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Die Milch macht’s vielleicht doch nicht

Ernährungswissenschaftler empfehlen den täglichen Verzehr von Milch und Milchprodukten, unter anderem, um die Knochen mit Calcium zu versorgen. Osteoporose werde so aber geradezu gefördert, sagt der Arzt Bodo Melnik

„Bevölkerungen ohne Milchkonsum kennen keine Osteoporose-Epidemie“

Bodo Melnik, Arzt

Von Katharina Gebauer

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt den täglichen Verzehr von Milch und Milchprodukten wie Joghurt und Käse. Milch gilt für die DGE als Calcium-Lieferant Nummer eins. Seit jeher wird ihre „magische“ Wirkung in Werbefilmen beteuert: „Nur die Milch macht’s!“, war der Slogan in einem Werbespot von 1992.

Doch längst sind Stimmen von Kritikern laut geworden: Die Inhaltsstoffe der Muttermilch einer anderen Spezies könnten im menschlichen Organismus Schaden anrichten. Das sagt etwa Bodo Melnik, Arzt und Professor an der Universität Osnabrück: „Milch ist nicht für den Dauergebrauch von der Evolution konzipiert worden.“

Laut DGE stellt die tägliche Menge von 200 bis 250 Gramm fettarmer Milch und Milchprodukten sowie 50 bis 60 Gramm fettarmem Käse – etwa zwei Scheiben – eine günstige Quelle für eine Reihe essenzieller Nährstoffe dar. Die empfohlene Calciumzufuhr für Erwachsene beträgt ein Gramm pro Tag, Jugendliche in der Wachstumsphase haben einen etwas höheren Bedarf von 1,2 Gramm.

Neben Calcium liefern Milchprodukte zudem gut verfügbares Protein und das Vita­min B2. „Das im Milch enthaltene Calcium stabilisiert zudem die Zellwände und ist wichtig für die Blutgerinnung“, sagt Antje Gahl, Sprecherin der DGE.

Etwa 15 Prozent der Menschen in Deutschland sind jedoch laktoseintolerant und können keinen Milchzucker verwerten, weil ihnen das Enzym Laktase ganz oder teilweise fehlt. 1,3 bis 8 Millionen Deutsche ernähren sich zudem vegan, also rein pflanzlich. Darin sieht Melnik allerdings kein Problem: „Kein Säugetier benötigt Milch als Calciumquelle.“ Zudem benötige das menschliche Skelett nicht die hohen Calciummengen wie ein Rinderskelett, für das die Muttermilch der Kuh gedacht ist.

Das Bundesministerium für Ernährung hält einen erhöhten Milchverzehr für wirksam, um die Knochenmasse und -dichte zu stärken. Melnik spricht dagegen: „Demnach dürfte es doch in den Milch-konsumierenden Ländern kaum Osteoporose geben.“ In der Realität sehe das aber genau umgekehrt aus: „Bevölkerungen ohne Milchkonsum kennen keine Osteoporose-Epidemie wie bei uns“, sagt Melnik. Auch bei Tieren ist Osteoporose kein Problem“, beteuert Melnik.

Im Gegenteil: Milch könne sogar die Ursache für Osteoporose sein. „Milch wird physiolo­gischerweise nur während der Wachstumsphase des Neugeborenenskeletts zugeführt“, erläutert er. Das ausgewachsene Skelett benötige die sogenannte Osteoklastenaktivie­rung jedoch nicht mehr in dem Ausmaß wie in der Wachstumsphase. Osteoklasten sind die knochenabbauenden Zelltypen.

Der zweite, knochenaufbauende Zelltyp, der für das Knochenwachstum benötigt wird, sind die Osteoblasten. Beide sind nötig, damit Knochen wachsen können. Denn: Ein ständiger Abbau geht dem neuen Knochenanbau in der Wachstumsphase voraus.

Milch enthält virusartige Partikel, die sogenannten Exosomen. Diese enthalten gen­regulatorische Micro-Ribonukleinsäuren (microRNA). Diese aktivieren sowohl die Osteoblasten als auch die Osteoklasten, erläutert Melnik. „Durch den Konsum von pasteurisierter Milch und damit Zufuhr der exosomalen microRNA kommt es zu einem Ungleichgewicht. Die Folge ist die Knochenausdünnung, also Osteoporose.“ Es genüge calciumreiches Mineralwasser und Gemüse, dazu die richtige Menge an Vitamin D und Bewegung für eine gute Knochengesundheit.