taz-Sommerserie „Sommer vorm Balkon“: Schöneberg war krasser als Sodom

Brendan Nash führt seit 2011 durch Isherwoods Schöneberg. Der Schriftsteller kam 1930 des queeren Lebens wegen, beschrieb aber auch den Rechtsruck.

Brendan Nash auf den Spuren von Christopher Isherwood in Schöneberg

Brendan Nash auf den Spuren von Christopher Isherwood in Schöneberg Foto: William Minke

Brendan Nash ist ein Zeitreisender. Ein eher kleiner Mann von 55 Jahren, der viel lächelt. Seine Stimme: früh geschult an salzwassergetränktem Gegenwind, aus einer Kindheit an der Küste in Südengland. Die Stimme hilft ihm auch am Nollendorfplatz: dort, wo nachts die Regenbogenfarben auf der Kuppel über dem U-Bahnhof strahlen. Und dort, wo, etwas weniger sichtbar, eine Erinnerungstafel angebracht ist: „Totgeschlagen. Totgeschwiegen. Den homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus.“

Wenn sich seine Tourgäste mit ihm um 11 Uhr samstagsvormittags gegenüber vom pompösen Metropol vor dem U-Bahnhof Nollendorfplatz versammeln – dann spielt es schnell keine Rolle mehr, welchen Tag und welches Jahr die Uhr an Brendan Nashs rotem Armband wirklich anzeigt: Er beschwört dann das goldene, chaotische, queere Berlin der 1920er herauf mit einer zweistündigen Tour.

Das Interesse an dieser Zeit des Exzesses, des freien queeren Hedonismus kurz vor der ganz großen Rechtsruck-Katastrophe ist noch einmal gestiegen: Beim deutschen Mainstreampublikum nicht zuletzt durch die Serie „Babylon Berlin“ und gefühlten Parallelen zu unserer Gegenwart. Beim queeren internationalen Publikum eher durch die reichlich mit Emmys und Golden Globes prämierte Serie „Transparent“ über eine jüdische Familie, aus der eine Tochter der transsexuellen Hauptfigur Zeitsprünge ins queerfreundliche Berlin der 1920er imaginiert, ins Umfeld des jüdischen Berliner Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld.

Begeistert und begeisternd spricht Nash auf seiner Tour von den „Geistern der Vergangenheit“: von der Filmdiva Marlene Dietrich; von den Cabaret-Tänzerinnen Josephine Baker und Anita Berber; und vor allem vom britisch-amerikanischen Schriftsteller Christoper Isherwood (1904–86) mit seiner schwulen Schriftsteller-Gang: W. H. Auden sowie Stephen Spender.

Eine aufregende, schwule Stimme

Brendan Nash erzählt davon so, als wäre dieses andere Berlin der späten 1920er und frühen 1930er sein zweites Zuhause. Und irgendwie ist es das ja auch: Seine „Isherwood’s Neighbourhood Walking Tour“ gibt es schon seit 2011. Nash rezitiert ganze Isherwood-Buchseiten auswendig, „vom Herzen“, wie man auf Englisch sagt.

Berlin ist großartig – auch und gerade im Sommer. Als Berlin-Redaktion wissen wir das natürlich. Und weil Zuhausebleiben in Coronazeiten ohnehin angesagt ist, machen wir da doch gern mal mit. Denn abseits der ausgetrampelten Touristenpfade und abseits der Pfade, die man selbst im Alltag geht, gibt es in dieser Stadt immer noch genug zu entdecken, sodass selbst Ureinwohner beeindruckt sind. Hoffen wir zumindest.

In loser Folge begeben wir uns in den nächsten Wochen auf Erkundungen, Stippvisiten und Spaziergänge. Nachlesen, was bereits erschienen ist, kann man unter taz.de/sommer-vorm-Balkon. Nächste Folge: Durch den Botanischen Volkspark in Pankow. (akl)

1964 wurde Nash in London geboren, hat nach diversen Jobs in Bars mit seinem Mann ein Hotel in einem 300-Seelen-Dorf in Schottland geleitet. Mittlerweile haben sie beide die irische Staatsbürgerschaft, um trotz Brexit in Berlin bleiben zu können, wo sie seit 2008 im Nollendorfkiez wohnen. Seitdem hat sich Brendan Nash auch noch mal verstärkt für Isherwood begeistert, der von 1930 bis 1933 in der Nollendorfstraße 17 gelebt hat. 2019 hat Nash sogar seinen eigenen Roman, „The Landlady“, über Isherwoods ambivalent-charismatische Vermieterin herausgebracht.

Allgemein ist das Interesse an Christopher Isherwood als relevanter, aufregender schwuler Stimme im letzten Jahrzehnt wieder gestiegen: 2010 kam die Verfilmung seines Romans „A Single Man“ in die Kinos, 2011 folgte das BBC-Biopic „Christopher und Heinz – eine Liebe in Berlin“, 2015 und 2016 hat der Verlag Hoffmann und Campe Isherwoods Berlin-Romane „Leb wohl, Berlin“ (von 1939) und „Mr. Norris steigt um“ (von 1935) in neuer Übersetzung herausgebracht: ein gesellschaftliches Panorama Berlins kurz vor der Machtübernahme.

Isherwoods Berlin-Geschichten sind zwar fiktiv, aber beruhen, schwer erkennbar, auf Personen, denen er begegnet ist und auf seinen Erlebnissen. Isherwood kam des queeren Lebens wegen nach Berlin, wo es seinerzeit mehr als 150 schwullesbische Läden gab. Der Schriftsteller erzähle „einen Meter an der Wirklichkeit vorbei“, sagt Nash schmunzelnd.

In Berlin noch ein Geheimtipp

Bei den aktuellen großen Erfolgen schwuler Autoren – etwa Didier Eribon, Edouard Louis und Ocean Voung – fällt auf: auch sie haben Episoden ihrer Biographien in Literatur überführt. Isherwood erscheint auf einmal wieder sehr modern, auch in der Musik: Die Pet Shop Boys haben sich für ihr jüngstes Album „Hotspot“ ausdrücklich von seiner Berlin-Zeit inspirieren lassen.

Brendan Nash ist, trotz elf Wochen Corona-Pause, rasch zu Fuß mit seinen Sport-Sneakers. Man wandelt durch die von Lederbars und Dildoshops geprägten Straßen, die nachts nach der Sexdroge Poppers duften. Er reicht Million-Reichsmarksnoten herum, erzählt von der Inflation, von der Spanischen Grippe, von Hungersnot und Straßenschlachten im Berlin nach dem Ersten Weltkrieg. Davon, dass Berlin damals die drittgrößte Stadt der Welt war (nach Einwohner:innen) und sein Image krasser als das der mythischen Sündenstadt Sodom.

Viele von Nashs Tourgästen kommen von weit her: Neuseeland und Australien. Von seiner Tour war in der New York Times zu lesen, sie hat in internationalen Reiseforen Top-Bewertungen. In Berlin selbst hingegen geht Nashs Tour noch als Geheimtipp durch. Wenn er loslegt, meint man jedenfalls bald das Rattern der nicht mehr existenten Trams hier am Nollendorfplatz zu hören, man sieht den Springbrunnen, den Park und die kohlenverrußten Häuserfassaden im harten Kontrast dazu.

Vorm Metropol gegenüber habe die Schönebergerin Marlene Dietrich schon als 15-jähriges Mädchen den Glamour der Filmpremieren bewundert. 1932 wiederum hätten Isherwood und seine Kumpels „Schanghai Express“, den Kassenschlager mit Marlene Dietrich, eben hier im Metropol gesehen. Nashs blaue Augen funkeln, wenn er davon spricht, als wäre er selbst dabei gewesen.

Interessante Mitbewohner:innen

Ein Highlight ist die Nollendorfstraße 17, wo Isherwood 1930 (auf der Gedenktafel steht fälschlicherweise 1929) bis 1933 bei seiner Vermieterin Meta Thurau wohnte zeitweise mit der Cabaret-Sängerin Jean Ross. In Isherwoods „Leb wohl, Berlin“ heißen die beiden Fräulein Schröder und Sally Bowles. Andere Bewohner:innen der „WG“ waren eine Prostituierte und ein Cocktail-Barkeeper. Isherwood beschreibt die Nollendorfstraße im Roman als gewaltige Straße mit Kellergeschäften, überladenen Fassaden, auskragenden Balkonen. Einiges davon ist noch heute zu sehen.

Man spürt, wenn Nash von Isherwoods Vermieterin erzählt, dass ihm ihr Schicksal nahe geht: Sie war so sehr verarmt, dass sie ihre komplette Wohnung vermieten musste und selbst im „Wohnzimmer“, einem Durchgangszimmer zum Klo, schlief. Isherwood nennt das „bankrotten Mittelstand mit Second-Hand-Möbeln“. Überhaupt: Obwohl Isherwood viel über das spaßige Leben in Berlin schrieb, hatte er, als Kommunist, stets auch den Blick für soziale Ungerechtigkeiten – und den sich anbahnenden Rechtsruck samt Antisemitismus.

Wie eng Party und Politik zusammenhängen, zeigt sich beim ehemaligen Eldorado in der Motzstraße 24, wo heute ein Bioladen haust. Das einst zweistöckige Tanzlokal mit goldverzierten Decken, weißen Tischdecken und prunkvollen Kronleuchtern war auch bei Klaus und Erika Mann beliebt. Und es war ein Ort, an dem, wie Brendan Nash sagt, die Gendergrenzen unscharf wurden: Jungs in Drag, Frauen im Smoking, all das wurde gefeiert.

Auch das Hetero-Publikum kehrte gerne for fun ein, wie heutzutage im einst schwulen Berghain. Marlene Dietrich und Claire Waldorf haben hier performt. Vielleicht auch Anita Berber, die „Amy Winehouse ihrerzeit“, wie Nash sagt. Die Polizei war eher lax, wie man auch in „Das andere Berlin“ (2015) des Historikers Robert Beachy sehr gut nachlesen kann, weil die zahlreichen von Queers frequentierten Orte der Polizei sogar die Möglichkeit gaben, die „Szene“ besser zu überwachen. Der von der Polizei wohl ungewollte Nebeneffekt davon war, dass sich in Berlin eine homosexuelle Identität herausbildete. Womöglich erstmals weltweit.

Nah am Rechtsruck

1933 hingen Hakenkreuzflaggen am Eldorado und der Aufruf: „Wählt Hitler Liste 1“. Es schauert einen, wenn Nash die Vorher-Nachher-Fotos zeigt. Die SA hatte den Club zu ihrem lokalen Hauptquartier gemacht. Die tschechisch-jüdische Club-Besitzer-Familie Konjetschni floh vor den Nazis über Südfrankeich nach Australien. Schwullesbische Lokale waren nunmehr verboten.

Auch Isherwood sollte nicht mehr lange bleiben. Ihn heute zu lesen und auf seinen Spuren zu wandeln macht Spaß, aber stimmt auch nachdenklich: Wie nah der Tanz auf dem Vulkan zu Zeiten Isherwoods dann eben doch schon dem totalen Rechtsruck war, dessen Andeutungen Isherwood in vielen Episoden dokumentierte, sehr anschaulich auch mit einem „Ariermaße“ propagierenden Nazi-Doktor.

Nashs Tour führt am Ende auch zum Kleist Casino, 1921 eine der ersten Gay-Bars Europas. 1936, zu den Olympischen Spielen, durfte das Casino noch mal einen sommerlang öffnen: Die Nazis wollten kurz so tun, als wären sie harmlos, tolerant und weltoffen.

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