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die ortsbegehungEs fährt kein Schiff nach Nirgendwo

Dank der Fähre „Missunde III“ haben Autos, Fahrräder und Fuß­gän­ge­r:in­nen eine Möglichkeit, den Ostseearm Schlei zu überqueren – wenn sie denn fährt. Das passiert so selten, dass sich bereits der Ministerpräsident eingeschaltet hat

Aus Brodersby Esther Geißlinger

Sie liegt an ihrem Anleger an der Schlei und sieht so harmlos aus: Die Fähre „Missunde III“ ist ein offenes, eckiges Gefährt, bemalt in Blau, Weiß und Rot: Schleswig-Holsteins Landesfarben. Sie ist 34 Meter lang, gut 9 Meter breit, mit Solarpanelen auf dem Dach. Zwei Reihen Autos könnten auf dem leeren, hellgrauen Deck nebeneinander parken, daneben finden Fuß­gän­ge­r:in­nen und Räder Platz. Das Steuerhaus mit seinen großen Fenstern glänzt in der Sonne. Kaum zu glauben, dass dieses Schiff seit Jahren für Ärger in der Region und Kosten in Millionenhöhe sorgt und ­bereits zum Star in Satiresendungen wurde.

Die „Missunde III“ soll, wie zuvor die „Missunde I“ und „Missunde II“, die beiden Ufer der Schlei verbinden. Die Schlei ist ein Ostseearm, „Fjord“ hieße das in Skandinavien, der sich 42 Kilometer ins Landesinnere schiebt und bei Schleswig endet. An ihrer breitesten Stelle misst die Schlei über 4 Kilometer, manchmal ist sie schmal wie ein Fluss. Zwei Brücken führen über das Gewässer, eine für Räder und Autos bei Kappeln, eine für Zugverkehr bei Lindaunis. Die Bahn ist allerdings seit Jahren außer Betrieb, sodass die Reisenden zu Fuß über die Brücke gehen und dort in einen Anschlusszug steigen müssen.

Und es gibt eben die Fähre an einer Engstelle zwischen den Dörfern Brodersby und Missunde. Für Ur­lau­be­r:in­nen ist sie eine bequeme Möglichkeit, von A nach B zu kommen. Für die Menschen, die rund um die Schlei leben, in Angeln im Norden und Schwansen südlich des Gewässers, ist die Fähre eine der wichtigsten Verkehrsadern. Wenn sie denn fährt. Was sie mal tut – und dann eben wieder nicht.

An diesem Vormittag im Juli liegt die glänzende „Missunde III“ auf der Nordseite, am Rande des Dorfes Brodersby. Zu diesem Zeitpunkt ist unklar, dass sie wenige Tage später den Betrieb wieder aufnehmen wird. Dann stehen wieder Autos und Räder am Anleger Schlange, doch an diesem Tag herrscht Stille auf der Straße, die zum Fähranleger und der Gaststätte Missunder Fährhaus führt. Schilf wiegt sich im Wind, Enten schwimmen vorbei. Ein Segelboot gleitet durch die Engstelle Bis auf den Ruf einer Möwe ist es still, kein Autolärm, kein Geschirrklappern. Denn die Gaststätte ist zurzeit geschlossen, genau wie das zweite Lokal auf der anderen Seite der Schlei.

Diese andere Seite ist nur 136 Meter entfernt, als könnte man hinüberspucken. Auch die Fahrt dauert nur wenige Minuten: ein Klacks, wenn die Fähre denn fährt.

Probleme über Probleme

An diesem Tag hakt ein Haken nicht richtig ein, mit dem das Schiff am Anleger festmacht. Kurz zuvor war ein Hydraulikschaden aufgetreten. Davor machte ein Antriebsriemen Probleme. Eine Woche zuvor führte die Schlei zu wenig Wasser für den Betrieb. Am Pfingstwochenende war es schon wieder der Antriebsriemen. Im vergangenen Jahr fiel mehrfach der Motor­ aus. Im Januar 2024 stellte sich heraus, dass die neue Fähre zu groß und zu schwer für den Anleger ist, der nachgerüstet werden muss. Dabei waren die Rampen bereits umgebaut worden, was in den Jahren 2023 und 2022 für Störungen im Fährbetrieb geführt hatte.

Alles sollte so schön werden mit der neuen Fähre, die umweltfreundlich mit ­Solarstrom betrieben wird und auch Busse oder Landmaschinen übersetzen soll. Doch inzwischen dauert das Drama seit gut sieben Jahren und wurde weit teurer als gedacht. Unter anderem, weil zwischenzeitlich die alte und bereits ausgemusterte „Missunde II“ zurückgekauft werden musste. Rund 100.000 Euro legte das Land dafür auf den Tisch. Verkauft hatte es die alte Fähre für 17.500 Euro. Insgesamt, so Schätzungen, soll das Schiff mit den neuen Anlegern und Reparaturen über 5 Millionen Euro kosten – die ersten Planungen waren von 2,5 Millionen ausgegangen.

Nix wie hin

Die Besonderheit

Der Ostseearm Schlei gehört zu den schönsten Urlaubsre­gionen in Schleswig-Holstein und bietet zahlreiche Möglichkeiten zum Baden, Radeln und Segeln. Vom Ostseebad Eckernförde bis zum Naturpark Hüttener Berge gibt es hier viel zu erleben.

Das Zielpublikum

Urlauber:innen, die es auch mal ruhiger mögen. Die Region ist nicht übermäßig dicht besiedelt und auch von Tou­ris­t:in­nen nicht überlaufen.

Hindernisse auf dem Weg

Die Fähre, die nicht fährt. Denn wer auf die andere Seite der Schlei wechseln möchte, muss darum weite Umwege über Schleswig oder über Kappeln in Kauf nehmen.

Die Fähre wird zum Politikum

Inzwischen fordert das Land Schadensersatz von der Kon­struktionsfirma. Der Betreiber des Hafens Brodersby erwägt wiederum eine Klage gegen das Land, weil der Tourismus unter den Fährausfällen leidet. Bürgermeister schrieben wütende Briefe an die Regierung. Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) reiste kürzlich an, um die Lage zu beruhigen und sich zu entschuldigen. Der aktuelle Plan der Landesregierung lautet: durchhalten und weitermachen in der Hoffnung, dass die ewigen Probleme mit der Fähre bald gelöst sind.

Aber ob das je der Fall sein wird? Rüdiger Jöns, der Pächter der „Missunde III“, hält das Schiff generell für zu groß, zu schwer und zu sperrig für die Schleienge, das habe er bereits frühzeitig gesagt, berichtet er. Selbst bei optimalen Verhältnissen sei es schwierig, das Gefährt sicher und schnell auf die andere Seite zu steuern. Jöns überlegt, wie lange er noch wirtschaftlich durchhält. Auf die Frage, ob sich dann wohl ein neuer Pächter fände, zuckt er nur mit den Schultern.

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