die dritte meinung: Europa muss seine Sicherheitsstrategie von den USA abkoppeln, fordert Politologe Henry Okorafor
Der seit über drei Jahren andauernde russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat Europas geopolitische Realität entblößt: Die Nato ist nicht länger Garant für Frieden, sondern Teil einer neues Eskalationslogik. Russland betrachtet das Bündnis als feindliche Expansion und die USA unter Präsident Donald Trump sehen das Verteidigungsbündnis als Geschäftsmodell. Die Ukraine wird zur Verhandlungsmasse, Europa zum Nebenschauplatz. Trump droht Nato-Staaten damit, sie fallen zu lassen, wenn sie „ihre Rechnungen nicht bezahlen“.
Gleichzeitig verhandelte er mit dem russischen Kriegstreiber Wladimir Putin über die territoriale Aufteilung der Ukraine – ohne Kiew, ohne Brüssel, ohne Rücksicht auf das Völkerrecht. Die USA agieren nicht mehr – wie einst – als Schutzmacht, sondern als geopolitischer Broker. Europa steht im Schatten dieser Machtspiele – ökonomisch erpressbar, militärisch verwundbar, diplomatisch marginalisiert. Putins Kriegsrhetorik stützt sich auf ein Narrativ, das die Nato als Bedrohung und die Ukraine als „Anti-Russland“ darstellt. Die Invasion wird zur „Selbstverteidigung“ erklärt, die Eskalation zur Konsequenz westlicher Einflussnahme. Solange Europa in der Nato-Struktur verbleibt, bleibt es Teil dieser Eskalationsspirale.
Die Lösung liegt in einer eigenständigen europäischen Sicherheitsarchitektur – nicht als Konfrontation, sondern als strategische Entkopplung. Europa muss sich aufrichten, und das institutionell, strategisch, moralisch. Es braucht Souveränität in der Sicherheitsfrage, um Friedensfähigkeit zurückzugewinnen.
Henry Okorafor
ist Politikwissenschaftler, saß für die Grünen im Stadtrat Ingolstadt und ist jetzt parteilos. Der gebürtige Nigerianer kam als Stipendiat an die Universität Eichstätt, er ist mit einer Deutschen verheiratet.
„Frieden durch Entkopplung“ heißt aber nicht, sich gegen Amerika zu positionieren, sondern für Europa einzustehen. Solange sich die Europäische Union in dieser global neuen Lage auf die Vereinigten Staaten verlässt und sich nicht um eine vor allem eigene Verteidigungspolitik kümmert, ist sie angreifbar. Es ist ganz einfach: Wer Sicherheit delegiert, verliert sie. Wer sich nicht selbst schützt, wird nicht geschützt.
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