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heute in bremen„Die meisten genießen Berührungen“

Kirsten Kappert-Gonther

54, ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychologie, sitzt für die Bremer Grünen im Deutschen Bundestag und ist dort Sprecherin für Gesundheitsförderung.

Interview Mahé Crüsemann

taz: Frau Kappert-Gonther, warum fehlen uns Berührungen?

Kirsten Kappert-Gonther: Wir Menschen sind kommunikative Wesen. Es ist sehr unterschiedlich, wie viel Nähe als angenehm empfunden wird, die meisten genießen Berührungen in der Regel. Es gibt ja sehr unterschiedliche Formen von Nähe: freundschaftliche, liebende oder familiäre Nähe. Durch Corona fehlen uns momentan Nähe und Berührung.

Wie geht man denn damit um in einer Zeit, in der Berührung sogar verboten ist?

Wir müssen Berührungen im Rahmen unserer häuslichen Gemeinschaften suchen und uns sonst auf Nähe beschränken, die nicht körperlich ist. Wir können mit Freun­d*in­nen und Verwandten telefonieren oder spazieren gehen, einander fragen, wie es uns geht, und können uns eben gerade nur so Nähe schenken. Momentan sind vor allem diese seelischen Berührungen möglich. Auch die sind wichtig.

Was, denken Sie, wird sich nach Corona verändert haben, nachdem wir so lange ohne Berührungen auskommen mussten?

Ich bin mir sicher, die meisten werden sehr erleichtert sein und Berührungen sehr genießen. Wir werden es sicherlich anders wahrnehmen, was wir eigentlich aneinander haben. Das werden wir hoffentlich mehr wertschätzen können. Möglicherweise werden im Lockdown und durch die Kontaktbeschränkungen auch ein paar Menschen herausgefunden haben, dass sie eigentlich eher distanzierte Personen sind und lieber weniger Berührung erfahren möchten. Zudem gibt es auch nicht freiwillige, gewalttätige Berührungen. Davor müssen die Betroffenen natürlich beschützt werden, jetzt ganz besonders.

Diese nicht freiwilligen Berührungen haben ja in Form von beispielsweise häuslicher Gewalt im Lockdown eher zugenommen. Wie können wir damit nach Corona umgehen?

Insta-Talk zum Thema „Berührung in Zeiten von Corona“, 19 Uhr, kostenlos und live auf Instagram in der Story der Museen Böttcherstraße unter @museen.boettcher­strasse

Wir müssen auch schon während Corona die Betroffenen besser schützen, indem wir beispielsweise Hilfshotlines bekannter machen und auch Hilfe anbieten. Gewalt gegen Frauen muss besser erfasst und Beratungsstellen und Frauenhäuser ausreichend finanziert werden. Die Prävention muss trotz Corona weitergehen.

Welche Bedeutung hat nun Kunst in diesen Zeiten und was hat sie mit Berührung zu tun?

Viele merken jetzt durch die Pandemie wie schmerzlich wir den Blick der Künstlerinnen und Künstler vermissen. Dieser Blick ist für uns nötig, um diese Krise zu überwinden. Die Museen Böttcherstraße nehmen das Thema auf und ermöglichen eine Blickwinkelerweiterung. Diese Ausstellung ist sehr relevant und wird immer relevanter. Es ist eine schwierige Zeit. Kunst bietet uns die Möglichkeit, darüber zu reflektieren.

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