Sanders heißt der Favorit

Mit seinem deutlichen Sieg bei den Vorwahlen im US-Bundesstaat Nevada zeigt der linke Demokrat, dass er sich gegen mächtige Interessengruppen durchsetzen kann

Das Idol als Puppe: Anhängerin von Bernie Sanders bei einer Wahlkampfveranstaltung im Abraham Chavez Theatre in El Paso, Texas Foto: José Luis González/reuters

Aus New York Dorothea Hahn

Der alte Mann und die jungen RevolutionärInnen sind nicht mehr allein: Im US-Bundesstaat Nevada hat sich gezeigt, dass Bernie Sanders nicht nur die jungen, weißen WählerInnen unter 40 hinter sich hat, sondern auch die überwältigende Mehrheit der Latinos und der Gewerkschaftsmitglieder.

Seit Samstag, als er alle anderen KandidatInnen weit abgeschlagen hinter sich ließ (47 Prozent der Stimmen nach Auszählung von 50 Prozent der Stimmbezirke) und als er in dem dritten Bundesstaat in Folge die meisten Stimmen bekommen hatte, ist Sanders der klare Favorit der demokratischen Primaries. Bei einem Wahlkampfmeeting am Abend der Nevada-Abstimmungen sprach er vom Erfolg seiner „Multigenerationen und multiethnischen Koalition“. Und fügte hinzu: „Wir werden dieses Land durchfegen.“

Bei dem Meeting in San Antonio, Texas, wurde Sanders als „nächster Präsident der USA“ angekündigt. „Es wird Tio Bernie“ – Onkel Bernie – sagten seine VorrednerInnen vor Tausenden von jubelnden jungen Fans. Und sie hielten ihre Reden auf Spanisch und Englisch.

Sanders war sich seines Erfolgs in Nevada so sicher gewesen, dass er den Bundesstaat vor dem Tag der Wahlvollversammlungen verlassen hatte. Am Freitag machte Sanders Kampagne in Kalifornien. Dort pro­gnos­tizieren die Umfragen ihm ebenfalls einen klaren Sieg. Am Samstag war er in San Antonio. Von dort aus dankte er „dem Volk von Nevada“ und teilte seiner texanischen Basis mit, dass er sich auch in Texas siegesgewiss fühle – nicht nur in den Primaries, sondern auch bei den Wahlen im November. „Verratet es nicht dem Präsidenten, der sich leicht aufregt“, sagte Sanders: „Wir werden ihn schlagen.“

In Nevada (wie zuvor in Iowa und New Hampshire) hat sich Sanders gegen mächtige Interessengruppen durchgesetzt: fast alle großen Medien, den Apparat der Demokratischen Partei und die üblichen Geldgeber in Wall Street und Industrie. Er schaffte es sogar, die Führung der Culinary-Workers-Gewerkschaft vorzuführen, der Zigtausende Beschäftigte der Unterhaltungsindustrie in Las Vegas angehören. Wie zahlreiche andere Gewerkschaftsbosse im Rest der USA sympathisieren sie mit dem ehemaligen Vizepräsidenten Joe Biden. Doch die Basis stimmte für Sanders.

Sanders Erfolg von Nevada, wo 30 Prozent der WählerInnen Latinos sind, könnte sich in Kalifornien und in Arizona wiederholen. Wie in den 30er Jahren, als die Nachfahren von EinwandererInnen aus Osteuropa in den USA bei Wahlen den Ausschlag für Präsident Franklin D. Roosevelt gaben, der mit einem sozialdemokratischen „New Deal“ auf die Weltwirtschaftskrise antwortete, könnten dieses Mal die Nachfahren von EinwandererInnen aus Lateinamerika einen Mann zum Präsidenten machen, der auf die Klimakrise mit einem sozial­demokratischen „Green New Deal“ antworten will.

Der Erfolg von Bernie Sanders in Nevada könnte sich in Kalifornien und in Arizona wiederholen

Am kommenden Samstag wird sich in South Carolina zeigen, ob auch die für die Demokratische Partei wichtigste „Minderheit“ dem Vorbild der Latinos folgen wird. Bislang ist Joe Biden noch der Favorit bei den Primaries. Doch nachdem der Ex-Vizepräisdent und einstige Favorit der Parteiführung in Iowa, New Hampshire und Nevada enttäuschend abgeschnitten hat, müsste sein Wahlsieg in South Carolina mächtig ausfallen, um ihm noch eine Chance zu geben.

In South Carolina hat Hillary Clinton 2016 ihren entscheidenden Vorwahlsieg für die Nominierung errungen. Falls Sanders dort am Samstag zumindest einen starken zweiten Platz belegt, ist das ein klares Signal. Aber das „Durchfegen“ wird hart. Denn die Parteiführung und die traditionellen Geldgeber der DemokratInnen wollen einen zentristischen Kandidaten. Sie setzen auf den New Yorker Unternehmer, Ex-Bürgermeister und Multimilliardär Mike Bloomberg, der 450 Mil­lio­nen Dollar aus seinem Privatvermögen in den Wahlkampf investiert hat. Aber erst am 3. März wird er erstmals auf den Primary-KandidatInnenlisten stehen.

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