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die ortsbegehungEin sozialistischer Fingerzeig

Der Jentower war mal das höchste Haus von ganz Deutschland, und längst hat sich Jena mit dem Turm arrangiert: Gebaut wurde er, um die Altstadt klein und doof wirken zu lassen

Jenas sozialistisches Erbe, nicht zu übersehen: der Jentower Illustration: Jeong Hwa Min

Aus Jena Benno Schirrmeister

Also 6 Euro pro Person für einmal 130 Meter hoch und runter Aufzugfahren, um dann auf Jena zu gucken, klingt happig. Aber andererseits: Es ist klar billiger, als in Frankfurt zum Beispiel den Maintower hochzufahren.

Billiger und ergiebiger. Denn klar, wer sich für deutsche Hochhausgeschichte interessiert, muss irgendwann nach Frankfurt am Main. Aber vorher ist Jena dran: Hier hat 1915 Friedrich Pützer das erste Solitärhochhaus Deutschlands errichtet, für die Verwaltung der Zeiss-Werke, und nach dem Krieg hatte Bauhaus-Gründer Walter Gropius vorgeschlagen, nebenan auf den Eichplatz einen echten Wolkenkratzer hinzuklotzen. Genau dort ist dann wieder 50 Jahre später auch der Jentower entstanden: dessen archtitektur- und zeithistorische Bedeutung überragt noch jedes Frankfurter Hochhaus.

Geplant worden war er als Forschungshochhaus des VEB Carl Zeiss Jena, dem sich Uni-Einrichtungen unterwürfig angliedern sollten. VEB stand in der DDR für Volkseigener Betrieb, und Zeiss war ein in jeder Hinsicht systemrelevantes Unternehmen geblieben, mit internationalem Renommee. Es war der einzige Computerhersteller der DDR, lieferte Zubehör für die Sowjetraumfahrt und hatte ausgeklügeltes Rüstungszubehör entwickelt.

Der Umzug hat dann nie stattgefunden, Zeiss den Turm nie genutzt, was ein bisschen peinlich war. Bei der Eröffnung 1972 hieß das Bauwerk nur noch Universitätshochhaus. Es war aber klar das höchste Haus von ganz Deutschland, Ost und West, und das muss doch als ein schöner Propagandaerfolg gelten, auch wenn er nur bis 1973 anhielt. Jedenfalls schweift der Blick von hier über ein Panorama aus Geschichte und Geschichten, endlich mal ganz ohne den Turm: Den wird man in Jena echt nur los, wenn man ihn, pling!, binnen zweiminütiger Sausefahrt mit einem der sechs Aufzüge bezwingt.

Unten in der Stadt ist er überall präsent. Er schiebt sich wie ein aufdringlicher Oberbürgermeisterkandidat in jedes Bild. Es ist unmöglich, nur die historischen Unigebäude, ausschließlich den Botanischen Garten oder allein das Planetarium zu sehen. Immer ist der Turm mit dabei.

Die Überlegenheit des Sozialismus

Das war glatte Absicht: Getreu dem Nationalen Aufbauprogramm im ersten Fünfjahresplan sollte das Bauwerk die Größe und Überlegenheit des Sozialismus ausdrücken, wie Michael Diers im Band „Der Turm von Jena“ referiert. „Erstmalig in der DDR“ sollte mit ihm „ein Gebäude der Forschung und Produktion die bestimmende Dominante der Stadt“ prägen, in ihrer historischen Mitte.

Diese städtebauliche Idee ist Ende der 1960er-Jahre so DDR-spezifisch nicht. „Alte Städte hatten ein Herz“, beklagt damals der urbanistisch interessierte Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich in Frankfurt am Main, und rügt eben „die Herzlosigkeit, die Unwirtlichkeit der neuen Bauweise“, mit der die Zentren besetzt und überschrieben wurden. Der Wunsch aber, damit das Alte auch klein und doof wirken zu lassen, bestimmt das Turmprojekt in Jena ganz ausdrücklich: „Die Zeiss- und Universitätsstadt Jena ist zu einer sozialistischen Stadt der Wissenschaft und Technik zu gestalten“, hatte das Politbüro verfügt.

Walter Ulbricht selbst war, auf dem Höhepunkt seiner Macht, nach Thüringen gereist, um zu verkünden, dass man für die architektonische Gestaltung des Zentrums „einige alte Zähne beseitigen“ müsse. Und zwar nicht durch behutsame Extraktion, sondern durch einen beherzten Schlag in die Fresse, unter fachlicher Leitung von Staatsarchitekt Hermann Henselmann. Rund 100 Wohn- und Geschäftshäuser wurden weggesprengt, eine Fläche von einem Hektar wurde planiert.

Nix wie hin

Die Besonderheit

Der Jentower ist ein Stück besonders fies ideologischer Stadtplanung, das sich auf eigentümliche Weise von seiner ursprünglichen Intention emanzipiert hat. Er war von 1972–1974 das höchste Hochhaus Deutschlands und symbolisierte den technologischen Ehrgeiz der DDR.

Die Zielgruppe

Alle, die gerne den Überblick bekommen wollen und dabei bereit sind, auch das zu sehen, was sie nicht sehen können.

Hindernisse auf dem Weg

Pförtner wachen darüber, dass der Fahrstuhlpreis von derzeit 6 Euro (laut Stadtmarketing 10, aber das ist falsch) von allen entrichtet wird, die nicht oben im Restaurant tafeln wollen oder auch nur für 3,50 Euro einen Kaffee trinken.

Aber weder Ulbricht noch die DDR waren in allem erfolgreich. Ulbricht war bei der Eröffnung des Turms bereits kaltgestellt. Und während der „den Stolz der Bürger auf ihre sozialistische Ordnung“ Ausdruck verleihen und die „kapitalistische Stadt der Vergangenheit“ zum Verschwinden bringen sollte, beherbergt er heute ein Luxushotel mit Edelrestaurant sowie im Sockel einen Aldi, eine Buchhandlung und die leibhaftige Deutsche Bank. Ja, dieser Renegat von einem Turm hatte sich schon in den 1970ern spontan mit den pittoresken Gassen und Fachwerkbauten drumherum verbündet: Sein Zusammenspiel mit der Altbausubstanz erzeugt seit jeher fotogene Kontraste. Deren dialektisches Potenzial sich dank der neuen klimaoptimierten Spiegelglasfassade noch erhöht: Das Rundhochhaus ist längst ein Wahrzeichen geworden.

Wohl auch dank der damals unerhört modernen Form, eine eigensinnige Architekturentscheidung, die im Hinblick auf die ursprüngliche Bestimmung des Turms sinnlos war. Die Zeiss-Leitung hatte intensiv gegen den unzweckmäßigen und kostenintensiven Grundriss opponiert, ja sogar bei Ulbricht selbst. Doch der hat brüsk allen Rechtecklobbyismus zurückgewiesen.

Ihm sei egal, was in Jena gebaut wird, soll er gesagt – und damit zugleich die Form zur eigentlichen Funktion des Baus erhoben haben: „Hauptsache, es wird rund.“ Und so ist es dann auch gekommen.

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