: Nicht mehr neu hier
Boubacar Sidiki Sokona kommt aus Mali. Er ist perfekt integriert, hat einen Lebenslauf voller akademischer Grade. Trotzdem wird er immer wieder Opfer von Vorurteilen

Die Visitenkarte von Boubacar Sidiki Sokona zeigt das Logo des Caritasverbandes. Ein Moslem, mit einem katholischen Arbeitgeber? Das gibt es. Als Bildungsberater für die „Jugendmigrationsdienste“ des Bundesfamilienministeriums ist Sokona bis Münster und bis Ostfriesland unterwegs. Bei den Beratungen sitzen ihm auch viele Flüchtlinge gegenüber, in der Hoffnung auf eine Hochschulausbildung.
Mit Hochschulen kennt Sokona sich aus: Da ist sein Stipendium an der Hamburger Bundeswehr-Universität, für das er vor 18 Jahren zum ersten Mal nach Deutschland kam, aus Bamako, Mali. Da ist sein Master for Nonprofit Organizations, aus Frankreich. Da ist die Promotion, die er derzeit nebenbei an der Universität Osnabrück schreibt, über Entwicklungszusammenarbeit.
Wenn Sokona von seinem Leben erzählt, sind Fülle und Vielfalt so groß, dass sie bei anderen Menschen für drei Leben reichten. Da sind seine Straßenkinderprojekte, als er 2005 zurückgeht in seine Heimat, zu der mit Hamburg eine zweite hinzugekommen ist. Da ist sein Engagement für Integration, für Nachhaltigkeit, für Waffenkontrolle. „Entscheidend ist doch, was dich ausmacht, als Mensch. Es gibt nicht Afrikaner oder Europäer, Moslem oder Christ. Was zählt, ist das Individuum.“
Manchmal aber auch nicht. Denn seine exzellente Bildung, sein guter Job, sein kultiviertes Deutsch, sein offenes Wesen verhindern nicht immer, dass Sokona seltsamen Vorurteilen begegnet. Und er ist gleich doppelt betroffen. Als Moslem. Und als Schwarzer.
„Manche sprechen mich auf der Straße auf Drogen an. Die denken wohl, der ist schwarz, der muss ein Dealer sein.“ Sokona schüttelt den Kopf, lächelt ein bisschen.
Dann erzählt er von dieser Weihnachtsfeier, bei seiner früheren Firma. Er trug einen Boubou, ein traditionelles Gewand aus Mali, zur Feier des Tages. „‚Der ist ja im Schlafanzug!‘, hieß es da.“ Man spürt, das tut ihm noch heute weh. Oder die Sache damals in München. „Ob ich aus den USA bin, fragt mich jemand ganz freundlich. Nein, sage ich, aus Afrika. Sofort wandelt sich der Ton. Ich bin noch derselbe Mensch wie eine Minute zuvor, aber ich werde beschimpft.“
Dass die Islam-Debatte derzeit so hochkocht, mit Heimatminister Horst Seehofer an der Spitze, weckt in Sokona tiefe Besorgnis, auch für die Zukunft seiner Kinder. „Da kristallisiert sich ein Denken heraus, das wirklich gefährlich ist, akut und langfristig, weil es zur Spaltung unserer Gesellschaft führt. Wer sich ausgegrenzt fühlt, reagiert mit Abwehr, radikalisiert sich vielleicht. So züchten wir genau die Gewalt, über die wir uns anschließend beklagen.“
Boubacar Sokona ist gläubig, aber kein Mitglied einer Moscheegemeinde. „In dieser ganzen, im Moment so unsagbar überhitzten Diskussion geht es sowieso nicht wirklich um Religion“, sagt er. „Und auch nicht um Menschen. Es geht um Macht, Ideologie, Geld.“ Sokona atmet durch. „Ich bin hier, also bin ich Teil dieser Gesellschaft, ob das anderen nun gefällt oder nicht. So wie mein Arm Teil meines Körpers ist – es sei denn, ich hacke ihn ab.“
Und dann erzählt er, dass man in Mali nicht Ausländer sagt, sondern Gast. Und dass in Mali der Gast König ist. Duna, heißt das auf Bambara: Der, der hier neu ist.
Neu ist Sokona in Deutschland schon lange nicht mehr. In Osnabrück, wo er seit 2010 lebt, war er sogar schon einmal eines der offiziellen „Gesichter meiner Stadt“, porträtiert für ein Projekt des Fachbereichs Stadtentwicklung zum Thema „Jugendliche entdecken Vielfalt“. Und was er damals sagte, sagt er auch heute: „Es ist egal, wie lange ein Holzstück im Wasser liegt, es wird nie zum Krokodil.“
Was das heißt? Vielleicht: Verleugne nie deine Wurzeln. Vielleicht auch: Anpassung ist eine Illusion.
40.000 mal Danke!
40.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Was uns besonders macht? Sie, unsere Leser*innen. Sie wissen: Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Wir suchen auch weiterhin Unterstützung: suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus – schon mit 5 Euro im Monat! Jetzt unterstützen