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Für Frauenpower

Wo zu fairen Bedingungen produziert wird, leben Frauen ihre Rechte und haben Kompetenzen und Einfluss. Doch es gibt noch viel zu tun

Von Annett Jensen

Fast die Hälfte der Menschheit ist weiblich. Während in Europa und Amerika Frauen infolge ihrer durchschnittlich höheren Lebenserwartung deutlich in der Überzahl sind, sieht es in den bevölkerungsreichen Ländern Asiens ganz anders aus: In Indien und China werden viele weibliche Föten abgetrieben, auch in den meisten nordafrikanischen Ländern haben Männer bessere Überlebenschancen. Auf dem Papier gilt weltweit die „Gleichberechtigung von Mann und Frau“. Festgeschrieben wurde sie 1945 in der UN-Charta, die inzwischen 193 Staaten unterzeichnet haben. Vier UN-Frauenkonferenzen hat es seit den 1970er Jahren gegeben, zahllose Appelle und Aktionspläne wurden verabschiedet. Papier ist geduldig, die Realität sieht anders aus.

Deshalb thematisiert die Faire Woche in diesem Jahr „Geschlechtergerechtigkeit“. Grundlage sind zwei Studien der Weltdachorganisation des Fairen Handels, WFTO (World Fair Trade Organization). Sie zeigen die vielfältigen Hürden und ­Alltagserfahrungen auf, die Gleichberechtigung verhindern – und belegen mit Beispielen, wie es anders geht.

In vielen Ländern Afrikas haben Frauen kaum Chancen, selbst Land zu erben oder zu erwerben. In der Filmindus­trie sind weltweit nicht einmal 17 Prozent der Hauptfiguren weiblich, auf Leinwänden dürfen sich Männer doppelt so lange präsentieren wie Schauspielerinnen. Ein Großteil der Schulbücher reproduziert Geschlechterstereotype und zeigt Frauen so gut wie nie bei Erwerbsarbeit. Zwar haben Mädchen bei Grundbildung in den vergangenen Jahren aufholen können, doch zwei Drittel der Menschen, die nicht lesen und schreiben können, sind ­Frauen. Frauen nehmen weltweit weniger als ein Viertel der Parlamentssitze ein, leisten dafür aber drei Viertel der unbezahlten Betreuungs- und Hausarbeit und bekommen im Job durchschnittlich deutlich niedrigere Stundenlöhne. Beim gegenwärtigen Tempo der Gehaltsangleichung würde es 217 Jahre dauern, bis die Bezahlung beider Geschlechter das gleiche Niveau erreicht hat, hat die WFTO ausgerechnet. 75 Prozent der Frauen aber verdienen ihr Brot sowieso im informellen Sektor und verfügen deshalb häufig über keinerlei soziale Absicherung.

Es geht auch anders

In einem Land wie Indien, wo Diskriminierung und Ungleichbehandlung sehr tief verwurzelt sind, sind selbst vielen gebildeten Frauen ihre Rechte nicht bewusst, und Analphabetinnen wissen gar nicht darüber Bescheid. „Niemand kümmert sich, und die meisten Institutionen und Unternehmen nehmen Gesetze und Regeln nicht ernst“, berichtet Rechtsanwältin Manabendra Nath Mandal aus Kalkutta. Am überzeugendsten aber ist die Erfahrung, dass es im Alltag anders geht. Faire Vorbildbetriebe können den Beschäftigten Sicherheit und Selbstbewusstsein geben und damit auch auf die soziale Umgebung ausstrahlen.

Die 1984 gegründete Firma Creative Handicrafts (CH) in Mumbai stellt hochwertige Kleidung für den Export her und beschäftigt 270 Frauen auf Vollzeitbasis. Auch die Leitungspositionen sind fest in weiblicher Hand. Die Frauen verdienen pro Shirt, Rock und Kleid etwa viermal so viel wie üblich und teilen den Gewinn des Kollektivbetriebs am Ende des Jahres unter den Mitgliedern auf. CH bietet eine betriebliche Altersvorsorge. Nachdem die staatliche Krankenversicherung für Kunsthandwerkbeschäftigte in Indien abgeschafft wurde, baute der Betrieb einen eigenen Gesundheitsfonds auf. Mütter bekommen zudem zusätzliches Geld für die Bildung von zwei Kindern, wobei Mädchen bevorzugt werden.

An die Textilfabrik angeschlossen ist eine Kinderkrippe, wie es in Indien offiziell vorgeschrieben, aber tatsächlich fast nirgends umgesetzt ist. Für Neueinsteigerinnen, die überwiegend aus den Elendsvierteln der 15-Millionen-Einwohner-Me­tro­pole stammen, bietet das Un­ter­nehmen eine viermonatige Fortbildung an. „Ich habe hier gesehen, dass Frauen auf allen Ebenen arbeiten – als Vorgesetzte, Designerinnen, Produktionsleiterinnen. Da stellt sich mir die Frage, wie es sein kann, dass mir zuvor weisgemacht wurde, dass eine Frau nichts erreichen könne“, zitiert die WFTO-Studie die Schneiderin Rinku Mishra. Ihre Arbeit hat sie unabhängig gemacht von ihrem Ehemann und dessen Eltern, bei denen sie vorher leben musste. „Dahin gehe ich niemals zurück. Mein Selbstbewusstsein als Frau wächst. Wir haben hier regelmäßig Fortbildungen zum Thema Gleichberechtigung und geschlechtsbezogene Gewalt“, erzählt Mishra.

Über 4.000 Kilometer weiter westlich hat die äthiopische Weberin Dinkenesh in dem Unternehmen Sabahar, das Tücher und Taschen aus Baumwolle und Seide für den fairen Handel herstellt, ähnliche Erfahrungen gemacht. „Als ich anfing, habe ich mich nicht getraut, Fragen zu stellen. Es war das erste Mal, dass ich in einer richtigen Firma gearbeitet habe. Die Arbeit bei Sabahar bringt mir Freiheit. Mir ist jetzt bewusst, dass ich es weit bringen kann, wenn ich noch mehr lerne.“ Die Finanzabteilung wird bei Sabahar von Frauen geschmissen, auch das siebenköpfige Leitungsteam ist weiblich dominiert.

Beide Beispiele zeigen: Der faire Handel kann auf das Leben der Produzentinnen und ihrer Familien einen weit größeren Einfluss haben, als ein paar Euro mehr vermuten lassen.