wortwechsel: Die jüdische Einsamkeit in der neuen alten Welt
Marina Klimchuk fragte: „Besatzungskritische russischsprachige Verbündete, wo seid ihr?“ Viele teilen ihre Zerrissenheit und schätzen ihre freimütige Suche zwischen allen Fronten
„Nahostkonflikt Jüdisch, postsowjetisch, besatzungskritisch sucht … Für unsere Autorin war Israel das gelobte Land, heute schämt sie sich für ihren Pass. Eine Geschichte von Entfremdung – und der Suche nach Verbündeten“,
Das Leid
Selten hat mich ein Text so berührt. Durch vielfältige eigene Erfahrungen ist die Autorin zu einer Haltung gelangt, mit der sie sich im innerjüdischen deutschen Dialog alleine fühlt. Besonders bitter ist es, wenn Menschen nicht bereit oder unfähig sind, das Leid der „anderen Seite“ wahrzunehmen. Sofern dies auf unmittelbar erfahrenem eigenem Leid beruht, ist das nachvollziehbar, nicht aber, wenn es daraus resultiert, dass Prinzipien oder Gruppensolidarität höher bewertet werden als Menschen. Das Besondere an Klimchuks Text ist, dass sie einen empathischen Blick auf die Menschen mit ihren verschiedenen Erfahrungen richtet, seien es Holocaustopfer, vom Hamas-Massaker Betroffene oder vom Siedlerterror und der erbarmungslosen israelischen „Kriegführung“ betroffene Palästinenser.
Die Crux ist, dass viele nicht bereit sind, zwischen jüdischen Menschen, dem Staat Israel und seiner gegenwärtigen verbrecherischen Regierung zu unterscheiden. Das führt dazu, dass hier lebende Juden als „Vergeltung“ für die Verbrechen der israelischen Armee attackiert und auf der anderen Seite zu einer „bedingungslosen“ Solidarität mit Israel verpflichtet werden, das diese Verbrechen ignoriert.
Normales menschliches Mitgefühl mit Palästinensern sieht sich absurderweise einem Antisemitismusverdacht ausgesetzt. Unsere Regierung verhindert sogar, dass verletzte oder schwer kranke Kinder hierzulande behandelt werden.
Marina Klimchuk wünsche ich, dass sie viele Verbündete findet, und uns allen wünsche ich, dass sich viele auf ihre Denkweise einlassen.
Eduard Belotti, Augsburg
Marina Klimchuk denkt wie Jesus, Omri Boehm, Martin Luther King, Immanuael Kant, Abraham: universell. Sie denkt wie das Grundgesetz, das in Artikel 3 Absatz 3 jede oberflächliche Bevorzugung und Benachteiligung von Menschen verbietet wegen der universell geltenden Menschenwürde, Artikel 1 GG.
Judenfreunde, Araberhasser … Elohimisten waren identitär, Abrahamisten waren universal eingestellt. Der Streit ist also uralt. In Group gegen Out Group – nur wer zu mir gehört, ist ein Mensch. Der internationale Gerichtshof in Den Haag hat Israels Besatzung für rechtswidrig erklärt. Jeder Palästinenser darf daher zu Recht Widerstand gegen das israelische Militär leisten. Hannes Küper, Werne
taz.de forum
Wo außerhalb der taz kann man solche Texte lesen? Danke dafür.
Natürlich stimme ich der Autorin in vielem nicht zu, bin aber sehr froh, ihre Sicht so gründlich und nicht bloß oberflächlich kennenzulernen.
Kommentar taz forum
„Wie werden Israelis ihren Kindern und Enkeln eines Tages all die sinnlosen Toten in Gaza erklären?“
Dazu ein Zitat der Nobelpreisträgerin Herta Müller: „Ich habe den Eindruck, die Strategie der Hamas und ihrer Unterstützer möchte, dass alles Israelische und damit auch alles Jüdische der Welt unerträglich gemacht wird.“
taz forum
Man kann die Gründung Israels nicht zurücknehmen – es existiert und ist wie jeder andere Staat durch das reine Faktum seiner Existenz vom Völkerrecht geschützt. Das heißt aber nicht, dass man für die intendiert gewaltsame Dimension der Staatsgründung und das vom europäischen Kolonialismus geprägte Weltbild, das ihr zugrunde lag, blind sein darf.
Schon bei Theodor Herzl werden die Araber/Muslime als „unsere Brüder“ bezeichnet. Er ging allerdings völlig naiv davon aus, dass diese zahlenmäßig nicht weiter auffallen und sich in seinem modernen, fortschrittlichen sowie weitgehend säkularen Judenstaat vollständig integrieren würden. Er hatte nicht im Sinn, sie zu diskriminieren. taz forum
Antijüdische Grundstimmung. Zionismus
Man muss sich fragen, wie es kommen konnte, dass der revisionistische Zionismus innerhalb der zionistischen Bewegung und der israelischen Gesellschaft derart die Oberhand gewinnen konnte.
Hannah Arendt hatte schon 1934, anlässlich ihres ersten Palästina-Besuches, diese fatale Entwicklung des Zionismus hellsichtig vorhergesehen.
Marina Klimchuk schreibt, das Kernproblem bestehe darin, dass auch liberale und linke Juden die Toten in Gaza und die Besetzung des Westjordanlands als notwendig zum Schutz des Staates Israel und damit der jüdischen Identität erachteten. taz forum
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion setzte sich eine antijüdische Grundstimmung in den Nachfolgestaaten ungebrochen fort und verstärkte sich sogar wieder.
In der Ukraine, in der die Autorin geboren wurde, entwickelten sich aus dieser Grundstimmung auch rechtsextremistische und nationalistische Gruppierungen.
Opfer dieses Antisemitismus wurden sogar Familien, die überhaupt keinen oder nur noch wenig Bezug zu ihren jüdischen Traditionen hatten. Das sind auch die Erfahrungen, von denen Frau Klimchuk aus ihrer Kindheit im westukrainischen Riwne (bis zur Auswanderung ihrer Familie nach Deutschland) berichtet. taz forum
Hier ist m. E. ein sehr kluger, differenzierter Text zu lesen, weit über dem üblichen, deutschen Debatten- und Politikniveau. Aber vielleicht muss man mit dieser Geschichte und den geschilderten Milieus wenigstens gelegentlich in Berührung gekommen sein, um das zu würdigen.
Meine Großeltern väterlicherseits wurden als Flüchtlinge von der ostpreußisch-litauischen Grenze 1941 ins Deutsche Reich eingebürgert; meine Frau ist Weißrussin, meine Schwägerin lebt in Tel Aviv.
taz forum
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