: „Viele sind innerlich härter geworden“
Markus Nierth trat im März 2015 als Bürgermeister zurück, weil die NPD vor seinem Haus aufmarschieren wollte. Nun wird er sein Dorf in Sachsen-Anhalt verlassen

Aus Tröglitz Thomas Gerlach
Markus Nierth steht in seinem Hof und sagt: „Im Grunde genommen sind wir jetzt Binnenflüchtlinge.“ Der ehemalige Bürgermeister von Tröglitz ist 2015 zurückgetreten, vor genau zehn Jahren. „Ab 2017 war uns klar, dass wir gehen müssen, weil wir innerlich kaputt gehen.“ Wie es Nierth sagt, lässt einen frösteln.
Doch eine Überraschung ist es nicht. Dafür ist in den vergangenen Jahren zu viel passiert. Dass einer in seinem Dorf, das er gestalten wollte, heute gemieden wird, ist beklemmend. Markus Nierth selbst berührt das alles nicht mehr sehr. Er redet schon so, als wäre er an einem anderen Ort.
Nierth blinzelt in die Sonne. „Wir sind Meeresfische“, beginnt er blumig. „Das war mal reines Wasser hier. Jetzt ist es Brackwasser geworden.“ Den alten „Lindenhof“, den er Ende der Neunziger erworben hat, will er verlassen.
Es ist ein Ensemble mit Fachwerk, Kletterrosen, wildem Wein und auf dem Hof die Linde, die dem historischen Wirtshaus am Rande von Tröglitz in Sachsen-Anhalt seinen Namen gab. Man ahnt, wie viel Lebenszeit Markus Nierth, er ist jetzt 56 Jahre alt, hier investiert hat – und wie viel Geld.
Hierhin sollte der „Abendspaziergang“ führen, den die NPD Anfang März 2015 anmeldete und dem sich Tröglitzer anschließen wollten, um vor dem Haus des Ortsbürgermeisters gegen den Plan zu protestieren, fünfzig Flüchtlinge im Dorf unterzubringen. Nierth trat zurück, zwei Tage bevor sich der Haufen in Bewegung setzen wollte. Nicht aus Angst. Nierth war enttäuscht vom Landrat, der zögerte, den Aufmarsch zu verbieten oder zumindest Auflagen zu erteilen.
Die NPD, inzwischen in „Die Heimat“ umbenannt, scheint in Tröglitz nach zehn Jahren am Ziel. Die Nierths gehen fort. Einen zweiten Erfolg feierte die NPD bereits kurz nach Nierths Rücktritt. Die Flüchtlinge kamen nie in der Unterkunft an. In der Nacht zum 4. April 2015 stand das bereits angemietete Wohnhaus in Flammen. Das Landeskriminalamt war zuversichtlich, den oder die Täter zu finden, die mit Brandbeschleunigern in das Haus eingedrungen sein mussten. Die Beamten befragten jeden der 1.700 volljährigen Tröglitzer und verhafteten nach Monaten einen Verdächtigen. Sechs Tage später mussten sie ihn wieder laufen lassen und nach 15 Monaten, im Juli 2016, wurden die Ermittlungen ohne Ergebnis eingestellt.
Obwohl es Weinberge gibt, ist Tröglitz kein beschaulicher Flecken, sondern eine Arbeitersiedlung, in der ab den 1930er Jahren Braunkohle zu kriegswichtigen Kraft- und Schmierstoffen hydriert wurde, mitsamt angeschlossenem KZ für die Arbeitssklaven. Nach 1945 wurde das „Hydrierwerk“ zu einem sozialistischen Großbetrieb. Ab 1990 wurden die meisten Chemiearbeiter vom alten SED-Werksleiter gekündigt und auf dem Gelände entstand ein Chemiepark, der mit einem Bruchteil der Beschäftigten auskam.
Es war Idealismus, der Markus Nierth, der seine Jugend im Hessischen verbrachte, Ende der Neunzigerjahre in seine Heimat zurückführte. Er, der Pfarrerssohn und Theologe, reparierte mit Jugendlichen Mopeds und baute mit Arbeitslosen einen weiteren Hof auf, um Gemeinschaft und Sinn zu geben und von seinem Glauben zu erzählen. Im Tanzsaal organisierte er moderne Gottesdienste. Es muss so etwas wie eine christliche Sozialarbeit gewesen sein, wie Nierth es beschreibt.
„Große Gastfreundschaft und wirklich weite Herzen“ hat er damals erlebt, erzählt er. Die Herzen, hat er sie erreicht? Er nickt. „Aber viele sind mit den Jahren innerlich härter geworden.“ Was hat sich verändert? „Damals war die NPD unser Problem, heute wollen hier 48 Prozent, dass die AfD herrscht und endlich ‚aufräumt.‘“ Derzeit verteilt die AfD in ganz Sachsen-Anhalt siegesgewiss ihre Fraktionszeitung mit dem Namen „Aufbruch“. „Sicher, die Parteien haben Fehler gemacht“, sagt Nierth. „Aber wer hat sich denn, von denen, die sich beschweren, selbst politisch vor Ort eingebracht?“ Kommunalpolitik ist Basisarbeit, hartes Brot. Kein Wunder, dass die AfD dafür kaum Leute findet.
Markus Nierth, ganz Theologe, spricht wieder in Bildern. Die AfD – das sind für ihn Wölfe, die sich die Schafe selbst gewählt haben, um bei ihnen in der Herde Ordnung zu schaffen. Sie werden auch aufräumen, prophezeit Nierth, und allen das Fell über die Ohren ziehen. Die alte, heile Welt als neue Verheißung? Nierth schüttelt den Kopf.
Mit seinem Gemeinschaftsprojekt hatte er sich damals übernommen, kräftemäßig war das auf Dauer nicht zu schaffen. Nierth wurde bald nach seiner Rückkehr nach Tröglitz Trauerredner. Die Sehnsucht nach Gemeinschaft sei auch in Trauergesprächen immer zu spüren, berichtet er. Doch was folgt daraus? Nicht viel. „Die Menschen haben den Zugang zu sich selbst verloren“, stellt Nierth fest. Viele, insbesondere Männer, reagierten schon bei der Frage, ob die Oma vielleicht hin und wieder gebetet habe, panisch, berichtet Nierth. Es sei, als ob der Zugang zum Himmel verstopft wäre.
Stattdessen laufe man dann Leuten wie Alice Weidel, Björn Höcke und den AfD-Hanseln aus der Landtagsfraktion in Magdeburg nach, demonstriert auf den Montagsdemos im nahen Zeitz gegen die „Altparteien“ oder lässt sich von der „Weltanschauungspartei Dritter Weg“ einladen. Im nahen Weißenfels haben sie erst kürzlich für ihre Volksgemeinschaft geworben: „Möchtest Du Teil von etwas Großem sein und dem BRD-Alltag entfliehen?“ Das lag als Einladung in vielen Postkästen.
Sein Geschäftsgebiet hat Nierth nach 2015 erheblich ausweiten müssen. In Tröglitz gibt es noch heute für seine Grabreden nur wenig Bedarf. Stattdessen wird er dort angequatscht, bei Penny etwa. Ihre Fresse kenn ich aus dem Fernsehen, ist so ein Spruch. Oder: Ihren Einkaufwagen hat doch die Merkel bezahlt. „Solche Wortgefechte aus dem Nichts heraus kosten so viel Kraft“, sagt Nierth. Er will weg. „Die Rechten haben uns auf ihren Listen.“ Zu warten, bis „aufgeräumt“ wird, sei keine gute Idee.
Dass Markus Nierth überhaupt in seine Heimat zurückgekehrt ist, hat mit seiner Familiengeschichte zu tun. Sein Vater, ein Pfarrer, geriet unter Stasibeobachtung, als er 1977 eine oppositionelle Denkschrift für „Frieden und Gerechtigkeit“ mit erarbeitete und bei Pfarrkollegen um Unterschriften warb. Inspiriert von der Charta 77 in der Tschechoslowakei wollten sich kirchliche Kreise für Menschenrechte einsetzen. Über mehrere Jahre wurde Nierths Vater von der Stasi zersetzt und reiste, herzkrank geworden, mit seiner Familie in die Bundesrepublik aus.
So war Markus Nierth mit 16 Jahren das erste Mal entwurzelt. Mit seiner Tröglitzer Sozialarbeit wollte er den frisch Entwurzelten helfen, ihren Familien und Kindern. Und nun ist Nierth erneut entwurzelt. „Sie haben sich selbst verloren“, seufzt er über „seine Landsleute“ und schiebt ein paar Holzscheite in den Herd.
Seine Frau Susanna kommt die Treppe herunter. Im Saal, wo einst Gottesdienste stattfanden, gibt Susanna Nierth Tanzunterricht. Es ist ein Angebot für den Körper und für die Seelen der meist kleinen Eleven. Auch das wird bald enden. Ob die beiden an ihrem neuen Wohnort, einer Kleinstadt ebenfalls in Sachsen-Anhalt, ihre Arbeit fortführen können, ist ungewiss.
Markus Nierth, ehemaliger Bürgermeister von Tröglitz
Die Entscheidung, im Osten zu bleiben, habe familiäre Gründe. Nierths wollen in der Nähe der erwachsenen Töchter bleiben. In Sachsen-Anhalt ist die AfD bei der Bundestagswahl auf 37 Prozent gekommen. Die nächste Landtagswahl steht im Herbst 2026 an. Der CDU droht ein Debakel. Es gab auch die Überlegung, in den Westen zu ziehen, räumt Nierth ein. Doch nun sind es die Töchter, die sagen: Wir kämpfen, jetzt erst recht!
2015 waren viele über Nierths Rücktritt bestürzt. Als die Flüchtlingsunterkunft brannte, kamen internationale Kamerateams. Nierth war bei „Lanz“ zu Gast, später schrieb er zusammen mit einer Journalistin das Buch „Brandgefährlich. Wie das Schweigen der Mitte die Rechten stark macht“. Markus und Susanna Nierth erhielten im Lutherjahr 2017 den Preis „Das unerschrockene Wort“ der 16 deutschen Lutherstädte. Markus Nierth ist als gesellschaftspolitischer Referent aktiv und mit seiner Frau im Verein Gegen Vergessen, für Demokratie engagiert.
Nach zehn Jahren und Dutzenden weiteren Angriffen gegen Kommunalpolitiker bis hin zum Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke im Jahr 2019 ist Tröglitz wieder ein gewöhnliches 2.000-Einwohner-Dorf im Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt. „Mein Zögern sehe ich heute als Fehler, als meinen Fehler“, schreibt Götz Ulrich zu den Ereignissen von 2015. Ulrich, damals neu als Landrat im Amt, unterband als Chef der Versammlungsbehörde den NPD-Aufzug nicht. „Im letzten Jahr“, schreibt Ulrich weiter, „habe ich selbst erlebt, wie es sich anfühlt, wenn eine rechtsextreme Partei ankündigt, vor dem eigenen Haus zu demonstrieren.“ Die AfD hatte im März 2024 einen „Hausbesuch“ angekündigt, weil sich der CDU-Politiker für Flüchtlinge einsetzte, im Grunde so wie bei Markus Nierth. Dazu kam es nicht. Die Versammlungsbehörde hat die Route untersagt.
Wenn der Umzugswagen vom „Lindenhof“ abgefahren ist, bleibt das Einzige, was noch an das Frühjahr 2015 erinnert, das Haus in der Ernst-Thälmann-Straße. Ein zweigeschossiger Bau in immer noch frischem Gelb. Das Spitzdach, wo die Flammen herausschlugen, ist mit Platten geflickt. Das Gebäude wirkt unschlüssig, entweder noch nicht vollendet oder bereits im Zerfall begriffen – so wie der gesamte Landstrich.
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