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Ausstellung von Ull HohnLandschaften voll Schönheit und voll Qual

Die Referenzen ziehen sich quer durch die Kunstgeschichte. Das Haus am Waldsee zeigt eine Retrospektive des früh verstorbenen Malers Ull Hohn.

Keine Leinwand, sondern eine bemalte Holzbox: Ull Hohn, „Untitled“, 1989 Foto: Courtesy Privatsammlung, Berlin

Hinter satten Farbschichten verschwimmt die Landschaft. Links im Bild ragen breite Douglasien in den Himmel, im Hintergrund türmt sich Gebirge oder Vulkan, aus dem schlierigen Nebel schiebt sich ein Schiff. Unweigerlich denkt man an wegsuppende Analogfotos in alten Familienalben, an William Turners Seeschlachten voll surreal brennender Himmel, an Andres Serranos „Piss Christ“, Sally Manns verschwommene Landschaftsaufnahmen der amerikanischen Südstaaten, an die pittoresk-spießige Romantik der Hudson River School und manche – und das ist wohl die langweiligste Referenz –, ja manche denken auch an Bob Ross, den lustigen Fernsehmaler, der jahrzehntelang voller Ruhe die immer gleiche verkitschte Landschaft auf die Leinwand spachtelte und dessen Stil der Künstler Ull Hohn teils ganz ohne Verfremdung hingebungsvoll kopiert – und so gängige Hierarchisierungen des Kunstbetriebs und der medialen Verbreitung hinterfragt.

Zu sehen sind die Arbeiten in der eher nüchtern betitelten schmalen Retrospektive „Revisions“ des Malers im Zehlendorfer Haus am Waldsee, die sich nahtlos in das poetisch-deviante Programm einfügt, welches Anna Gritz seit ihrem Antritt als Direktorin im Sommer 2022 dort etabliert.

Ull Hohn: „Revisions“. Haus am Waldsee, Berlin, bis 11. Mai

Der 1960 in Trier geborene Ull Hohn, von dem einige Arbeiten schon vor zwei Jahren in der Ausstellung Bruno Pélassys im Haus am Waldsee hingen, studiert Malerei in Berlin und in Düsseldorf bei Gerhard Richter, bevor er 1986 für eine Teilnahme am Whitney Independent Study Programm nach New York zieht.

Es ist die Zeit, in der die Malerei am Ende scheint, in der Amerika von Kulturkämpfen und der Aids-Epidemie zerrüttet wird. Hohn malt sich durch die Genres und die Kunstgeschichte, von figürlich-konkret bis abstrakt, dabei stets konzeptionell.

Früher Tod mit 35 Jahren

Steht man vor dem verschwommenen Säugling im oberen Stockwerk des Ausstellungshauses ist es unmöglich nicht an „Onkel Rudi“ und „Tante Marianne“ aus dem Pinsel seines Lehrers Richter zu denken. Die Tragik des erbarmungslosen Schicksals, sie beginnt in Hohns Werk mit der Geburt. Wie Bruno Pelassy und viele seiner Zeitgenossen stirbt auch Ull Hohn viel zu früh im Jahr 1995 mit nur 35 Jahren an den Folgen seiner HIV-Infektion.

Dreißig Jahre später wird ein Teil seines schmalen Werkes nun in Berlin, der Stadt in der Hohn starb, gezeigt. Der Ausstellungstitel „Revisions“ bezieht sich dabei auf den Titel seiner finalen Werkserie, für welche er im letzten Jahr seines Lebens Arbeiten aus seiner Jugend erneut malte.

Daneben hängen Arbeiten aus seiner gesamten Schaffenszeit: Leinwände voll schmantiger, monochromer Farbe, druckgrafisch anmutende Körperbilder, verschwommene Masturbationsszenen und immer, immer wieder amerikanische Landschaften.

Gelb wie stinkendes Schwefel

Ull Hohn taucht viele dieser malerischen Symbole der Spießigkeit, betulicher Wohnzimmer und des getrockneten Bluts des amerikanischen Kolonialismus ins Gelb. In ein verwesendes, chemisches, dickes Gelb, in Pisse, Auswurf und stinkenden Schwefel. Hochglänzend versiegelt sitzen diese Werke auf gezimmerten Sperrholzboxen statt Leinwänden und schieben sich so in den Raum: Auch die Kiste ist selbstverständlich eine zutiefst amerikanische Referenz, sanft grüßt sie den Meister des Minimal, Donald Judd.

Lässt man sich auf diese gelben Arbeiten Hohns ein, entwickeln sie einen Sog, so stark, man möchte sie anfassen, seinen Körper an sie pressen, die Farben anlecken. Es ist die überaus drückende Dringlichkeit, die man glaubt, in diesen Bildern spüren zu können, das Elend des Lebens und das Elend des Sterbens. Die Schönheit und Qual von Körper, Sex und Intellekt lungert in jeder Schicht dieser verschwommenen Landschaften.

Verstärkt wird dies in einem der Räume noch durch die Gegenüberstellung der Arbeiten mit gleichformatigen abstrakten Werken, in denen sich braune Wülste wie überlaufende Exkremente zwischen Holzleisten winden, so üppig wie die Zitate und Bezüge in Hohns gesamten Werkkörper, der immer wieder den Kanon beobachtet, erforscht, imitiert und erweitert – schlussendlich auch mit den Revisionen seines eigenen Werks, welches er so am Ende seines Lebens in ebenjenem manifestiert.

In einer Besprechung der posthumen Ausstellung im Künstlerhaus Bethanien schreibt der ebenfalls schon verstorbene Kritiker Peter Herbstreuth 1996 in der Zeitschrift Kunstforum international folgende Worte: „Ein Künstler, wenn er als solcher überleben will, wird durch sein Werk immer die Frage zu beantworten haben, ob er seinen Ideen bis zum Ende gefolgt ist und daraus etwas gemacht hat, was einen Sinn in sich selbst trägt und deshalb different sich zu anderen behauptet.“ Ull Hohn hat überlebt – und wie.

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