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50 Jahre Fashy-WärmeflaschenHalt dich fest!

Die Wärmflasche, wie wir sie heute kennen, feiert ihren 50. Geburtstag. Unsere Autorin ist Fan, denn das Teil hat mehr zu bieten, als man denkt.

Ret­te­r*in in der Not und Kämp­fe­r*in gegen Kälte und Krämpfe Foto: Sascha Steinach/imago

D er Januar war laut Me­teo­ro­lo­g*in­nen vielerorts in Deutschland der kälteste seit Jahren. Als hätten die Wettergötter gewusst, dass die Wärmflasche in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag feiert! Zumindest in der Form, wie wir sie heute kennen. 1976 entwickelte das Stuttgarter Unternehmen Fashy, das ungefähr so für Wärmflaschen steht wie die Marke Tempo für Taschentücher, eine neue Technologie zur Herstellung von Wärmflaschen aus thermoplastischem Kunststoff. Davor wärmten die Menschen sich meist an Kupfer-, Metall-, oder Gummigefäßen.

Abgesehen von diesem Innovationsschub gehört die Wärmflasche zu der Sorte von Alltagsgegenständen, die sich so gut wie gar nicht verändern. Sicher, Hersteller bieten inzwischen auch kleinere Varianten für unterwegs an, mit unterschiedlichen Oberflächen oder mit aufgedruckten Bildchen. Im Großen und Ganzen aber bleibt die Wärmflasche in einer Zeit, in der gefühlt jede Woche ein neues iPhone auf den Markt kommt, eine Wärmflasche. Ein Klassiker wie der schwarze Blazer. Man könnte es beinahe retro nennen, dass Menschen in Zeiten von KI, 3D-Druckern und Bluetoothkopfhörern überhaupt noch Wasser zum Kochen bringen und es anschließend in einen Plastikbeutel gießen.

Die Wärmflasche trotzt dem Wandel einer Welt, die mehr und mehr aus den Fugen gerät: Donald Trump lässt Machthaber fremder Länder entführen, die CDU rüttelt an der gesetzlichen Rente und in der Ukraine wütet der Krieg in Endlosschleife. Woran festhalten, wenn einen die Nachrichten mal wieder in den Schleudersitz verfrachten? An der Wärmflasche! Wortwörtlich: Nicht selten schlafe ich mit ihr in den Armen ein oder halte mich während einer Telefonkonferenz an ihr fest, einfach so, weil es sich behaglich anfühlt.

Die Wärmflasche ist nicht nur Miniheizung. Sie ist Entspannungshelfer und Geborgenheitsspender, ihr wohlklingendes Gluckern erinnert mich an Wasserbett und Wellness. Die Erste am Tag befülle ich schon zwischen 11 und 12 Uhr, wenn mir vom Sitzen am Rechner kalt wird (niedriger Blutdruck!). Oft folgt gegen 16 Uhr (Nachmittagstief!) eine zweite Runde. Und wenn ich abends mit Freun­d*in­nen unterwegs bin, schweife ich manchmal in Gedanken ab und lande voller Vorfreude auf die heiße Wärmflasche, die ich mir zu Hause unter die kalten Füße legen werde (die Dreißiger!).

wochentaz

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Dabei war ich Spätzünderin im Wärmflaschen-Game. Ob ich verrückt sei, fragte mich eine Freundin vor zehn Jahren, weil ich keine Wärmflasche in der Wohnung hatte. Zum Geburtstag schenkte sie mir eine Variante in Weiß – und ich begann zu verstehen, was sie gemeint hatte. Heute begleitet mich meine Wärmflasche in den Urlaub und bei der Hausarbeit eingeklemmt im Hosenbund.

Nur hat die Miniheizung nach wie vor ein Imageproblem. Wer sie benutzt, denken viele, hat Magendarm oder Regelschmerzen, gilt auf jeden Fall als bedürftig. Taucht sie in der Zeitung auf, dann als Symbolbild für horrende Heizkosten oder eine grassierende Grippe. Höchste Zeit, dass wir dem Kunststoffbeutel mehr Wertschätzung entgegenbringen und ihn als Lifestyle-Produkt (Grüße an die Mittelstandsunion!) feiern.

Das würde auch meine Katze unterschreiben. Wenige Tage nachdem ich sie aus dem Tierheim zu mir geholt habe, wollte ich ihr im Umzugsstress etwas Geborgenheit schenken und legte ihr eine frisch betankte Wärmflasche im Fleecebezug ins Körbchen. Erst beäugte sie das Ding mit skeptischem Blick. Eine halbe Stunde später hatte sie ihre Pfötchen darauf abgelegt.

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