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schlagloch

Einst galt der Weltraum als Anker von Moral und Ordnung. Mittlerweile ist es eine Spielwiese für den narzisstischen Wahn von ein paar Dutzend Oligarchen

Es ist warm, also blasen wir die Matratzen auf und schlafen auf der Terrasse. Blicken in die Sterne. Über uns die Milchstraße und im Dunkeln kommen die Kinderfragen wieder auf: Wo endet das Universum, und wenn es endet, was ist dahinter? Und wenn es nicht endet, kannst du dir das vorstellen? Immer noch erfasst den einen oder anderen dabei ein kleiner Schwindel im Kopf, fünfhundert Jahre nach Kopernikus.

Der Himmel hat sich verändert, seit wir zum ersten Mal auf diesem Dach geschlafen haben. Damals in den Siebzigern war die Aufregung groß, wenn ein Satellit durch den Nachthimmel zog. Drei, vierhundert waren es vielleicht. Jetzt sind es 15.000 oder mehr und fast jede Minute rauschen ein paar von ihnen durchs Firmament. Die Hälfte wird von Elon Musk kontrolliert.

Im Juni haben ein paar hunderttausend „Anleger“ Aktien von SpaceX gekauft, für knapp 90 Milliarden US-Dollar. Das Unternehmen wurde mit 1,8 Billionen bewertet. Ein Großteil dieses Wertes beruht auf dem Versprechen, SpaceX werde nicht nur die Starlink-Satelliten betreiben, sondern eine Marskolonie mit mindestens einer Million Menschen errichten.

Und extraterrestrische Rechenzentren betreiben, weil die auf der Erde bald nicht mehr ausreichen fürs Wachstum. Und eine Kardaschow-II-Zivilisation aufbauen, die unendlich produzieren kann, weil sie den gesamten Energieoutput der Sonne einfängt. Der Mars soll also nur der Anfang sein beim Projekt, das Weltall zu besiedeln. Morgan Stanley verkündete zum Börsengang hin, dass die SpaceX-Dividende in Jahr 2040 3,4 Billionen betragen könnte – zu dem Zeitpunkt, an dem die Banker in Rente gehen.

Der gestirnte Himmel über uns: Jahrtausende lang versprach der Gang der Sterne Beständigkeit und Festigkeit des Bodens, auf dem die Menschheit steht. Und den Raum hinterm Firmament besiedelten Sänger und Priester mit Wesenheiten, Gestalten, Göttern, die moralische Gesetze gaben, Missetaten bestraften, wohlwollend waren. Mythos, Metaphysik und Moral gründeten auf Vorstellungen der kosmischen Ordnung.

Verändert sich das Bild des Kosmos, so geraten auch sie in Bewegung. In den Ausrufen der ersten Neuzeitler klingt der Schrecken über die Obdachlosigkeit, die mit der kopernikanischen Wende über die Menschen kam. „Die Sonne unbeseelt, die Erde auch. Und der Verstand weiß nicht, wohin sich wenden“, heißt es bei John Donne. „Die Menschen rufen auf den Plätzen: Die Welt ist nun erschöpft, da in Planetenferne und am Firmament so viele neue Welten neu erstehen; sie sehen unsre Erde in atomare Vielheit sich zerkrümeln. Das All in Scherben, nirgendwo ist Halt, nur Rohstoff gibt es noch. Und statt Zusammenhalt nur noch … Struktur.“

Ein paar Jahrhunderte danach, inmitten eines Krieges, der mit Giftgas und Flächenbombardements die zivilisierte Neuzeit in neue Dimensionen trieb, schrieb Sigmund Freud über die drei Kränkungen der Menschheit. Die kopernikanische war nur die Erste. Die Menschen mussten damals schlucken, dass die Erde nicht das Zentrum der Welt war, sondern nur ein kleiner Punkt in einem Winkelchen der kalten Unendlichkeit. Der Schrecken hielt sich noch ein paar Jahrhunderte, aber er ermunterte die Menschen auch, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, mit Wissenschaft und mit Gesetzen.

Auch die zweite Kränkung, die darwinsche, zerstörte nicht nur die Illusionen über die „Krone der Schöpfung“, sondern vergrößerte unser Wissen und damit die Macht über die Natur. Die dritte schließlich, die psychoanalytische, zeigte uns, dass wir nicht nur vernunftbegabte Seelen haben, sondern von gesellschaftsstörenden Trieben aller Art bewegt und getäuscht werden: von Machtgier, Bereicherungssucht, Gewaltexzessen. Und, nicht zu vergessen: Narzissmus.

MathiasGreffrath

geboren 1945 in Bad Harzburg, ist Soziologe, Autor, Journalist und taz-Kolumnist. Er lebt in Berlin.

Schlagloch-Vorschau:

26.8. Gilda Sahebi

2.9. Georg Diez

9.9. Robert Misik

16.9. Georg Seeßlen

Musk verspricht, die kopernikanische Kränkung rückgängig zu machen. Die alten Weltmythen, die Illusion von der Erde im Mittelpunkt des Alls sind zerstört, gut, setzen wir dem ein neues kosmologisches Märchen dagegen: SpaceX ist das Zentrum, von dem aus das Universum verändert wird: Starship wird nicht nur zum Mars fliegen und das Sonnensystem durchqueren, sondern das Sonnensystem verlassen und zu anderen Sternen reisen.

Diesen Traum aus den Serien seiner Kindheit bringt er an die Börse. Und wir sind dabei: „Deutschland“, so strahlte Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU) neulich, „ist eine Raumfahrtnation“. Die Menschheit werde immer weiter ins All vordringen. Raumfahrt sei Zukunft und berge enorme wirtschaftliche Chancen. „Dafür müssen wir unsere Kinder begeistern.“ Und deshalb solle 2027 die Faszination der Raumfahrt in jedes Klassenzimmer getragen werden.

Die enormen Chancen: Am Ende der technokapitalistischen Entwicklung steht die Privatisierung des Universums. Das All ist kein Gegenstand des Staunens, kein Spiegel, in dem wir unsere wirkliche Größe erkennen können, keine Projektionsfläche für Hoffnungen und Utopien, sondern Rohstofflager und Energiequelle. Nicht nur die Erde, sondern das Weltall: eine Profitmaschine.

Das All ist kein Gegenstand des Staunens mehr, sondern Rohstofflager und Energiequelle, eine Profitmaschine

Im Mittelpunkt des Kosmos steht wieder der Mensch, in der Gestalt von ein paar Magnaten. Tricksern, Gewaltmenschen, Verrückten. Es ist das endgültige Rollback der Hoffnungen, die sich mit den Entzauberungswellen der Neuzeit verbunden hatten. Als die Amerikaner auf dem Mond landeten, saß eine alte Frau in Salvador de Bahia vor ihrem Radio. Sie weinte und sagte: „Wenn die Menschen das können, dann können sie auch den Hunger abschaffen.“

Das ist jetzt 57 Jahre her und wir leben im Zeitalter der vierten Kränkung. Sieben Milliarden Erdbewohner schaffen es nicht, den narzisstischen Wahn von ein paar Dutzend Oligarchen auszubremsen.

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