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die ortsbegehungDer Krieg der Kleckse beginnt in Hannover

Pelikan oder Geha – das war in den Schulen mal eine wichtige Frage. Eine Ausstellung erinnert an den Beitrag dieser beiden hannoverschen Unternehmen zum Schreibenlernen

Schulbildende Spuren der Füller aus Hannover Illustration: Jeong Hwa Min

Aus Hannover Nadine Conti

Woran denken Sie, wenn Sie das Wort Füller hören? Ich denke an die Tintenflecken, an von der noch ungewohnten Schreibhaltung verkrampfte Zeige- und Mittelfinger und an die Handkante, mit der man das Geschriebene verschmierte. An den Geruch von Tintenkiller, mit dem man versuchte, das wieder wegzukriegen. Und an die kleinen durchsichtigen Kügelchen.

Wer die kennt, gehörte zur Pelikanfraktion. Die Kügelchen verschlossen bei Pelikan die Tintenpatronen, man konnte sie am Ende aus der leeren Patrone quetschen. Und sammeln, weil sie hübsch waren. Damit spielen, wenn der Unterricht langweilig war. Oder sie als Munition benutzen in abgesägten und entleerten Filzstiften, die als Spuckröhrchen fungierten.

Die Kugeln waren das entscheidende Argument für Pelikanfüller. Die bedauernswerten Menschen, die mit Geha schrieben, hatten die nämlich nicht. Es kann wohl niemand mehr nachvollziehen, wie dieser Markenkrieg – Pelikan gegen Geha – Einzug in die Klassenzimmer fand. Aber wer in den 60er, 70er oder 80er Jahren zur Schule gegangen ist, kennt den.

Im Nachhinein wirkt es wie eines dieser psychologischen Experimente, bei denen man Kindern verschiedenfarbige Leibchen anzieht, die Blauen gegen die Grünen antreten lässt und schauen kann, wie sich in Rekordzeit so ein Ingroup- und Outgroup-Verständnis formt, in dem man sich eine Million Gründe erfindet, warum die eigene Gruppe in jedem Fall schöner, schlauer und besser ist und die andere irgendwie komisch und doof.

Das Lustige ist, dass sich hinter diesem Krieg der Kleckse auch noch ein irrwitziges Stückchen Kultur- und Industrie- und Stadtgeschichte verbirgt, das zu weiten Teilen in Hannover spielt.

Die Firmensitze und Werksgelände von Pelikan und Geha lagen zeitweise nur wenige Straßenzüge voneinander entfernt. Noch heute zeugen das Pelikanviertel und das Geha­carré davon, wie wichtig sie in der Stadt einmal waren.

Pelikan ist allerdings älter. Ein klassisches Gründerzeitkind, das ein atemberaubendes Wachstum hinlegte, vom Tinten- und Künstlerfarben-Produzenten zum Büroartikelhersteller. Mit dieser Art von großbürgerlich-patriachalem Verständnis, das längst ausgestorben ist: Man sammelte Kunst und baute Werkswohnungen, band die mühsam ausgebildeten Facharbeiter mit üppigen Sozialleistungen an sich, manche blieben über Generationen hinweg „Pelikaner“.

Ein kleines bisschen kann man sich davon heute noch anschauen. Aus dem Werksgelände ist mittlerweile ein schickes Quartier mit Hotels, Restaurants, Wohnungen und Büros geworden. Es gibt Führungen, die eine Ahnung davon vermitteln, was hier früher mal spielte.

Und es gibt den „Tintenturm“. Hier unterhält Pelikan einen Showroom mit Werksverkauf und nebenan im alten Festsaal gibt es wechselnde Ausstellungen mit Exponaten aus dem Firmenarchiv.

In dem Saal tagte der Pelikan-Vorstand, versammelten sich die Außendienstmitarbeiter, aber auch der „Arbeitskreis Schreiberziehung“. Dem widmet sich die aktuelle Ausstellung „Gänsefeder, Pelikano, Tastatur“ (noch bis Juni), die in Zusammenarbeit mit dem Historischen Museum Hannover entstand.

Pelikan lieferte früh nicht nur Farben und Tinte, sondern auch pädagogische Materialien. Das intensivierte sich mit dem Schulschreibfederhalter Pelikano, der in den 60er Jahren auf den Markt kam – und schon deshalb in den Schulen als Sensation galt, weil er eben mit Patronen funktionierte und damit das Umwerfen der Tintenfässchen entfiel.

In der Ausstellung lässt sich hübsch nachvollziehen, wie sehr das Schreibenlernen schon immer ein Feld war, auf dem Kulturkämpfe ausgefochten wurden – nicht erst seit den immer wieder aufbrandenden Diskussionen darum, wozu man eigentlich noch Schreibschrift braucht. Einerseits ein gewaltiger Fortschritt: Mit der allgemeinen Schulpflicht wurde auch der breiten Bevölkerung eine Kulturtechnik zugänglich, die ursprünglich wenigen vorbehalten war. Gleichzeitig – davon zeugen die hier ausgestellten Schreiblernhefte – war der Drill zum Schönschreiben eben auch ein Disziplinierungsinstrument, mehr Unterwerfung als Aufklärung.

Nix wie hin

Die Besonderheit

Das Schreibenlernen in der Grundschule ist ein heiß umkämpftes Feld. Hier hat jeder was zu sagen und zu befürchten. Manchmal hilft der historische Blick dabei, ein bisschen Abstand zum Kulturkampf zu gewinnen.

Die Zielgruppe

Nostalgiker, Architekturliebhaber und alle, die sich für Kultur- und Wirtschaftsgeschichte interessieren. Oder Menschen, die gern über Generationen hinweg über ihre Schulerfahrungen plaudern wollen.

Hindernisse auf dem Weg

Der Werksverkauf und die Ausstellung sind zu anderen Zeiten zugänglich als die Führungen übers historische Werksgelände. Das zu kombinieren, erfordert ein bisschen Geschick. Termine finden sich auf hannover.de und pelikan.com.

Einladung zum Nostalgietrip

Wer mag, kann sich in dieser Ausstellung aber auch einfach auf einen Nostalgietrip begeben, ausprobieren, wie schwierig es ist, mit einem Gänsekiel zu schreiben, sich über alte Werbespots amüsieren oder die teuren Liebhaber- und Sammlerstücke bestaunen, die Pelikan immer noch produziert.

Die Firma selbst ist längst der Globalisierung zum Opfer gefallen und existiert eigentlich nur noch als Marke in einem schwer durchschaubaren internationalen Firmenkonglomerat. Schon 1996 übernahm ein malaysisches Unternehmen die Aktienmehrheit der Pelikan AG. Vorher – 1990 – hatte man allerdings den jahrzehntelangen Mitbewerber Geha aufgekauft. Womit zumindest dieser Markenkrieg ein für alle Mal entschieden war.

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