Micha Brumlik Gott und die Welt

Die verpasste Debatte über den mörderischen Judenhass

Der Anschlag auf die Synagoge in Halle an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, ein Anschlag, der zwei Menschen das Leben kostete, markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der Bundesrepublik – obwohl dies keineswegs der erste antisemitische Anschlag mit tödlichen Folgen war. So deponierten am 9. November 1969 Mitglieder der linksradikalen Tupamaros 1969 eine Bombe im Jüdischen Gemeindezentrum West-Berlins, ein Anschlag, der misslang, so starben am 13. Februar 1970 sieben Mitglieder der Jüdischen Gemeinde München, Holocaustüberlebende, bei einem Brandanschlag, schließlich wurden am 19. Dezember 1980 in Erlangen der jüdische Verleger Shlomo Lewin und seine Frau Frida Poeschke aus antisemitischen Gründen kaltblütig erschossen.

Der Anschlag auf die Hallenser Synagoge markiert gleichwohl einen Wendepunkt, weil er – der höchste jüdische Feiertag, eine Synagoge – symbolisch geradezu übercodiert war: Bei dieser Zielwahl konnte es keinen Zweifel daran geben, dass es einzig und allein um Juden und Judentum ging; unbeschadet des Umstandes, dass der Täter auch homophob, islamophob und nicht zuletzt zutiefst frauenfeindlich eingestellt ist. In seinem Falle kam zusammen, was meist immer zusammengehörte: Hass auf selbstbewusste Frauen, auf Homosexuelle, Migranten und Muslime sowie vernichtender Hass auf jüdische Menschen, die jüdische Religion und die jüdische Kultur. All das getrieben von der paranoiden Wahnidee, Juden wollten die „weiße Rasse“ durch Unterstützung von Homosexualität und Frauenrechten zum Aussterben bringen und durch Förderung von Immigration „umvolken“.

Jedenfalls: Die im Einzelfall psychoanalytisch leicht erklärbare Tat mitsamt ihren tödlichen Folgen kontrastiert eigentümlich mit dem in den letzten Jahren geführten Antisemitismusdiskurs in Deutschland. Vor dem Hintergrund der Anschläge von Utøya , Pittsburgh, Christchurch und schließlich Halle möchte ich daher Folgendes zur Diskussion stellen: Die aufwändig geführte Debatte über BDS, die – anders als an den Universitäten der USA – hierzulande keine gesellschaftliche Relevanz aufweist, hat die objektive Funktion, vom realen, mörderischen Judenhass abzulenken und – mehr noch – ein illiberales Klima weiter zu verschärfen – einen neuen „McCarthyismus“!

Die Wirkmacht dieses neuen, BDS-bezogenen „McCarthyismus“ besteht darin, dass er sich wegen des darin enthaltenen Antisemitismusvorwurfs kaum ausweisen muss und er zudem eine kaum widerlegbare Strategie enthält: den Vorwurf der Kontaktschuld!

Auf jeden Fall: Der Autor dieser Zeilen kann sich nicht daran erinnern, dass das deutsche Parlament sich jemals so ausführlich und explizit zum „normalen“, jüdische Gräber schändenden, Holocaust leugnenden, Jüdinnen und Juden mordenden Antisemitismus erklärt hat. Daher wäre jetzt – auch nur ein wenig Konsequenz vorausgesetzt – zu fordern, dass der Deutsche Bundestag eine Debatte über den Antisemitismus im eigenen Land führt und danach eine mindestens so deutliche Resolution erlässt, wie das beim BDS-Beschluss vom 9. Mai der Fall war.

Micha Brumlik ist Mitarbeiter am Zentrum für Jüdische Studien.