die ortsbegehung: Als Preußen bis zur Weichsel reichte
Erinnerungsorte an den Kolonialismus in Afrika gibt es viele in Berlin. Was ist aber mit dem Kolonialismus in Polen? Die Preußische Seehandlung könnte viel erzählen, tut es aber nicht
Illustration: Jeong Hwa Min
Aus Berlin Uwe Rada
Deutlicher hätte die Ansage nicht sein können. „Polnisch-Preußen wird besser nicht durch Waffen erobert, sondern im Frieden verspeist, in der Weise einer Artischocke, Stück für Stück.“
Preußens König Friedrich II. kündigte mit diesem Satz früh an, was er 1772 wahrmachen sollte. Gemeinsam mit Habsburg und Russland machte sich Preußen in den polnischen Teilungen über die „Artischocke“ her, bis am Ende des 18. Jahrhunderts nichts mehr von Polen übrig blieb. Eine Adelsrepublik verschwand von der Landkarte Europas, und Friedrich, schon damals mit dem Beinamen „der Große“ verehrt, hatte ihren westlichen Teil verspeist.
Debatten, auch die um Kolonialismus und Dekolonisierung, brauchen, um ihre Wirkung zu entfalten, einen Ort. Am Beispiel der deutschen Kolonien in Afrika gibt es diese Orte. Einer davon ist die Berliner Anton-Wilhelm-Amo-Straße.
Die vormalige Mohrenstraße erinnert an den aus dem heutigen Ghana stammenden ersten Privatgelehrten Deutschlands. Und regte zur Debatte über die 1683 begründete brandenburgische Kolonie Groß Friedrichsburg im Westen Afrikas an.
Preußens Drang nach Osten
Preußens früher Drang nach Osten hat einen solchen Debattenort nicht. Dabei existierte am Berliner Gendarmenmarkt eine Institution, die wie keine andere für die kühle und berechnende Umsetzung des preußischen Expansionsdrangs stand. An der Ecke Jägerstraße residierte bis 1946 die Preußische Seehandlung. Heute ist in dem Bau die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften untergebracht.
Es ist natürlich kein Zufall, dass die Seehandlung 1772 gegründet wurde, just in dem Jahr, in dem Friedrich mit der Verspeisung Polens begonnen hatte. Fortan gehörte auch die Mündung der Weichsel in die Ostsee zu Preußen.
Die polnische Historikerin Agnieszka Pufelska, die über den preußischen Kolonialismus in Polen forscht, beschreibt das wirtschaftliche Interesse, das der Gründung der Seehandlung zugrunde lag, so: „Nach der Besetzung der Weichselmündung durch Preußen musste Polen für jedes Transitgut aus oder nach Danzig einen sogenannten Konventionszoll bezahlen, was der Preußischen Seehandlung erlaubte, den polnischen überseeischen Handel komplett zu kontrollieren.“
Was im 18. Jahrhundert als Wirtschaftskolonialismus begann, wurde hundert Jahre später zu einem Projekt aggressiver Germanisierung. In der Provinz Posen, die sich Preußen in der zweiten polnischen Teilung gesichert hatte, begann Reichskanzler Otto von Bismarck nach der Reichsgründung 1871 nicht nur den Kulturkampf gegen die katholischen Polen, zu dem auch das Verbot der polnischen Sprache in der Schule und als Amtssprache gehörte. Auch die Preußische Seehandlung, nunmehr eine Bank, hatte ihr Geschäftsgebiet ausgeweitet und finanzierte den Ankauf von Grundstücken, die an deutsche Siedler vergeben wurden. Der Hintergrund: 1871 waren auf einen Schlag 2,5 Millionen Polen deutsche Reichsbürger geworden. In der Provinz Posen bildeten sie, vor allem auf dem Land, die Mehrheit. Die Germanisierung Polens mit der Seehandlung als finanzpolitischer Schaltzentrale nennt Agnieszka Pufelska zurecht „Binnenkolonisation“.
Verdrängung statt Aufarbeitung
Der Gendarmenmarkt ist ohne Zweifel also ein kolonialer Ort. Markiert ist er als solcher aber nicht. Im Gegenteil. An der Tafel, die die Preußische Akademie der Wissenschaften am Gebäude der ehemaligen Seehandlung anbringen ließt, fällt weder das Wort „Kolonialismus“, noch ist an irgendeiner Stelle von den polnischen Teilungen die Rede, mit denen Friedrich II. im Jahr der Gründung der Seehandlung begonnen hatte.
Stattdessen wird die Seehandlung als eine Art von Entwicklungsbank dargestellt, die durch Straßenbau, neue Eisenbahnverbindungen und Schiffsverbindungen ehemals abgehängten Regionen eine neue Perspektive eröffnete. „Sie förderte die Industrie und hatte eigene Fabriken“, ist auf der Tafel zu lesen. „Schiffe der Seehandlung brachten von ihren Handelsreisen zahlreiche Kunstschätze mit, die Eingang in preußische Museen fanden.“
Die Besonderheit
Das lärmende Schweigen an diesem Ort preußischer Kolonialgeschichte in Polen. Kein Wort zu Bismarcks Kulturkampf und Germanisierungspolitik. Stattdessen die Anekdote, dass der notleidende Alexander von Humboldt ein Darlehen der Seehandlung erhielt.
Das Zielpublikum
Menschen, die jetzt zum Gendarmenmarkt schlendern und ihn nicht länger nur als Ort der Kultur lesen wollen. Sie können sich auch mit dem Thema „Postpreußen“ vertraut machen, über das Agnieszka Pufelska und Felix Ackermann schon seit Jahren forschen.
Hindernisse auf dem Weg
Der fehlende Schatten. Seit seiner Sanierung 2025 ist der Gendarmenmarkt ein steinerner Ort. Vor allem im Sommer ist die Hitze schwer erträglich.
Das ist zum Teil nicht falsch, wie Agnieszka Pufelska weiß: „Die Seehandlung war gefragt, wenn es um Fördermaßnahmen ging, die mit hohen Kosten und wirtschaftlichen Risiken verbunden waren“, sagt sie. Auf der anderen Seite habe die Seehandlung als preußisches Staatsunternehmen aber „die teilweise koloniale Politik Preußens weitgehend getragen und aktiv umgesetzt“.
Einen neuen Namen braucht vielleicht nicht nur die Mohrenstraße. Umbenannt werden sollte auch der Gendarmenmarkt an der Ecke, an der sich die ehemaligen Seehandlung befand. Und welchen Namen sollte die Ecke bekommen?
Die Diskussion darüber wäre die Debatte, die der preußische Kolonialismus in Polen endlich braucht.
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