Kommentar Türkei - Armenien : Erdogan begeht eklatante Dummheit
Nach jahrzehntelangen Debatten kratzt die Türkei am Armenier-Tabu. Doch Präsident Erdogan vertut die Chance auf Aussöhnung.
Zuerst einmal die gute Nachricht. Nach jahrelangen Debatten um das Schicksal der Armenier im ausgehenden Osmanischen Reich hat jetzt eine zivilgesellschaftliche Initiative das Heft des Handelns in die Hand genommen. Von staatlicher Seite wurde jahrzehntelang jegliches Schuldeingeständnis oder auch nur ein Bedauern über hunderttausende tote Armenier abgewehrt. Vor diesem Hintergrund stellt die Internetkampagne "Ich bitte um Entschuldigung" einen kaum zu überschätzenden Durchbruch dar - nicht nur, was das Tabu um den Genozid an den Armeniern angeht, sondern für die demokratische Kultur des Landes insgesamt.
Allen bisherigen Einschüchterungsversuchen durch Staat, Justiz und militant-faschistischen Untergrundstrukturen zum Trotz, haben in den letzten Tagen fast 15.000 Bürger der Türkei ihren armenischen Mitmenschen ihr persönliches Bedauern für die Tragödie von 1915 ausgedrückt: nicht anonym, sondern mit vollem Namen und für jeden identifizierbar. Damit ist die Diskussion, ob es einen Völkermord gegeben hat oder nicht, nicht mehr zu stoppen - auch, wenn die nationalistische Rechte jetzt wieder "Verrat" und "Ausverkauf" schreit. Das war zu erwarten und hört sich mehr denn je wie ein Rückzug auf Raten an.
Was nicht unbedingt zu erwarten war, das ist die harsche und ungemein platte Reaktion von Regierungschef Tayyip Erdogan. Hätte er doch bloß den Mund gehalten oder wie Staatspräsident Abdullah Gül darauf verwiesen, dass die türkische Gesellschaft sich eben mittlerweile jede offene Debatte leisten kann! Dann hätte die Unterschriftenaktion auch eine positive Wirkung im Verhältnis zum armenischen Nachbarstaat entfalten können.
Erdogan aber bekräftigte noch einmal ohne Not eine Position, die eine Verständigung mit Jeriwan nur erschweren kann. Es habe keine Verbrechen gegeben, folglich gebe es auch nichts zu entschuldigen, polterte er. Das wirkt fast wie eine bewusste Sabotage an der Politik einer vorsichtigen Aussöhnung, die Präsident Gül mit seiner Reise nach Armenien vor zwei Monaten begonnen hat. Das ist eine eklatante Dummheit. JÜRGEN GOTTSCHLICH
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