Kommentar von Yasmine M'Barek und Felix Leiverkuß über die Energiewende

Atomenergie als kleineres Übel

Nach der Katastrophe 2011 in Fukushima hat Deutschland den Fokus auf die Abschaltung von Atom gelegt. Bei der Frage „Kohle oder Atom?“ hat Merkel undifferenziert auf den öffentlichen Druck reagiert, indem sie Atom vor Kohle ausschaltete – ohne eine Debatte zu führen.

Es hätte aber einen Realitätscheck benötigt. Und man hätte verstanden, dass die Klimaziele nicht erreicht werden können, falls bis 2038 Kohlekraftwerke weiterlaufen. Denn der Erhalt von Kohle ist viel verheerender für die Umwelt als Atomenergie.

Die Nachbarn der EU haben stattdessen darauf gesetzt, die Zeit bis zur notwendigen Energiewende mit Atom zu überbrücken. In Frankreich wird deshalb in funktionierende Atomendlager investiert. In Deutschland wird 32 Mal so viel Kohlestrom produziert wie in Frankreich. Deutschland hat die Forschung in Atom weitgehend eingestellt, unter anderem durch den Druck Grüner in den Neunzigern.

Die Klimaziele in Paris wurden erst vier Jahre nach Fukushima gesetzt. Erneuerbare Energien sind keine kontinuierlichen Stromerzeuger, da die Sonne nicht immer scheint und der Wind nicht immer weht. Das führt dazu, dass sich Deutschland in bald eintreffenden Engpässen Energie aus dem EU-Ausland beschaffen muss. Deutschland ist demnach großer Stromexporteur, solange sich das Windrad dreht und Sonne scheint. Allerdings wird es ein umso größerer Stromimporteur sein, wenn diese keine Energie produzieren. Davon profitieren Atomkraftwerke in Frankreich nahe der deutschen Grenze, beispielsweise das AKW in Fessenheim.

Währenddessen wird hierzulande zu wenig in grüne Technologien investiert. Das Wirtschaftsministerium sah in seinem Haushalt 2019 nicht einmal 10 Prozent für die Förderung der Erneuerbaren vor, in Frankreich sind es 21 Prozent. Frankreich investiert mehr in die Energien der Zukunft, währenddessen Deutschland wegen kostenintensiven Rückbaus der Atomkraftwerke daran verhindert ist. Frankreich arbeitet intensiv an Lösungen für Endlagerung von Atommüll. Die deutsche Energieversorgung verharrt im abhängigen Status Quo.

Hätte man in Deutschland stattdessen die Abschaltung von Atom verschoben und Kohle zuvor eliminiert, könnte man nun effektiv die CO2-Eindämmung erwirken. Aus Studien geht hervor, dass Geldgeber bevorzugt in Frankreich investieren, weil die deutsche Energiepolitik fehlgeschlagen ist. Frankreich ist deswegen das beliebteste G20-Land.

Die Investitionsfreude in Frankreich ist groß – wegen der aktiven Klimapolitik von Präsident Macron. Das zieht die Investoren an. Attraktiv zu werden als Innovationsstandort sollte auch ein Ziel deutscher Politik sein. Als Nebeneffekt würde das auch die Wirtschaft fördern. Die derzeitige Klimapolitik zielt auf keinen dieser Punkte ab. Weder auf Innovation, noch auf Attraktivität. Das ist kein ambitioniertes Klimaretten. Es bedarf aber ausreichender finanzieller Förderung für die Energiewende.

Yasmine M’Barek, freie Journalistin;

Felix Leiverkuß, Ingenieur bei EnBW

taz🐾sachen

Fehler im Atom-Kommentar

Am 2. Dezember ist in einer Beilage der taz Panter Stiftung ein Kommentar mit der Überschrift „Atomenergie als kleineres Übel“ erschienen. Diese Beilage ist kein Produkt der taz-Redaktion, sondern sie ist, wie viele andere zuvor, als Ergebnis eines Workshops der Panter-Stiftung für Nach­wuchs­jour­na­lis­t*in­nen entstanden. Eine Besonderheit bei diesem Workshop war, dass unter den Teil­neh­me­r*innen auch Akti­vis­t*in­nen von Fridays for Future und Auszubildende des Energiekonzerns EnBW waren.

Bei dem Text der beiden Workshop-Teilnehmer*innen handelt es sich um einen Kommentar, und natürlich kann man zur Atomkraft unterschiedlicher Meinung sein. Aber auch in Kommentaren müssen die Fakten, auf denen die Meinungen beruhen, stimmen. Und das war, wie auch viele Leser*innen kritisierten, in diesem Text an mehreren Stellen leider nicht der Fall.

Der Atomausstieg wurde nicht von Angela Merkel „ohne eine Debatte“ durchgesetzt, sondern vom Bundestag mit breiter Mehrheit beschlossen. Die Aussage, dass „die Nachbarn der EU“ auf Atomkraft als Brücke zu den Erneuerbaren setzen, unterschlägt, dass die Hälfte der EU-Staaten überhaupt keine AKWs betreibt und dass sich diese wegen fehlender Flexibilität auch nicht als Ergänzung von Wind- und Solarkraftwerken eignen. Auch dass Frankreich doppelt so viel Geld für erneuerbaren Strom ausgibt wie Deutschland, ist inkorrekt. Tatsächlich gaben die Deutschen zuletzt fast fünfmal so viel aus.

Mehr Details zu diesen und weiteren Fehlern des Textes unter taz.de/hausblog. (mkr)