die wahrheit: Rammelnder Riese
Sturm und Drang beim Spaziergang: Sex, Amok und ein Hundeleben.
Regen fällt auf die Strandpromenade von Heringsdorf. Es ist kalt. Ein Riesenschnauzer streunt tropfnass umher. Er wirkt ein wenig irre. Müsste man ihm einen Namen geben, wäre "Amok" eine gute Wahl. Die wenigen Besucher suchen Abstand zu halten. Mit Ausnahme einer älteren, energischen Dame, die mit ihren pelzigen Wimpern an Hildegard Knef erinnert. Sie trägt eine Vielzahl von goldenen Ketten und Diamantringen, die in den stürmischen Böen die Melodie von "Für mich solls rote Rosen regnen" klimpern. Klingt schmuck.
Sie trägt auch einen prachtvollen Pelzmantel. Kein Wunder, dass der wahnsinnige Schnauzer sich sofort in sie verliebt. Er springt sie von hinten an, legt ihr die schmutzigen Pfoten auf die Schultern und will sein Geschlechtsteil in ihrem Mantel unterbringen. Mit befehlsgewohnter Stimme gellt sie: "Nehmen Sie sofort den Hund weg!" Da der jedoch herrenlos ist, gellt sie vergebens. Da hilft es auch nicht, dass man sie bei ablandigem Wind noch auf der anderen Seite der Ostsee in Malmö oder was weiß ich wo hören könnte.
"Nun los!", stupst mich meine Freundin an. "Wie? Was?" - "Ich denke, du verstehst was von Hunden!" - "Eben", stammle ich und hoffe, dass sich das Problem von selbst löst. Irgendwann ist man beim Sex ja auch durch. Wenn die Frau mal ein wenig stillhalten würde?
"Karl!", keift das Pelzweib nunmehr ihren etwa hundertjährigen krummbeinigen Gatten an, "Tu was!" Und Karl, den ich bis dahin gar nicht bemerkt hatte, tut was: Er klopft Amok mit seinem Krückstock ein wenig gegen den Rumpf - eine Aktion, die selbst von leicht zu beeindruckenden Naturen wie mir nicht eben das Prädikat "beherzt" verliehen bekäme. Es erinnert an einen Fußballtrainer, der seinem Spieler bei der Auswechslung einen Klaps auf den Hintern gibt: "Gut gemacht!" Folgerichtig lässt das lüsterne Tier auch erst sehr viel später ab vom Objekt seiner Liebe.
Ob er gefunden hat, wonach er sucht? Zweifel sind angezeigt. Zwar ist ein wenig Ziererei zu Beginn ganz nett. Doch irgendwann muss auch mal Schluss damit sein; so ein Geschlechtsakt ist schließlich kein Brainstorming. Sondern ein ergebnisorientierter Vorgang.
Später im Café versuche ich meinen schwachen Auftritt wieder gutzumachen. Meine Freundin hat seitdem kein Wort mehr mit mir gesprochen.
"Willst du wissen, wie in meinem Hundebuch das Kapitel ,Fortpflanzung', Abschnitt ,Rüde' beginnt?", frage ich. Sie sieht mich lange aus großen braunen Augen an. "Du hast ein Hundebuch?", fragt sie schließlich. "Viele Menschen haben ein Hundebuch!" Achselzucken, dann: "Und? Wie beginnt es?" - "Mit dem Satz: Der Rüde will und kann immer." Schweigen. "Das findest du witzig?", sagt sie und äfft mich nach: "Der Rüde will und kann immer!" Da ist es mir dann auch egal. "Und außerdem", gifte ich, "kann ich es auch nicht leiden, wenn mich jemand beim Sex stört!"
Es folgen drei lange Wochen, in denen ich auch nicht annähernd mit etwas befasst bin, wobei ich nicht gern gestört werde. Sollte ich jemals ein Buch über die Biologie des Menschen verfassen, so weiß ich, mit welchem Satz das Kapitel "Fortpflanzung", Abschnitt "Frau" garantiert nicht beginnen wird.
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