Fakten, auf Vinyl gepresst

„Sick“, das neue Album des kalifornischen Rappers Earl Sweatshirt, ist ein knisterndes Bekenntnis zur Geschichte des HipHop und spart Star-Allüren konsequent aus

In der Ruhe liegt die Kraft: Earl Sweatshirt Foto: Ryosuke Tanzawa

Von Christian Werthschulte

Earl Sweatshirt hat genug von der Trauer. „We got us a fire to rekindle / Triumph over plight and immense loss“ – wir müssen ein Feuer neu entfachen und über Not und Verlust triumphieren, rappt der 27-jährige US-Künstler auf seinem neuen Album „Sick“. Es ist sein Abschied von der Trauerarbeit, die auch seine Musik in den letzten Jahren bestimmt hat: Trauer um seinen 2018 verstorbenen Vater, den südafrikanischen Dichter Keorapetse Kgositsile, und die Trauer um seinen Freund, den im gleichen Jahr verstorbenen US-Rapper Mac Miller. Nun reimt Sweatshirt, dass er lange auf dem Zahnfleisch gegangen sei, es aber trotzdem irgendwie geschafft habe, weiterzumachen, und erinnert sich an das Jahr 2010, als seine Karriere im Rapbiz begann.

Damals gehörte Earl Sweatshirt zum HipHop-Kollektiv Odd Future in Los Angeles. Zu diesem Zeitpunkt konnte niemand ahnen, dass Odd Future den Sound von HipHop der zehner Jahre prägen würde. Innerhalb des Kollektivs waren die Rollen klar verteilt: Matt Martians und Syd the Kid besaßen die Nerdskills, die später in der Indie-R&B-Band The Internet aufblühen sollten. R&B-Sänger Frank Ocean war für Pathos zuständig und Tyler, the Creator übte sich bereits in der Rollenprosa, die er bald zu mehreren Grammys perfektionieren sollte. Mittendrin auch Earl Sweatshirt, der 16-jährige Badboy, der auf seinem Mixtape „Earl“ über reduzierten Beats aggressive, oft misogyne Reime spittete – bis auf einmal nichts mehr von ihm zu hören war. Seine Mutter, eine Juraprofessorin, hatte ihn auf ein Internat in Samoa geschickt. Auf der abgelegenen Pazifikinsel musste er anderthalb Jahre an seinem Verhalten arbeiten, bevor er wieder ein Mikro in die Hand nehmen durfte.

Während der Rest von Odd Future einer nach dem anderen die Pop-Welt eroberte, zog sich Earl Sweatshirt nach seiner Rückkehr in die USA in die Introspektion zurück. Seine Alben wurden immer skizzenhafter und vernebelter und seinen Freundeskreis suchte er sich abseits des Rampenlichts. Dazu zählen Rapper, deren Heimat die kleinen Bühnen und die Plattform Bandcamp sind. Ihre Reime sind durchzogen von Anspielungen auf die Geschichte der Musik, die sie lieben und leben: Rapper wie Zelooperz, der chaotische Stilist aus Detroit, und das New Yorker Lo-Fi-Duo Armand Hammer, das 2021 ein jazzgetränktes Anti-Polizei-Album aufgenommen hat. Und immer wieder taucht auch The Alchemist auf, ein Produzent aus Los Angeles, der noch aus dem staubigsten Vinyl etwas Soul hervorzaubern kann. Er ist der Grand Seigneur der kalifornischen HipHop-Szene, sein Studio wurde zum Treffpunkt für verschiedene Künstlergenerationen. Für Earl Sweatshirt war es die erste Anlaufstelle nach dem Internat.

All diese Charaktere tauchen auf „Sick“, dem neuen Album von Earl Sweatshirt auch als Gäste auf. Eigentlich sollte das Werk ein Konzeptalbum werden, benannt nach einem Kinderbuch, in dem fliegende Sklaven sich eine neue Enklave bauen. Dann kam – klar! – die Pandemie. „Die Menschen flogen nicht mehr“, meint Earl Sweatshirt und deshalb ziert jetzt eine ­Carbonit-Büste von Earl Sweatshirt das Cover, die die Maske bis aufs Kinn herabgezogen hat.

Wie kann ich Kindern Mut machen, ohne ihnen Märchen zu erzählen? Die Fee antwortet: Sag ihnen, dass sie schön sind

Es ist eine Metapher, wenn auch nicht gerade eine subtile: Hier bin ich, und gerade dann, wenn wir alle Maske tragen müssen, will ich meine ein Stück lüften. „Give it to you straight, no frills“, rappt Sweatshirt und erzählt dann von seiner Rückkehr aus dem Internat, aber nicht ohne in den folgenden Zeilen noch ein paar Verweise auf Superstar Kanye West, den Wu-Tang-Clan und sein Teenager-Idol MF Doom und dessen Superhelden-Maske zu droppen. Auch wenn in Sweatshirts Reimen aus jeder Gangstatrope ein Wortspiel wird, steckt darin trotzdem so etwas wie autobiografische Wahrhaftigkeit. Wie soll man auch anders vom eigenen Leben erzählen, wenn man das Erzählen nicht beim Tagebuch führen, sondern beim Rappen gelernt hat? „We keep facts in the midnight wax“, reimt Sweatshirt mit Flow an anderer Stelle: Unsere Fakten sind auf Vinyl gepresst.

Auf den Beats von „Sick“ lastet dieses Vinylgedächtnis auf jeden Fall nicht. Dafür verantwortlich sind seine Produzenten. The Alchemist samplet alte Afrobeats-Bläser zu einem entspannten Groove, während Sweatshirts alter Kumpel, Black Noi$e aus Detroit, seine Beats zu eigenen Erzählungen verdichtet. Auf „Visionz“ erzählen Earl Sweatshirt und Zeloopers die übliche Geschichte vom schwarzen Aufsteiger, der sich einen Panzer zulegt, weil er auf sich allein gestellt leben muss. Black Noi$e sampelt darunter Pianosprengsel, die sich im Spukhaften verlieren und gesampelten Stimmen aus einem Kinderfilm Platz machen. Eine Frau fragt die Fee: Wie kann ich unseren Kindern Mut machen, ohne ihnen Märchen zu erzählen. Und die Fee antwortet: „Sag ihnen, dass sie schön sind. Sag ihnen, dass sie schwarz sind.“

Earl Sweatshirt: „Sick“ (Tan Cressida/Warner)