Marlena Wessollek hat in Charlottenburg einen ungewöhnlichen Kiosk entdeckt: Klasse Klima kapert den Ernst-Reuter-Platz
This is not a test“, heißt es auf neongelbem Papier, plakatiert an die Wand einer silbernen Installation am Ernst-Reuter-Platz in Charlottenburg. Eine Handvoll Menschen sitzen auf Hockern davor und diskutieren. Hier am dreispurigen Kreisverkehr hat die „Klasse Klima“ der Universität der Künste (UdK) den internationalen „Kiosk der Solidarität“ aufgeschlagen. Der Stand erinnert an eine Imbissbude, statt Fastfood gibt es aber Aktionskunst.
Der Kiosk ist Teil einer Inszenierung von Studierenden der UdK, der TU und der Initiative Draußenstadt. In einem offenen Atelier setzte sich das Kollektiv in den vergangenen Wochen mit Barrierefreiheit und Kunst im Zeichen der Klimakrise auseinander. Im Mittelpunkt der Arbeit stand der Ernst-Reuter-Platz. Nun endet das Projekt mit einer interaktiven Ausstellung am Samstag und Sonntag. Der Titel „This is not a test“ spielt auf die Zeitnot im Kontext der Klimakrise an. Schon in den Tagen davor führt die Gruppe Aktionen durch.
„Es ist uns wichtig, den Platz zu bespielen, weil die Verkehrsinsel so ein unerreichbarer Ort in einer autogerechten Stadt ist“, sagt Lisa Hoffmann, eine der Organisatorinnen. „Hier sind nicht viele Menschen, weil der Platz einfach nicht für Menschen gemacht ist“, sagt sie. Es gehe um die Frage „wie wir in einem solchen Umfeld in solidarische Auseinandersetzung mit unserer Lebenswelt treten können“, fügt Alisa Tretau, auch aus dem Organisationsteam, hinzu.
Mit Kunst im öffentlichen Raum will die Klima-Klasse den Ort zugänglicher machen – für Fußgänger*innen. „Die Mittelinsel versucht ansprechend zu sein, aber sie ist nicht barrierefrei“, sagt Tretau und meint die Treppen des unterirdischen Zugangs. Oberirdisch ermöglicht keine Fußgängerampel den Weg zur Verkehrsinsel. In den nächsten Tagen plant die Gruppe barrierearme Führungen um den Platz.
Gerade haben sich die Studierenden zu einem Austausch zum Thema Unfälle versammelt, aus dem eine Performance entwickelt werden soll. Aber im Lärm des Kreisverkehrs Aufmerksamkeit zu erregen, ist eine Herausforderung: Viel Beachtung findet der Kiosk am späten Nachmittag nicht, der Feierabendverkehr hat es eilig: Radfahrer*innen düsen vorbei, Autos kreisen um die Mittelinsel. Es wird gehupt, Sirenen, Blaulicht. Ein Fußgänger bleibt stehen und fragt: „Habt ihr Kaffee?“ Gerade nicht, der Mann verweilt trotzdem kurz. Auch das sei ein Grund, weshalb der Platz für die Gruppe spannend sei, sagt Hoffmann: „Die Menschen fragen nach Kaffee, weil es solche Angebote hier sonst nicht gibt.“
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen