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vorlaufKamera begleitet verletzte Seele

„Meine fremde Schwester“

(22.15 Uhr, Arte)

Die junge Filmemacherin MaÏa Gardès hat für ihr Erstlingswerk „Meine fremde Schwester“ Berufliches mit Privatem verknüpft, indem sie ihre Halbschwester Ninon ein Jahr lang mit der Kamera beobachtete.

Auf dem Filmfestival von Lyon 2001 erhielt sie dafür einen Preis in der Kategorie „Junge Talente“. Am Anfang der Dreharbeiten wusste sie selbst nicht, was dabei herauskommen würde. Die 19-jährige drogenabhängige Ninon hatte gerade die Schule hinter sich gebracht und wusste nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte: in der Drogenszene der Pariser Raver abstürzen – oder ein „ordentlicheres Leben“ führen?

Gardès begleitet sie zu Partys und zu den Psycholgie-Vorlesungen, die Ninon sporadisch hört. Dazwischen stellt sie ihr immer wieder Fragen, doch Missliebiges blockt Ninon einfach ab. Sie taut erst auf, als Gardès ihr einen Film vom gemeinsamen Vater zeigt. Gardès hat ihn als brutal und bedrohlich kennen gelernt und scheint über seinen Selbstmord wenig betrübt. Zwischen den Schwestern beginnt ein Austausch über ihre Wurzeln und ihre Zukunft.

Das Interview wandelt sich zu einem Dialog. Es scheint, als gewinne Ninon neue Lebensenergie. Sie will von den Drogen weg und Kunst studieren.

Gardès hat einen subjektiven und mutigen Film gedreht, der Einblicke in eine verwirrte und verletzte junge Seele gewährt. Den kompletten Seelenstriptease hat sie ihrer Schwester erspart. Die Kamera kommt Ninon sehr nah – was sich hinter der menschlichen Oberfläche abspielt, kann sie aber nicht entschlüsseln; die schwierige Beziehung zum Vater bleibt nur angedeutet. Die Kamera hat die Bedingungen des Films diktiert. So stellt Ninon am Ende selbst zur Debatte, ob sie für Gardès nicht bloß ein Spiel gespielt hat.

Realität oder Spiel – letztendlich lässt sich das nicht mehr so genau sagen, und wahrscheinlich ist von beidem etwas dabei. Mit Nüchternheit muss man wohl auch Ninons weiteres Leben betrachten: Selbst wenn sie an der Toulouser Kunsthochschule Rave-Kultur und Kunst unter einen Hut bringen kann – die Drogensucht lässt sich auch hier nicht so leicht besiegen.

LASSE OLE HEMPEL

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