taz-Diskussion „Being Arbeiterkind“: „Ein fucking Wettkampf“

Der Begriff der Klasse erlebt eine Renaissance. Aber macht das einen Unterschied? Darüber diskutieren Volkan Ağar und Lars Weisbrod.

Lars Weisbrod und Volkan Ağar im taz Talk über Klasse und Gesellschaft Foto: privat, Livia Kappler

von KLAUDIA LAGOZINSKI

Wann: Mi. 17.02.2021, 19 Uhr

Wo: Livestream via YouTube

Kontakt: taztalk@taz.de

„Ich frage mich, wie mein Leben gelaufen wäre, wenn ich diesen Rückstand nicht gehabt hätte“, sagt Arbeiterkind und taz-Redakteur Volkan Ağar im Gespräch mit Podcaster und Zeit-Redakteur Lars Weisbrod.

Mit dem Rückstand meint er das „soziale und kulturelle Kapital“, das Kindern von Menschen, die keine Uni besucht haben, schlichtweg fehlt: Kontakte, gelesene Bücher, Zugang zu Bildung – und auch Geld. Auch diskutieren die beiden über das Pendant des Arbeiterkinds. Ist es das Lehrerkind? Oder gibt es so etwas wie ein Gegenstück überhaupt?

Im November hatte Weisbrod mit den Worten „Wie viele Arbeiterkinder braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln? 15. Einer wechselt die Glühbirne, die anderen 14 kriegen Kolumnen über ‚Klassismus‘ bei Vice“ auf Twitter eine Debatte ausgelöst. Nun kritisiert er den Tweet selbst. Mit solchen Worten könne man einer marginalisierten Gruppe vorwerfen, von ihrer Marginalisierung zu profitieren.

Vorsprung der anderen manifestiert sich auf unterschiedliche Weisen

Beim Thema Diskriminierung verhält sich Klasse anders als beispielsweise Race oder Gender: Niemand möchte arm bleiben. Laut Weisbrod liegt der fundamentale Unterschied von Klassismus zu anderen Formen der Diskriminierung darin, dass Klasse abgeschafft gehört.

„Mein psychologisches Problem ist weg, wenn du mir 400.000€ gibst“, sagt er. Eben weil man sich als aufsteigendes Arbeiterkind in einer Welt wiederfindet, in der nicht über Geld gesprochen wird. Und man selbst? Ist anderes gewohnt. Geld und Habitus sind verflochten, geben sich die Hand. Das manifestiere sich auch im „Vorsprung der anderen in der Schule“, so Ağar. Doch für ihn geht es auch um Gefühle und Kultur. „Es war ein fucking Wettkampf – auch in der Uni – das nachzuholen“, erinnert sich Ağar.

Aufmerksamkeit allein reicht nicht

Weisbrod adressiert Erbschaften als zentrales Problem für das Verharren in einer Welt der ungerechten Verteilung. Er schlägt vor, nur das vererben zu können, was man auch selbst erwirtschaftet hat. Beide Arbeiterkinder kritisierten außerdem, dass oft nur die Geschichten derer gehört werden, die es schaffen, sich aus ihrer Klasse zu hieven.

Worin sie sich einig sind: Durch Texte und Aufmerksamkeit allein wird sich nichts ändern, für Veränderung muss an vielen politischen Schrauben gedreht werden. Auf YouTube schicken währenddessen Zuschauer*innen die Berufe ihrer Eltern in den Chat. Sie bestätigen Ağars Aussage. Es gibt viele von ihnen.

Volkan Ağar, Redakteur im Ressort taz2 Gesellschaft & Medien, schreibt in seiner Kolumne „Postprolet“ über Klassenfragen.

Lars Weisbrod, Redakteur im Feuilleton der ZEIT und Podcaster („Die sogenannte Gegenwart“), beschäftigt sich mit Fragen der Vermögensverteilung und Erbschaft

Anregungen und Fragen nehmen wir mit Freuden entgegen über taztalk@taz.de