piwik no script img

die stimme der kritikBetr.: Die Wurzeln von Angela Merkel

RUSSISCH-OLYMPIADE IN DER MARKTWIRTSCHAFT

Politik, so lautet eine Binsenweisheit, ist ein hartes Geschäft. Sie verändert den Charakter und macht dick. In besonders heiklen Situationen setzt sie bei Politikern sogar das Sprachzentrum im Gehirn lahm.

Als Erich Mielke Ende 1989 vor der DDR-Volkskammer auftrat, war er fest entschlossen, die Abgeordneten zu beschimpfen. „Ihr dummen Arschlöcher“, wollte er sagen, „ein falsches Wort, und ich lass euch alle umlegen.“ Als er sich im Saal umsah, funkte ihm sein Gehirn „Demokratie“ und „heikle Situation“, und plötzlich beobachtete sich Mielke dabei, wie aus seinem Mund ein Satz herausfiel, den er noch nie zuvor gehört hatte: „Ich liebe euch doch alle.“

Angela Merkel weiß, wovon die Rede ist. Gestern wurde ihr in einem Interview vorgeworfen, ihre Gegner hielten sie nicht für konservativ genug. Was sollte sie dagegensetzen? Ihr Gehirn, in der DDR gewachsen, übermittelte ihr die Worte „Demokratie“ und „heikle Situation“. In rasender Geschwindigkeit überlegte Merkel, wo ihre Wurzeln liegen. Im mecklenburgischen Quitzow, so viel stand fest. Wo noch? Im protestantischen Elternhaus? In der FDJ, in der sie Mitglied war? In der Russisch-Olympiade, die sie zweimal gewann? Im Institut für Physikalische Chemie an der Akademie für Wissenschaften? Sollte sie auf den Vorwurf etwa antworten, dass sie ihre Dissertation über die „Berechnung von Geschwindigkeitskonstanten von Elementarreaktionen am Beispiel einfacher Kohlenwasserstoffe“ geschrieben hat? Machte sie das konservativer?

Plötzlich beobachtete Angela Merkel, wie eine Person, die genauso aussah wie sie, dem Journalisten antwortete: „Meine Wurzeln liegen in der sozialen Marktwirtschaft und in der deutschen Einheit.“ Merkel reagierte zunächst irritiert: War sie nicht in der DDR groß geworden? Deutsche Einheit? Soziale Marktwirtschaft? Da übermittelte ihr Gehirn abermals „Demokratie“ und „heikle Situation“. Plötzlich hatte sie verstanden. Angela Merkel lehnte sich entspannt zurück. Jetzt wusste sie, wo der Hase lang läuft. Das also war Politik. JENS KÖNIG

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 210 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen