die ortsbegehung: Putins Außenposten mitten in der Stadt
Trotz des Krieges in der Ukraine geht der Betrieb im Russischen Haus in Berlin-Mitte weiter. Und von Deutschland gibt es, so wurde es mal vertraglich festgelegt, sogar Geld dafür
Aus Berlin Andreas Hartmann
Der Mann am Eingang spricht einen erst auf Russisch an. Dann wiederholt er seine Frage, was man hier wolle, auf Deutsch. Einfach mal umsehen? Kein Problem, sehr gern, willkommen also im sogenannten Russischen Haus in Berlin. Das befindet sich mitten auf der Friedrichstraße, der bekannten Shoppingmeile im Herzen der Stadt. Der Gebäudekomplex mit seinen 29.000 Quadratmetern erstreckt sich über einen ganzen Häuserblock, ist also kaum zu übersehen und wirkt trotzdem etwas versteckt zwischen all den bunten Ladengeschäften.
1984 wurde der Ort für russische Kultur eröffnet und bietet heute immer noch Ausstellungen, Konzerte, Filmprogramme und Russisch-Sprachkurse an. Klingt erst einmal halbwegs harmlos. Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine wird jedoch genauer hingeschaut, was hier alles so läuft.
Bei der EU auf der Sanktionsliste
Betrieben wird das Gebäude schließlich von der russischen Behörde Rossotrudnitschestwo, die seit 2022 auf der Sanktionsliste der EU steht. Das mit den Sprachkursen und unverfänglich wirkenden Angeboten wie Töpferkursen sei nur Fassade, lautet inzwischen die Kritik. In Wahrheit habe man es hier mit einer Propagandazentrale Putins zu tun, die längst geschlossen gehöre.
Von der kleinen Einmanndemonstration, die sonst immer mit Ukraineflagge vor dem Eingang steht, ist heute nichts zu sehen. Drinnen wirkt der weitläufige und schummrige sozialistische Prachtbau mit dem Marmorboden und den Ledersofas im Foyer beinahe menschenleer. Kaum Besucher finden sich ein, es ist sehr still, man hat den Eindruck, das riesige Gebäude fast für sich allein zu haben.
Eine Dauerausstellung in einem Eck des Erdgeschosses zeigt „die vielfältigen Beiträge zur Förderung der russisch-deutschen Beziehungen“. Man sieht Bilder von Kulturveranstaltungen und russischen Neujahrsfesten. Die Ausstellung endet mit einer Dokumentation kritischer Beiträge über das Russische Haus selbst. „Kreml-Propaganda-Zentrale darf einfach weitermachen“, steht da beispielsweise auf einer eingerahmten Titelseite der Bild. Über die gesammelten Kritiken haben die Macher der kleinen Ausstellung geschrieben: „Ein Filetstück“. Wer das Russische Haus kritisiere, habe vor allem die Beschlagnahmung einer Immobilie in bester Lage im Blick, soll damit wohl angedeutet werden.
Die Veranstaltungsräume in dem Gebäude haben Namen wie Tolstoi-, Turgenjew- oder Kandinsky-Saal. Man wird so daran erinnert, was für eine bedeutende Kulturnation Russland ist, auch wenn das Putin-Regime die russischen Kulturgrößen schamlos für seine nationalistische Propaganda missbraucht. Im Hausrestaurant werden authentische Spezialitäten wie Wareniki und Pelmeni angeboten, ein wenig Russlandfeeling für den Magen.
Bizarr wirkt eine der temporären Ausstellungen, die noch bis Ende Juli nächsten Jahres läuft. Sie kostet keinen Eintritt, man ist der einzige Besucher und wird bei „Public Art“ über „Kunst im öffentlichen Raum Russlands“ informiert. Man sieht hier quietschbunte Pop-Art-Skulpturen und Graffiti, das meiste davon sind Arbeiten, die nach dem russischen Überfall auf die Ukraine entstanden sind. So locker abgefahren und freiheitlich soll es also zugehen in einem Land, wo Menschen im öffentlichen Raum sogar dafür verhaftet wurden, als Zeichen des Protests ein weißes Blatt Papier in die Höhe gehalten zu haben. „Die „individuelle Ausdrucksform“ werde im „heutigen Russland“ höher geschätzt als einst, heißt es im Begleittext zur Ausstellung.
Russland war schon immer super und ist es immer noch, dieses Gefühl soll der Besucher oder die Besucherin des Russischen Hauses mitnehmen. Dabei bekommt man nur einen kleinen Einblick in dieses Gebäude, das zu großen Teilen wie eine Blackbox wirkt. Werden hier in den oberen Stockwerken auch Wohnungen vermietet? Gelder eingenommen, die dem Putin-Regime in irgendeiner Form zugutekommen?
Die Besonderheit
Keine Putin-Propaganda in Deutschland, keine russischen Staatskünstler auf deutschen Bühnen, so das offizielle Credo. Mitten in Berlin aber darf ein russisches Kulturhaus, das von einer von der EU sanktionierten russischen Behörde betrieben wird, einfach weitermachen. Unterstützt von deutschem Steuergeld.
Die Zielgruppe
Theoretisch alle, die sich ganz harmlos für russische Kultur interessieren. Und Menschen, die Russland einfach lieben, auch das heutige.
Hindernisse auf dem Weg
Die Blockade im Kopf, ob man es sich wirklich antun soll, sich über Russland und russisch-deutsche Beziehungen zu informieren, ohne dass auch nur ansatzweise eine kritische Einordnung des Putin-Regimes geboten wird.
Deutschland zahlt für das Haus
Recherchen verschiedener Medien vom Berliner Kurier bis hin zur „Tagesschau“ konnten in den vergangenen Jahren unter anderem Verbindungen des Russischen Hauses zu Veranstaltern prorussischer Demos nachweisen, im eigenen Kinosaal soll ein übler Propagandafilm gezeigt worden sein, in dem Ukrainer als Nazis auftauchten.
Dennoch geht hier alles weiter seinen Gang. Die Bundesrepublik zahlt sogar jährlich die anfallenden 70.000 Euro Grundsteuer, das wurde vertraglich so festgelegt. Verknüpft mit Regelungen zu Goethe-Instituten in Russland. Wird das Russland-Haus geschlossen, werden auch die Goethe-Institute in Russland dichtgemacht, so die Befürchtung. Deswegen will man seitens der Politik vielleicht so genau auch wieder nicht wissen, was in diesem Russischen Haus alles so passiert.
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