Kühe in Tschornobyl: Muhen im Sperrbezirk
In der Nordukraine lebt eine Herde Hausrinder. Wie schlagen sie sich in der Wildnis? Und was lernen wir daraus für unsere dystopischen Phantasien?
Der Schrecken von Atombomben und Strahlungsunglücken prägt die Popkultur seit Jahrzehnten. Filme wie Godzilla greifen die Angst vor nuklearer Zerstörung auf: Ein durch Strahlung mutiertes Monster verwüstet Städte – inspiriert von Hiroshima, Nagasaki und Atomtests im Pazifik.
Auch Formicula ((Originaltitel: Them!) zeigt mit riesigen Ameisen aus New Mexico typische Strahlungsfantasien. In neueren Formaten wie The 100 müssen Menschen in einer postapokalyptischen Welt mit mutierten Lebewesen wie giftigen Pflanzen oder veränderten Tieren überleben.
Abseits dieser Fiktionen stellt sich die Frage, wie Tiere tatsächlich in radioaktiv belasteten Gebieten leben. Ein reales Beispiel bietet die Sperrzone von Tschornobyl, heute ein Biosphärenreservat, in dem sich Flora und Fauna seit der Nuklearkatastrophe vor rund 40 Jahren entwickeln.
Am 26. April 1986 kam es im ukrainischen, damals sowjetischen Tschornobyl (russisch Tschernobyl) zum Super-GAU. Eine radioaktive Wolke verseuchte große Teile Europas. 40 Jahre später blickt die taz in einem Schwerpunkt zurück und nach vorn. Die taz verwendet bei ukrainischen Orten grundsätzlich die Schreibweise in Landessprache, nicht die russische – so auch bei Tschornobyl.
Eine ungewöhnliche Langzeitbeobachtung begann vor etwa zehn Jahren: Nach dem Tod eines Bauern nahe Lubjanka (Ukraine) wurden sieben Milchkühe in die Wildnis entlassen und seitdem wissenschaftlich per Kamera und Feldstudien begleitet.
Wie die Auerochsen
Eine im Fachjournal Mammal Research veröffentlichte Zwischenbilanz zeigt: Die Tiere kommen erstaunlich gut zurecht. Sie passen sich ihrer Umgebung an und zeigen Verhaltensweisen, die an ihre wilden Vorfahren, die berühmten Auerochsen, erinnern. Die Herde wuchs zeitweise auf etwa 20 Tiere an und entwickelte typische Abwehrmechanismen.
„Mammal Research“, link.springer.com/article/10.1007/s13364-026-00856-y
Dennoch gibt es Einschränkungen: Die isolierte Lebensweise der Rinder wirft Fragen zur langfristigen genetischen Vielfalt der Population auf. Trotz radioaktiver Belastung zeigt das Beispiel, dass große Säugetiere unter extremen Bedingungen überleben und sich anpassen können – ob nicht langfristig gigantische Riesenkühe mit zwei Köpfen entstehen, muss natürlich noch weiter beobachtet werden.
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