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Proteste im Gazastreifen„Hamas raus“, rufen sie

Im Gazastreifen demonstrieren Hunderte für ein Ende des Krieges. Es sei wichtig, dass die Menschen zusammenstünden, schreibt ein taz-Kontakt.

Sie sind mutig: In Nordgaza demonstrieren die Menschen am zweiten Tag in Folge vor ausgebombten Gebäuden Foto: Stringer/Reuters

Berlin taz | „Hamas barra“, ruft die Menge im Chor – „Hamas raus“. Dutzende junge Männer, vielleicht auch Hunderte, laufen die ­schmale Straße entlang, klatschen im Takt der skandierten Worte. Einer hält einen Holzstock, an dem ein weißes Stück Stoff befestigt ist, hoch über die Köpfe. Das Video, das eine Quelle aus dem Gazastreifen an die taz sendet, stammt aus Gaza-Stadt, aus dem Viertel Al-Shuja’iyya. Es wurde am Mittwoch aufgenommen. Die Demonstrierenden sind darauf zumeist nur von hinten zu sehen. Sie sind männlich, wirken zumeist jung.

Die Proteste, schreibt der Kontakt im Gazastreifen, seien ein Ausdruck der Frustration, die in dem Gebiet herrsche: „Seit Langem ertragen wir hier unerträgliche Bedingungen“ – und nachdem sich die Situation nach dem erneuten Ausbruch des Krieges wieder verschärft hatte, falle es den Menschen immer schwerer, so weiterzuleben. „Sie fordern ein Ende der Hamas-Herrschaft“, schreibt der Kontakt.

Bereits am Dienstag kam es zu ersten Protesten: Im nördlichen Beit Lahia, einem der Orte, die vom Krieg besonders gezeichnet sind, demonstrierten nach Angaben der Nachrichtenagentur AP zunächst nur ein paar Menschen zusammen. Die Menge sei dann auf über 2.000 Beteiligte angeschwollen. Auch Plakate hielten manche hoch, darauf Sätze wie „Wir weigern uns zu sterben“. Ein Demonstrant erklärte AP: Die Hamas sei die einzige Partei in dem Konflikt, auf die man Einfluss nehmen könne. „Proteste werden die Besatzung (Israel, Anm. d. Red.) nicht stoppen, aber sie können die Hamas beeinflussen.“

Dass die Demonstrationen neben der Hamas vor allem auch Israel gelten, erklärt ebenso die Quelle der taz in Gaza: „Viele machen die Hamas für die Situation verantwortlich.“ Andere glaubten wiederum, dass die derzeitigen Geschehnisse im Gaza­streifen letztlich außerhalb deren Kontrolle lägen. Zwar trage die Hamas eine Verantwortung für den Krieg in Gaza – „doch die aktuelle Welle des Tötens und der Zerstörung richtet sich gegen die gesamte Bevölkerung – nicht nur gegen die Hamas“. Und: „Wir sind eine vereinte Nation, unabhängig von politischer Zugehörigkeit.“ Auch laut AP sagt ein Teilnehmer der Demonstrationen: Bei dem Protest gehe es nicht um Politik, sondern um das Leben der Menschen.

„Gaza vom Krieg befreien“

Der Protest in Beit Bahia hält derweil an. Ein anderer Kontakt der taz sendet am Mittwochnachmittag Bilder: Es scheinen sich noch mehr Menschen als am Dienstag versammelt zu haben. Vor einer Kulisse beschädigter Gebäude stehen sie eng gedrängt zusammen. Auch schriftlich gibt es Protest: In den sozialen Netzwerken kursiert etwa ein Dokument, zugeschrieben wird es lokalen Stammesführern in Südgaza. Geteilt hatte es unter anderem ein Korrespondent des israelischen TV-Senders i24News. Es ruft zum Widerstand auf, zum „Marsch des Zorn“. Der Gazastreifen werde von der Hamas als Geisel gehalten, so das Dokument. Dessen Echtheit lässt sich nicht unabhängig bestätigen.

Jetzt, wo ich sehe, wie die Menschen auf die Straße gehen und alles riskieren, um Freiheit zu fordern, spüre ich eine unbestreitbare Anziehungskraft – ich möchte an ihrer Seite stehen

Aktivist Hamza Howidy

Oppositionelle Gazaner im Ausland, etwa der mittlerweile in Deutschland lebende Hamza Howidy, reagieren erfreut auf die Proteste. Er schreibt auf X: „Jetzt, wo ich sehe, wie die Menschen auf die Straße gehen und alles riskieren, um Freiheit zu fordern, spüre ich eine unbestreitbare Anziehungskraft – ich möchte an ihrer Seite stehen. Um Gaza vom Krieg zu befreien. Um Gaza von denen zu befreien, die seine Zukunft gekapert haben. Um das, was zerstört wurde, wieder aufzubauen.“

Und er übt Kritik an der Berichterstattung zu den Protesten: „Plötzlich berichtet Al Jazeera nicht mehr über Gaza.“ Der katarische Sender stand wiederholt in der Kritik, Narrative der Hamas wiederzugeben. Die als Hamas-nah geltende Nachrichtenagentur Gaza Now stellt die Proteste auf ihrem Telegram-Kanal derweil ganz anders dar: Israel bedrohe die Bewohner Nordgazas mit dem Tod, sollten sie nicht an den Demonstrationen teilnehmen.

Ein Kontakt der taz schreibt: „Die Demonstranten rufen die Menschen dazu auf, zusammenzustehen“. Nur so könne der Krieg beendet werden.

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13 Kommentare

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  • Sicherlich ein gutes Zeichen und Anlass zu vorsichtigem Optimismus, dass sich dort etwas entwickeln könnte.

    Allerdings gehen mir die jubelnden Menschen in Gaza, die die Hamas mit ihren Geiseln bei ihrer Rückkehr am 07.10.23 frenetisch gefeiert haben, nicht aus den Kopf. Der Hass des "normalen" Palästinensers auf alles Jüdische scheint unermesslich zu sein.

    Warten wir mal ab, wie sich das entwickelt.

  • Wird ja auch mal langsam Zeit, dass die Palästinenser erkennen was sie sich mit der Hamas angetan haben.

  • Endlich ein gutes Zeichen aus dieser Region.



    Und entlarvend, dass der arabische Sender nun plötzlich nicht mehr berichten will.



    Ich hoffe inständig, dass wenigstens Israel richtig auf diese Entwicklung reagiert.

    • @Herma Huhn:

      Meinen Sie Al Jazeera?



      Hier ein Bericht über die Proteste:

      www.aljazeera.com/...za-against-the-war

      • @Timothee Güsten:

        Ja also die allgemeine Aussage, das Al Jazeera nicht mehr über Gaza berichtet, stimmt nicht. Die berichten täglich und mehr als alle anderen. Was davon dann Hamas-Propaganda ist, muss man von Einzelfall zu Einzelfall entscheiden. Aber täglich über die Menschen zu berichten die getötet wurden, und es sterben ja dort im Grunde täglich Menschen, kann man als Propaganda sehen, es sind aber auch einfach Fakten. Und jeder muss selber entscheiden was er vorzieht- immer nur eine kleine Dosis des Grauens eines Krieges wie es viele westliche Medienorganisationen machen oder aber die volle Dosis, mit täglichen Berichten/Videos, das möglicherweise zu Propagandazwecken gemacht wird, aber näher an der täglichen Realität eines Krieges ist.



        Und ich meine die Worte von Israel Katz bezüglich dieser Proteste allg. seinen Aussagen sind doch schon fragwürdig: www.timesofisrael....moval-to-stop-war/

      • @Timothee Güsten:

        In der Taz wurde gut gezeigt wie AJ zuerst nicht berichtet hat, dann sehr leitend, erst als andere Medien ein großes Echo mit der Nachricht gefunden haben legte AJ nach.

        Die Hamas hat hingegen auch nachgelegt und direkt „Kollaborateure“ hingerichtet, öffentlich und es publik gemacht.

        Laut Facebook (muss verifiziert werden) aus Gaza auch eine Person die prominent in der Demo aufgetaucht ist. Die Hinrichtungen machte Hamas selbst publik.

  • Die Palästinenser:innen erkennen langsam, trotz aller politischen Indoktrination durch die Islamisten, wer ihnen das ganze Unglück der letzten 76 Jahre eingebrockt hat.

    Die UNO hatte mit großer Mehrheit 1948 einer Zwei-Staatenlösung zugestimmt. Die Palästinenser haben unter der Führung der arabischen Staaten, vorwiegend der Muslimbrüderschaft abgelehnt.



    Arafat bekam von Israel 1993 die Chance durch das Oslo-Abkommen sowie 2000 und 2001, Camp David und Taba, einen Palästinensischen Staat zu bekommen, mit 97 Prozent des Westjordanlandes plus Ost-Jerusalem plus Gaza. Abbas bekam 2005 mit Israels Rückzug aus Gaza die Chance und 2008 unter Olmert. Alles verpasst. Unverdrossen wird aber behauptet: Israel hätte sich geweigert. Nein, PLO und Hamas haben es vergeigt. Bewusst. Mit Absicht.

    ZEIT: "Es (Israel) hätte das Singapur des Nahen Ostens werden können".



    www.zeit.de/politi...as-nahost-konflikt

    Vielleicht erleben Palästinenser:innen grade ihren Erweckungsmoment. Zu wünschen wäre es ihnen. Endlich Frieden!

    Doch die Hamas los zu werden, wird unendlich schwierig und gefährlich werden.

    • @shantivanille:

      Israel war schon zu Zeiten des Oslo-Abkommens nicht bereit illegale Siedlungen zu räumen. Nichtsdestotrotz hat die PLO Israel als Staat anerkannt sowie das Recht Israels, in Frieden und Sicherheit zu existieren. Israel beantwortete dies mit hunderttausenden weiteren illegalen Siedlern.

      • @Rudolf Fissner:

        Es ist konterfaktisch, da Israel mit Militär israelische und jüdische Menschen aus Gaza deportiert hat und ihren Besitz räumte.

        Also sind das was sie so einseitig verbreiten Lügen die dazu dienen Schuld umzudeuten. Wer Frieden über Jahrzehnte verhindert hat, als politische Führung in Gaza waren Hamas und andere Menschenfresser.

        • @AlHozo Hoto:

          Wenn Sie denken, dass das von ihnen angesprochene Oslo-Abkommen nur den Gaza-Streifen zum Gegenstand hatte und nicht die besetzten Gebiete im Westjordanland, dann kann ich Sie nicht ernst nehmen.

  • Gaza von der Hamas befreien, Israel von Netanjahu und die Welt wäre wieder ein großes Stück besser.

  • Die Proteste gegen die Hamas sind die beste positive Überraschung. Ich hoffe sehr, dass dies anhält und daraus etwas Großes entsteht. Wenn die PalästinenserInnen in einer kritischen Masse selbst sagen, dass sie den ewigen Krieg gegen Israel beenden und in Frieden zusammenleben wollen, ist das die erste und beste Grundlage dafür, dass die palästinensische Politik der Bevölkerung nachfolgen muss, und tatsächlich eine Zwei-Staaten-Lösung entsteht.

    Auch wichtig und positiv überraschend für mich, dass die TAZ nun diesbezüglich mit der Berichterstattung auch mehr in die Tiefe geht. So sieht Solidarität mit Palästinenser:innen aus. Wie der Artikel richtig sagt, wirft Al-Jazeera die Anti-Hamas-DemonstrantInnen ja unter den Bus, weil sie nicht ins ideologische Schema passen.

    • @a jugovic:

      Ich teile explizit die Freude über die Anti-Hamas Demonstrationen.



      Ihren Optimismus hinsichtlich einer Zwei-Staaten-Lösung teile ich mit Blick auf die faschistischen Minister in Israels Regierung, deren Aussagen zur Zukunft des Gazastreifens und dem Anhaltenden Prozess des Landraubs im Westjordanland explizit nicht.