über leben:alltag in der ukraine: Kindheit an der Frontlinie
Viele Kinder im nordukrainischen Sumy leiden unter Angststörungen. Spielplätze und Schulen sind gefährliche Orte geworden
Von Anna Klochko
In meiner Heimatstadt Sumy, im Nordosten der Ukraine, nur 17 Kilometer von der Front entfernt, gibt es schon wieder keinen Strom. Seit 24 Stunden. Die Russen hatten zwei Fliegerbomben auf das städtische Umspannwerk abgeworfen. Und vier auf das Heizkraftwerk. Ich sitze in einem Café, in dem ein Generator lärmt. Die Hitzewelle, die Ende Juni ganz Europa erfasst hatte, ist nun auch im Osten der Ukraine angekommen. Ohne Strom, Internet und Ventilatoren wird sie zu einer weiteren Herausforderung für Kinder und Erwachsene, die seit viereinhalb Jahren unter russischem Beschuss leiden. Das Brummen der Generatoren verschmilzt mit dem Heulen des Luftalarms. Ich arbeite momentan an einer Reportage für eine ausländische Zeitung über Kinder im Krieg. Einige meiner Beobachtungen möchte ich hier teilen.
Ich habe Erzieher*innen in einem Heim für Waisenkindern im westukrainischen Lwiw interviewt. Anschließend war ich in einem Zentrum für außerschulische Bildung und Förderung hochbegabter Kinder in Sumy. Und konnte ein ziemlich beängstigendes Paradox beobachten: Die Kinder, die zu Hause bei ihren Eltern lebten, wirkten bedrückter, verletzlicher und unsicherer als diejenigen, die ohne elterliche Fürsorge aufwuchsen. Der Unterschied lag im Wohnort.
Angst, Verschlossenheit, Aggressionen – all das wird oft auf das Aufwachsen ohne Eltern oder eine feste erwachsene Bezugsperson zurückgeführt. Ich hatte das bei den Waisenkindern erwartet. Tatsächlich habe ich all das viel stärker bei Kindern erlebt, die bei ihren Familien aufwachsen – in der frontnahen Stadt Sumy. Das bedeutet nicht, dass die Traumata elternloser Kinder weniger stark sind. Doch in Lwiw gibt es ein System, dass die Folgen des Verlustes abfedert: Betreuer, Mentoren, Naturerlebnisse, Offline-Unterricht, feste Tagesabläufe. Am allerwichtigsten war allerdings die Entfernung zur Front, also die räumliche Distanz zu den unmittelbarsten Gefahren des Krieges.
In Sumy habe ich Kinder gesehen, die im Epizentrum des Krieges leben. Die Eltern sind zwar da, aber von der Angst um ihre Angehörigen zermürbt. Die Familie ist nach wie vor eine Quelle der Liebe, kann dem Kind jedoch nicht mehr immer das Wichtigste geben – ein Sicherheitsgefühl. Und das liegt daran, wie allgegenwärtig der Krieg im Leben des Kindes ist: Angst, Explosionen, Luftschutzbunker und das Warten auf schlechte Nachrichten sind Alltag geworden. Viele Väter sind an der Front. Und die Kinder spüren die Angst der Mutter, auch, wenn diese das nicht offen ausspricht. „Hat Papa immer noch nicht angerufen?“, fragt das Kind hundertmal am Tag. Aber Papa ist schon seit einer Woche nicht mehr erreichbar …
Feriencamps in Sumy finden nicht mehr draußen statt, sondern in Schutzräumen. Dort verbringen Kinder fünf, sechs Stunden am Tag. Der Luftalarm dauert manchmal bis zu 18 Stunden. Allein im Juni sind im Gebiet Sumy 13 Menschen durch russische Angriffe ums Leben gekommen, mehr als hundert wurden verletzt. Selbst Malvorlagen für Kinder dienen mittlerweile der Warnung und nicht mehr als Zeitvertreib: Mit roter Farbe malen die Kinder Handys, Süßigkeiten, Puppen und Bälle aus – Gegenstände, die das russische Militär mit Sprengstoff versieht und von Drohnen abwirft.
Eltern und Pädagogen in Sumy sind sich einig: Durch fast sechs Jahren Online-Unterricht (Pandemie und Krieg) kennen Kinder ihre Mitschüler*innen häufig nur noch als Profilbilder auf Zoom. „Mein Sohn hat seinen Mitschüler zum ersten Mal in der Bücherei gesehen, wo beide am Ende der 6. Klasse ihre Schulbücher zurückgeben wollten“, erzählt ein Pädagoge in Sumy.
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Anna Klochko, ukrainische Journalistin und Fotografin aus Sumy, berichtet über Krieg, Kulturerbe und Landwirtschaft. Die Autorin war Teilnehmerin eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.
Für die Kinder in Sumy ist der Krieg schon lange nichts Fremdes mehr. Er ist Teil ihres Lebens und hat sie aus den Höfen und von den Spielplätzen in die Keller vertrieben.
Aus dem Russischen Gaby Coldewey
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