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Schuldig in allen Anklagepunkten

Nach der Verurteilung des Ex-Polizisten Derek Chauvin feiern Menschen in den USA bis tief in die Nacht. „Wir können jetzt wieder atmen“, sagt der Bruder des getöteten George Floyd

Erleichterung und Freude: Nach der Verkündung des Urteils am Dienstag­nachmittag Ortszeit in der Innenstadt von Minneapolis Foto: Stephanie Keith/dpa

Aus Washington Dorothea Hahn

Schuldig. Selten klang das Wort süßer als am Dienstag. Selten löste es zugleich so große Überraschung und so viel Erleichterung aus. Kaum hatte Richter Peter Cahill in Minneapolis am späten Nachmittag die Entscheidung der Geschworenen über den Ex-Polizisten Derek Chauvin verkündet, ging ein lautes, tiefes Stöhnen durch die Menschenmenge, die sich vor dem Gericht versammelte hatte.

An zahlreichen Orten im Land folgten Tränen, Freudentänze und Hupkonzerte, die bis tief in die Nacht dauerten. Im Namen der Familie von George Floyd sagte sein Bruder Philonise bei einer ersten Pressekonferenz: „Wir können jetzt wieder atmen.“ US-Präsident Joe Biden erklärte in einer Ansprache an die Nation, dass „der Mord bei vollem Tageslicht die Scheuklappen von dem systemischen Rassismus gerissen hat“.

Auf den Nachrichtenkanälen im Fernsehen begann ein langer Abend, an dem mehr Schwarze InterviewpartnerInnen zu Wort kamen als sonst. Es war Mord und es war Totschlag. Derek Chauvin, der Polizist, unter dessen Knie der gefesselte, unbewaffnete und um sein Leben flehende George Floyd am 25. Mai vergangenen Jahres seinen letzten Atemzug getan hat, ist in allen Punkten schuldig.

Zu diesem klaren Ergebnis kamen die 12 Geschworenen in Minneapolis. Sie haben dafür weniger als zwei Tage gebraucht. Der Verurteilte Chauvin, der während seines Prozesses geschwiegen und seinen Blick nur selten von dem Notizblock, auf dem er sich Aufzeichnungen machte, abgewandt hatte, reagierte auch auf das Ende ohne Worte. Er hielt seine Hände auf dem Rücken, ließ sich Handschellen anlegen und abführen. In zwei Monaten wird er sein exaktes Strafmaß erfahren.

Nach dem dreifachen Schuldspruch kann es mehr als 40 Jahre Gefängnis bedeuten. Nach Jahren von Polizeigewalt gegen Schwarze und People of Colour, die nur in seltenen Ausnahmefällen zu Anklagen und kaum je zu Verurteilungen geführt haben, unterscheidet sich das Urteil von Minneapolis radikal von der bisherigen Polizei- und Justizgeschichte.

Der Schwarze Anwalt Benjamin Crump, der nicht nur die Familie Floyd, sondern auch die Angehörigen von zahlreichen anderen Polizeiopfern vertreten hat, sprach am Dienstagabend in Minneapolis von einem „Sieg für alle Amerikaner“. Für seine Landsleute hatte er folgende Empfehlung: „Wir sollten uns in diesen Moment hinein lehnen.“ Der Schwarze Prediger Al Sharpton, der in den zurückliegenden Monaten ebenfalls häufig bei der Familie Floyd präsent war, richtete sich bei der selben Pressekonferenz an Gott. Er bat ihn, George auszurichten, dass er eine Figur der Geschichte geworden sei.

Der Mord an der Straßenkreuzung in Minneapolis, die heute nach George Floyd benannt ist, war zugleich ähnlich und radikal anders als andere Fälle tödlicher Polizeigewalt in den USA. Ähnlich war, dass die örtliche Polizei – inklusive der drei anderen Polizisten, die mit Chauvin im Einsatz waren und sich in getrennten Verfahren vor Gericht verantworten müssen – zunächst versuchte, die tödliche Gewalt zu vertuschen.

Ein Festgenommener sei nach der Einlieferung im Krankenhaus verstorben, hieß es in einer ersten Version. Anders war, dass eine junge Passantin – die zum Tatzeitpunkt 17-jährige Gymnasiastin Darnella Frazier – die komplette Gewaltszene gefilmt hat. Ihr Video, das sie noch am Tatabend auf Facebook stellte, änderte alles. Am Morgen danach wandte sich der Polizeipräsident von Minneapolis von allen vier beteiligten Polizisten ab.

In dem Prozess war Polizeipräsident Medaria Arradondo einer von zahlreichen PolizistInnen, die Derek Chauvin offen kritisierten. Dessen Verhalten, so erklärten Polizeichefs und Polizeiausbilder im Zeugenstand, habe sowohl gegen die Regeln als auch die Ausbildung von PolizistInnen verstoßen und sei unangemessen und unverhältnismäßig gewesen.

Doch der Hauptunterschied zu vorausgegangenen polizeilichen Gewalttaten war die Reaktion auf den Straßen der USA. Unter dem Banner von Black Lives Matter und anderen Bürgerrechtsgruppen gingen Millionen US-AmerikanerInnen auf die Straße. Sie verlangten weitgehende Polizeireformen, die von der Kürzung der finanziellen Ressourcen und der Waffen bis zur Abschaffung der Polizei reichten. Sie ließen sich nicht beeindrucken: weder von brutalen Polizeieinsätzen mit Pfefferspray, Knüppeln und Tränengas, noch von Massenfestnahmen und dem Versuch, ihre Bewegung als „gewalttätig“ zu kriminalisieren. Und anders als bei früheren Protesten gegen Rassismus beteiligten sich erstmals auch große Gruppen von weißen und asiatischen US-AmerikanerInnen an den Protesten.

„Das Urteil bringt niemanden zurück ins Leben. Aber hoffentlich wird es uns in Zukunft helfen“

Abgeordnete Joyce Beatty

Seit dem Beginn der neuen Legislaturperiode sind mehrere Gesetzentwürfe, die auf ihre Forderungen zurückgehen, in den Kongress gekommen. Am Dienstagabend warteten die Mitglieder der schwarzen Fraktion im US-Kongress gemeinsam auf die Verkündung der Entscheidung der Geschworenen. „Das Urteil bringt niemanden zurück ins Leben“, sagte anschließend ihre Sprecherin, die Abgeordnete Joyce Beatty aus Ohio, in Washington. „Aber hoffentlich wird es uns in Zukunft helfen.“

Seit seinem Wahlkampf stand Biden in Kontakt zu den Angehörigen des ermordeten George Floyd. Aber während des Prozesses gegen Derek Chauvin enthielt sich Biden jeder Äußerung. Erst am Dienstagabend reagierten er und Vizepräsidentin Kamala Harris im Weißen Haus.

Nach den Schuldsprüchen gegen Chauvin suchten konservative Juristen nach Erklärungen und Auswegen aus dem Dilemma für die Polizei. Auf dem rechten Fernsehsender Foxnews bemängelte der Jurist Alan Dershowitz, dass der Prozess in Minneapolis stattgefunden habe und die Geschworenen nicht während des kompletten Prozesses isoliert worden seien. Beides, so eine häufige Kritik von rechts, habe die Atmosphäre in der Jury beeinflusst.

Vor Bekanntwerden der Entscheidung war die Polizei an vielen Orten der USA auf wütende Reaktionen auf den Straßen vorbereitet. Stattdessen erlebte sie Freudenausbrüche und Hoffnung auf Veränderung.