformen. Im Jahr 2020 stößt sie auf die Website Onlyfans, lädt dort ihren Content hoch und verdient schnell viel Geld. „Schon im ersten Monat habe ich mir gedacht: Das ist etwas, was ich hauptberuflich machen will.“
Seit 2021 ist Bonny Lang – das ist ihr bürgerlicher Name – ein Unternehmen: „Bonnytagesbrise“. 28.500 Abonnent:innen hat sie auf Onlyfans, monatlich verdient sie zwischen 15.000 und 20.000 Euro. Websites wie Onlyfans sind ihre Haupteinnahmequelle. Als Berufsbezeichnung wählt sie Content-Creatorin – wie viele Frauen auf Onlyfans. Manche Creator:innen auf der Plattform sehen sich auch als Sexarbeiter:innen, andere als Künstler:innen. Onlyfans funktioniert wie viele andere soziale Netzwerke, aber mit dem Unterschied, dass man für die Inhalte zahlen muss. Auch ist hier mehr Nacktheit erlaubt als auf den gängigen Social-Media-Plattformen.
Weil Onlyfans ein Geschäftsmodell ist, bei dem es um sensible Inhalte geht, werden Fotos und Videos besonders geschützt, Onlyfans gibt vor, „die sicherste Plattform der Welt“ zu sein. In der Theorie verhindert beispielsweise eine Funktion, dass Bildschirmaufnahmen angefertigt werden, in den Nutzungsbedingungen gibt die Plattform an, dass jeglicher Diebstahl verboten ist.
Durchschnittsverdienst 170 Euro
In der Praxis jedoch wird massenhaft Content geklaut und weiterverkauft. Für Betroffene ein großer finanzieller Schaden – und ein emotionaler. Expert:innen sprechen gar von „bildbasierter sexualisierter Gewalt“.
Auch Bonny Lang und viele weitere Creatorinnen, mit denen wir für diesen Text gesprochen haben, sind vom Daten- und Bilddiebstahl betroffen. Ihr Content, nur für zahlende Fans bestimmt, wurde und wird ohne ihre Zustimmung weiterverbreitet. Sie kursieren als Leaks – auf Seiten, von denen überwiegend Männer profitieren.
Einige haben daraus ein Geschäftsmodell entwickelt. Sie verbreiten die gestohlenen Inhalte so systematisch, dass den Creator:innen oft nichts anderes übrig bleibt, als selbst aktiv zu werden – und dabei auf Firmen zurückzugreifen, die sich darauf spezialisiert haben, solche Leaks wieder aus dem Netz zu entfernen. Es ist ein ständiges Tauziehen um Content, der eigentlich nur ihren Urheber:innen gehört.
Onlyfans hatte seinen Durchbruch im Jahr 2020, als viele Sexarbeiter:innen nach kontaktlosen Verdienstmöglichkeiten suchten – und viele Menschen im Lockdown nach Intimität. Stars und Privatpersonen können sich auf der Website ihre eigenen Kanäle einrichten, individuelle Inhalte hochladen, mit Fans chatten und vor allem: einen eigenen Preis für all das festlegen.
Die Einnahmen variieren stark. Während Prominente wie die Schauspielerin Bella Thorne Millionen mit Onlyfans machen, liegt der Durchschnittsverdienst bei nur etwa 170 Euro im Monat.
Die Plattform selbst finanziert sich über eine Provision. 20 Prozent ihrer Einnahmen müssen Creator:innen abdrücken. 2023 flossen fast 6,4 Milliarden Euro in Abonnements – davon gingen rund 1,2 Milliarden Euro an die Plattform selbst. Onlyfans ist Marktführer in seinem Segment.
Nach nur wenigen Monaten auf der Plattform hört Bonny von einem zahlenden Fan, dass er ein erotisches Bild von ihr anderweitig im Internet gefunden habe. „Da ist mir erst bewusst geworden: Die Leute, die Geld für meine Bilder ausgeben, die können ja das Bild auch gegen meinen Willen veröffentlichen“, erzählt sie. Das habe bei ihr große Ängste ausgelöst. Insbesondere, was mögliche finanzielle Verluste angeht.
„Es gibt viele Leute, die mich und meinen Job wirklich sehr hassen. Die mich in sozialen Netzwerken beleidigen und beschimpfen“, erzählt sie. „Viele sagen auch, dass wir Creatorinnen die ‚armen Männer ausnutzen‘; viele finden es unfair, dass wir ihrer Meinung nach mit so wenig Aufwand ‚so viel Geld‘ machen, dass wir es ‚verdienen‘, dass unser Content anderswo veröffentlicht wird.“
Die Leaks nehmen den Frauen die Kontrolle über ihre Inhalte. Ohne ihr Einverständnis zerren sie sie in die Online-Öffentlichkeit, gefährden ihre Einnahmen und verletzen ihre Privatsphäre massiv. Diese Erfahrungen teilen viele aus der Branche.
Charlotte, eine dänische Creatorin, sagt über die Folgen: „Ich fühle mich verletzt. Die Veröffentlichung meiner Inhalte zwang mich, meinen Lieben von Onlyfans zu erzählen, lange bevor ich dazu bereit war“, sagt sie. „Und ich denke oft darüber nach, was das für meine Zukunft bedeutet. Wenn ich eines Tages wieder einen ‚normalen‘ Job haben möchte … Was passiert, wenn meine Arbeitgeber meinen Namen googeln?“, sagt sie. Charlotte hat ihren echten Namen im Netz oft an ihren Künstlernamen gebunden.
„Bildbasierte sexualisierte Gewalt“
Die deutsche Creatorin Leyla, auf Instagram als leyla.heart.xx bekannt, geht offen mit ihrem Job um, ihre Familie kennt ihre Karriere bei Onlyfans. Trotzdem will sie nicht, dass Bekannte ihren Künstlernamen googeln und Nacktbilder von ihr finden können: „Dass meine Familie, mein Vater, mein Bruder das direkt als Erstes bei Google finden, das ist für mich schon eine harte Nummer“, sagt sie.
Für manche dringt ihre Tätigkeit auf Onlyfans durch die Leaks in ihr reales Leben ein: „Wenn ich etwas trinken gehe, habe ich wirklich Angst, dass mich jemand an meinen Onlyfans-Leaks erkennt“, sagt Natasha, eine Creatorin aus einer dänischen Kleinstadt. „Ich bin schon von Männern angemacht worden, nur weil sie meine Inhalte gesehen haben. Sie denken, dass ich leicht ins Bett zu kriegen bin, weil ich explizite Sachen mache.“ Ohne die Leaks hätte Natasha selbst entschieden, was sie zeigt und wem.
Wer zahlt schon für etwas, das er umsonst haben kann? „Viele entdecken zum Beispiel eine Creatorin auf Instagram, sehen den Link zu Onlyfans oder Maloum und überlegen, ein Abo zu kaufen“, erklärt der Geschäftsführer von Maloum, einer österreichischen Plattform, die ähnlich wie Onlyfans funktioniert, aber kleiner ist. „Eigentlich würden sie das Abo bezahlen, aber wenn sie den Inhalt auch woanders finden, konsumieren sie ihn so“, sagt er.
Onlyfans beteuert, man nehme Piraterie „sehr ernst“. „Wir wollen deutlich machen, dass alle Nutzer unsere Nutzungsbedingungen akzeptieren. Sie müssen sich innerhalb der grundlegenden Grenzen des internationalen Urheberrechts bewegen“, heißt es in der Stellungnahme weiter. Laut seinen Transparenzberichten fordert das Unternehmen jedes Jahr die Entfernung Tausender gestohlener Inhalte – aber das reicht nicht aus.
Seit Mai 2024 verpflichtet das deutsche Digitale-Dienste-Gesetz Plattformen, rechtsverletzende Inhalte zu entfernen. Damit setzt Deutschland die EU-Regelungen zu digitalen Diensten um. Ähnliche Gesetze gibt es weltweit, darunter das bekannte US-amerikanische Digital Millennium Copyright Act (DMCA).
Doch trotz dieser gesetzlichen Regelungen bleibt der Schutz der Betroffenen oft unzureichend, besonders im Bereich des digitalen Missbrauchs. Miriam Michaelsen, eine dänische Rechtsanwältin und Expertin auf dem Gebiet der digitalen Gewalt und Belästigung, bezeichnet Onlyfans-Content-Diebstahl als „bildbasierte sexualisierte Gewalt“.
Die Anwältin sagt: „Meiner Meinung nach haben die Creator:innen von Onlyfans Anspruch auf den gleichen Schutz wie die Opfer von sexualisierter Gewalt durch Bilder. Aber das ist im wirklichen Leben nicht der Fall.“ Denn: „Wenn ich mit der Polizei darüber spreche, sehen sie diese Art von Fällen anders. Sie prüfen, ob das Opfer das Risiko kannte und dieses Risiko in Kauf genommen hat“, erklärt sie.
Aber wie ist es trotz Schutzmaßnahmen möglich, dass Content in so großem Umfang weiterverbreitet wird?
Auf der Suche nach Antworten stößt man schnell auf detaillierte Anleitungen, die beschreiben, wie die Schutzmechanismen von Onlyfans umgangen werden können. Und Hinweise zu spezieller Software, mithilfe derer sich große Datenmengen unter Umgehung des Diebstahlschutzes herunterladen lassen.
Die durchgesickerten Bilder haben in Internetforen einen regelrechten Tauschrausch ausgelöst. Bei Reddit etwa postet ein User das Bild einer Creatorin. Darauf sitzt diese, leicht bekleidet mit Netzstrumpfhose und Lederstiefeln, die Haare zu zwei verspielten Zöpfen gebunden, mit gespreizten Beinen auf dem Boden und blickt verlegen nach unten. In der rechten unteren Ecke steht ihre Onlyfans-URL.
Dazu fragt der User, der mehr Inhalte der Creatorin abseits der Onlyfans-Paywall sehen will, die Community: „Hat wer was von ihr?“ Darunter sammeln sich Antworten, es meldet sich jemand mit dem Nutzernamen Creepy **: „Moin, habe viele Nudes von ihr. Würde sie tauschen.“
Bonny Lang berichtet uns außerdem, wie auf der Internetplattform Discord Geld mit ihren Bildern gemacht wird. Dort habe sie entsprechende „Server“ – so etwas wie Gruppen – gefunden. „Wenn man dem Serverbesitzer erst mal fünf oder zehn Euro per Paypal schickt, kann man Inhalte verschiedener Creator:innen freischalten.“
Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
Bei unserer Recherche haben wir zudem Telegram-Gruppen gefunden, in denen man nach ähnlichem Prinzip wie auf Discord Onlyfans-Inhalte kaufen kann. Manche werben sogar damit, dass man sich Creator:innen „wünschen“ kann.
In einem Forum stoßen wir auf Bonny Langs Inhalte. Wir finden sieben ihrer Bilder, einige in Unterwäsche, andere in knappen Oberteilen. Das Ganze trägt den Titel „Best OnlyFans Leaks“. Veröffentlicht im März 2023. Darunter steht: „[OnlyFans.com] Bonny Lang Collection – Pack“. Und ein Link, um es gegen eine kleine Gebühr herunterzuladen.
Das „Pack“ verspricht 39 Clips und 778 Bilder – fast die Hälfte der Fotos, die Bonny auf ihrer Onlyfans-Seite veröffentlicht hat. Die angeblichen Leaks konnten allerdings nicht mehr aufgerufen werden – offenbar wurden sie wieder gelöscht.
Doch der Nutzer ist weiterhin sehr aktiv. An einem Tag macht er bis zu zehn Posts – meistens betitelt als „Onlyfans Leaks“. Die neueren Links führen zu offenbar existierenden Dateien, die sich hinter einer Paywall verbergen – allerdings nicht der von Onlyfans.
Stattdessen schützt die Paywall den Zugang zu einem sogenannten Filehoster. Solche Systeme begegnen uns oft bei Leaks auf Telegram oder in Foren. Filehoster funktionieren ähnlich wie Dropbox: Nutzer laden Dateien hoch und teilen sie mit anderen. Der Unterschied: Wer größere Dateien herunterladen oder auf alle Inhalte zugreifen will, muss zahlen. Hat man einmal ein Abo, erhält man über weitere Links Zugriff auf noch mehr Inhalte im Onlinespeicher.
Die Links zu Bonny Langs Inhalten sind ein Beispiel für eine Masche; ein gut organisiertes Netzwerk von Leakern, ein stabiles Geschäft, das mit gestohlenen, illegalen und teilweise gewalttätigen Inhalten aller Art Geld verdient – und nun das für sein tägliches Brot systematisch vom Onlyfans-Content abzapft.
„1. Lade alle Videos des Models von ihrer Onlyfans-Seite herunter. 2. Erstelle eine Mini-Übersicht ihrer Videos. 3. Poste diese Übersicht in deinem Telegram-Kanal und verlinke den Ordner mit allen ihren Videos.“ – Das ist eine Anleitung aus einem Telegram-Kanal einer dubiosen Internetfirma. Wie man die Schutzmechanismen von Onlyfans umgeht, lässt sich zusätzlich leicht ergoogeln.
Unter der Anleitung findet man die unkonkrete Andeutung, dass man auf diese Weise „nicht nur 200 Dollar und auch nicht 2.000 Dollar“ verdienen könne, sondern offenbar mehr. Solche Anleitungen wiederholen sie in den von ihnen erstellten Youtube-„Kursen“, in denen sie andere anleiten, erotische Inhalte zu stehlen, und zeigen, wie sich damit Geld verdienen lässt.
Diese Gruppe beobachtet aktuell der dänische Ermittler für Cyberkriminalität und Digitalanalyst Christian Skettrup. Der Ermittler arbeitet in einer Anwaltskanzlei, die Opfern von sexualisierter Cybergewalt hilft, zu denen manchmal auch Onlyfans-Creator:innen gehören.
Tauschbörse Telegram
Er ist auch Mitglied der Sondergruppe der EU-Kommission, die einen Verhaltenskodex für die sichere Gestaltung des Internets für Kinder erarbeitet. Skettrup warnt uns davor, den Firmennamen zu erwähnen, um Nachahmer zu verhindern. Auf diese Bedenken stoßen wir bei der Recherche öfter. Deshalb nennen wir das Unternehmen „Firma P“.
Die 2012 gegründete Firma P. arbeitet mit Hunderten Leakern, genannt „Partnern“, sowie mit den Online-Speicherdiensten, den Filehostern, zusammen. Die „Partner“ laden das illegal erworbene Material auf die Filehoster und verbreiten die Links zu diesen Dateien im Netz. Jedes abgeschlossene Abo bringt der Firma P. regelmäßige Einkünfte und den „Partnern“ eine Gewinnbeteiligung.
Je mehr gestohlene Inhalte sie verbreiten, desto höher der Verdienst der „Partner“. Firma P. bietet den Leakern für ihre „Partnerschaft“ Speicherplatz, technischen Support und vor allem: Anonymität. Denn die Leaker können auf Wunsch in Kryptowährungen bezahlt werden. Und für die Teilnahme am System reicht eine einfache E-Mail-Adresse.
Die Methode von Firma P. funktioniert so: Zwischen dem Hochladen und jenem Moment, in dem die Fotos als illegaler Content gemeldet werden, entsteht ein Zeitraum, in dem die „Partner“ die Bilder verkaufen können.
Sie stellen massenhaft gestohlenes Material online und kassieren ab, bis die Urheber:innen es entdecken und entfernen lassen – manchmal werden die gestohlenen Inhalte auch gar nicht gemeldet. Indem Firma P. aber auf Beschwerden wegen Missachtung des Urheberrechts reagiert, umgeht das Unternehmen rechtliche Konsequenzen. Wie am Fließband laden die „Partner“ ständig einfach neues gestohlenes Material hoch.
Zum Austauschen und Vernetzen haben die „Partner“ der Firma P. zwei offene, russischsprachige Telegram-Chatgruppen mit je 400 und 1.000 Teilnehmern und ein englischsprachiges Forum. Die Teilnehmer der Chatgruppen tragen – mit wenigen Ausnahmen – meist männliche Vornamen wie Dimitry oder Alexander oder maskulin klingende Spitznamen wie „Poseidon“ oder „Mister Black“.
In einem der Chats teilt einer der Leaker einen Screenshot, der angeblich seinen Telegram-Kanal zeigt – einen, auf dem man gegen Geld Content von Creatorinnen „anfordern“ kann. Der Kanal hat über 16.000 Mitglieder. Und die Anfragen kommen im Minutentakt:
01:14 Uhr: „/request Annabellaz
01:15 Uhr: „/request Yogagirlxx
01:17 Uhr: „/request Amorehh (Nutzernamen geändert, d. Red.)
Die anderen im Chat reagieren sofort mit Feuer-Emojis.
In der Telegram-Gruppe tauschen sich die Mitglieder lebhaft über den Aufbau von Websites, die Erstellung von Telegram-Kanälen, VPNs, neue Trends wie Onlyfans und technische Herausforderungen aus.
Sie teilen How-tos, klagen über die Beschwerden der Rechteinhaber:innen, motivieren sich gegenseitig oder streiten auch mal. Immer wieder fällt das Wort „Piraten“ als Selbstbezeichnung.
Die Firma Rulta aus Estland, die solche Leaks im Auftrag von Creator:innen entfernt, kennt die Firma P. sehr gut. „Wir haben sie schon oft gemeldet“, heißt es von dort. „Sie gehen auf Beschwerden nach dem Urheberrechtsgesetz ein“, deshalb würden sie wahrscheinlich nicht verklagt und abgeschaltet.
Und die „Partner“ kennen Rulta: Als Kommentar auf den beschriebenen Telegram-Kanal mit den 16.000 Followern schreibt ein Nutzer: „Wenn man so was sieht, begreift man, dass Rulta keine Chance hat.“
Empfohlener externer Inhalt
Dass viele Inhalte irgendwann gelöscht werden, ist einkalkuliert – so auch die Bußgelder, die das Verbreiten illegaler Inhalte gelegentlich nach sich zieht. Die Firma P. hat dafür sogar ein Absicherungssystem, bei dem alle Partner einen Teil ihrer Verkäufe in einen gemeinsamen Topf einzahlen, den die Firma P. bei größeren Strafen anzapft.
Um mehr über das Unternehmen P. zu erfahren, kontaktieren wir verdeckt den russischsprachigen Support. Der Mann am anderen Ende hat eine Anonymous-Maske als Profilbild. Wir stellen ihm allgemeine Fragen zum Ablauf.
Die Methode der Firma P.
Dabei erzählt uns „Anonymous“ zum Beispiel, dass wir je nach Inhalt den richtigen Filehosting-Dienst benutzen sollen. Emotionslos teilt er uns außerdem mit, wo wir am besten die Onlyfans-Leaks „in Packs“ hochladen sollen und wo „Inzest“ hingehört. Was „Inzest“ umfasst, verrät er nicht. Auch gibt es keine Rechtfertigung für die Kategorien. Nur zwei Informationen zählen: Manche Plattformen zahlen schneller als andere, manche erlauben härteren Content.
Außerdem schickt er uns ein ganzes DIN-A4-Blatt mit meist pornografischen Foren – als Empfehlungen für die Weitergabe von Links zu den Filehostern. Eine URL enthält das Wort „Vergewaltigung“. Einige der Videos und Bilder auf der Website sehen wie echte Vergewaltigungen aus.
Onlyfans-Inhalte zu leaken, ist nicht das einzige Ziel dieser Gruppen. Sie sind Teil eines Systems illegaler Downloads, in dem alles erlaubt ist, solange das Geld stimmt. Manchmal verstößt Firma P. gegen das Urheberrecht. Manche Inhalte gehen darüber hinaus. So ermittelt die dänische Polizei derzeit gegen die Firma P. wegen Kinderpornografie. Die Ermittlungen wurden eingeleitet, weil in diesem Fall – untypisch für P. – die Inhalte nach einer Meldung nicht entfernt wurden.
Wir haben die Firma P. mit unseren Recherchen konfrontiert, aber bis heute keine Antwort erhalten. Unter der estnischen Telefonnummer auf der Website ist niemand erreichbar. Als Geschäftsführer der Firma P. ist in den offiziellen Unterlagen seit 2021 ein Mann angegeben, der in der Ukraine leben soll. Und die Firmenadressen in Schottland ändern sich ständig.
Die Firma P. hat es sich in einem juristischen Niemandsland bequem gemacht. Solange sie die Inhalte auf Anfrage entfernt, bleiben die Verantwortlichen unbehelligt. Dabei sind Fälle von Leaks rechtlich oft eindeutig – vorausgesetzt, die Täter können identifiziert und zur Rechenschaft gezogen werden.
Der Fall Leyla Heart
So hat das zumindest die Creatorin Leyla Heart erlebt. „Einmal hat jemand eine Homepage von mir gemacht, das waren eins zu eins meine Bilder!“ Sie meldete die Seite bei der Polizei. Mit Erfolg: „Es wurden Ermittlungen wegen eines Verdachts des Vergehens nach dem Kunsturheberrechtsgesetz aufgenommen“, bestätigt das Polizeipräsidium Oberbayern Süd. Die Beamten fanden den in Deutschland lebenden Mann.
Am Ende konnte sich Leyla mit dem Leaker außergerichtlich einigen. Was er mit der Aktion erreichen wollte, weiß sie bis heute nicht so genau. Die Polizei in Oberbayern hält mit Blick auf Leylas Fall die geltende Rechtslage für ausreichend – weil beide, Täter und Opfer, sich in Deutschland befanden. Das ändert sich, wenn die Straftat, wie bei Firma P., die Landesgrenzen überschreitet.
Auch wenn eine Website zum Beispiel in Russland gehostet wird, gilt deutsches oder EU-Urheberrecht, sobald sie sich an die Nutzer in der EU richtet. Entscheidend ist, wo die Inhalte abrufbar sind und wem sie angeboten werden. Doch in der Umsetzung wird es schwierig. „Meiner Erfahrung nach gehört diese Art von Verbrechen nicht in die Kategorie, in der die Polizeibehörden wirklich zusammenarbeiten“, erklärt die dänische Anwältin Michaelsen.
„In Dänemark habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Polizei die Täter zwar identifizieren kann, aber sobald sie herausfindet, dass sie sich im Ausland aufhalten, wird das Verfahren oft eingestellt. Diese Verbrechen überschreiten nationale Grenzen, wir brauchen eine europäische und globale Perspektive.“
Hinzu kommt, dass die Betroffenen nicht immer ernst genommen werden. So berichtete das slowakische Nachrichtenmedium Denník N kürzlich, dass eine slowakische Creatorin beleidigt und lächerlich gemacht wurde, nachdem ihre Inhalte auf Telegram geleakt worden waren. Als sie den Diebstahl bei der Polizei meldete, wurde ihre Anzeige zunächst abgelehnt – obwohl sie eine Spur zum Täter hatte. Statt die Meldung als Verstoß gegen das Urheberrecht zu werten, fragte die Polizei sie, was sie dagegen unternehmen wolle, schließlich sei der Telegram-Geschäftsführer „sowieso im Gefängnis“.
„Exklusivität sorgt für mehr Traffic“
Später nahm die Polizei die Anzeige zwar auf, aber nur wegen „Verstoß gegen das bürgerliche Zusammenleben“, was rechtlich gesehen ein Bagatelldelikt ist. Die Creatorin war am Boden zerstört, ihre Kolleginnen wütend, dass sie es überhaupt versucht hatte. Sie befürchteten, dass es noch mehr Leaks und wüste Beschimpfungen geben wird – während die Polizei desinteressiert wegschaut.
„Der Realität ‚Ist es einmal im Internet, ist es verloren‘ muss entgegengetreten werden. Wenn wir das so akzeptieren, kommen wir nicht weit“, sagt Jaqueline Sittig vom Deutschen Juristinnenbund. Die Juristin sieht eine Schlüsselrolle in der Bekämpfung solcher Verbrechen bei den Plattformen: Sie müssten viel mehr in die Verantwortung genommen werden, damit sie gestohlene Inhalte frühzeitig erkennen und entfernen. Dass sie das nicht schnell genug könnten, wie das oft in der Rechtsprechung argumentiert wird, hält Sittig für eine Ausrede: „Durch technische Fortschritte lässt sich immer besser erkennen, was verbreitet wird“, sagt sie. Aber Plattformen, die illegalen Inhalt hosten, profitieren von polarisierendem Material – „Exklusivität sorgt für mehr Traffic“, so Sittig.
Viele Creator:innen, mit denen wir gesprochen haben, meiden den Rechtsweg. Das Vertrauen scheint gering zu sein. Bonny Lang hat ihn zum Beispiel nie erst in Erwägung gezogen. „Ich glaub’, der Aufwand lohnt sich nicht und nachher bleibe ich auf den Anwaltskosten sitzen“, sagt sie. „Da ist das, wie ich das jetzt mache, die schnellste Möglichkeit, teilweise ist das Bild am selben Tag raus.“
Manche Creator:innen nutzen die Dienste von Unternehmen, die für zahlende Kund:innen das Internet nach gestohlenen Inhalten durchforsten, Urheberrechtsverletzungen melden und rechtliche Mittel einsetzen, um diese gestohlenen Inhalte zu entfernen. Die Leaks sind so ein großes Problem, dass eine ganze Gegenindustrie entstanden ist.
„Manchmal löschen wir heute eine Website, und fünf Tage später ist sie wieder da. Das ist wie ein Lauffeuer“, erzählt Lily Kix, CEO von einer solchen Firma mit dem Namen „Leak Content Removal“. Kix betreibt ihr Unternehmen in Singapur und lebt in Spanien. Ihr Team von sechs Mitarbeitern hilft Youtubern, Filmemachern und Onlyfans-Creator:innen weltweit, deren Inhalte unerlaubt online verbreitet wurden.
Ein Monatsabonnement bei Kix kostet 380 Dollar und beinhaltet die regelmäßige Durchsuchung des Internets nach Leaks. Und doch kann keines der Unternehmen garantieren, dass alle Inhalte verschwinden. „Die Erfolgsquote liegt bei 75 bis 85 Prozent“, sagt Kix.
Der Kampf um Kontrolle ist mühsam und kostspielig. Auch mit professioneller Hilfe können Creator:innen nicht sicher sein, dass ihre Inhalte wirklich aus dem Internet verschwinden. Leaker, die aus diesen Inhalten ein Geschäft machen, zwingen Creator:innen dazu, entweder ständig im Kampfmodus zu sein, wenn sie ihre Privatsphäre dauerhaft schützen wollen – oder diese ganz aufzugeben.
Was den Creator:innen widerfährt, ist kein isoliertes Problem der Pornografie. Vielmehr zeigt sich darin das Mindset der Onlinepiraten, die Creator:innen zusammen mit illegalen Inhalten wie Inzest- und Vergewaltigungsvideos als Geschäftsmodell betrachten: Sie setzen auf Rechtsbruch zum eigenen Profit – und die gegenwärtig bestehenden rechtlichen Voraussetzungen machen es ihnen erschreckend einfach.
Diese Recherche wurde vom Journalismfund Europe unterstützt.
Mitarbeit: Kristina Böhmer, Apolena Rychlíková, Vânia Maia.
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