der homosexuelle mann ... von ELMAR KRAUSHAAR:
… ist nicht der Rede wert ohne ein offenes Wort. Erst wenn er vor die – natürlich – heterosexuelle Öffentlichkeit getreten ist und ausruft „Hey, ich bin’s, euer Schwuli!“, ist er wer. Ein „bekennender“ Homosexueller. Ohne dieses Adjektiv geht nichts im medialen Sprachverkehr.
Der Einwand, dass es bei Homosexualität um keine Religion gehe, zu der es sich zu bekennen gilt, und auch niemand vor einem irdischen Richter stünde, dem er eine Schuld gestehen muss, prallt ab. Und dass wir auch nicht vom „bekennenden“ Heterosexuellen – beispielsweise – Edmund Stoiber sprechen oder vom „offen“ heterosexuellen Gerhard Schröder-Köpf – geschenkt! In der öffentlichen Rede gibt es den „Bekenner“-Homo und sonst gar nix. Schon gar nicht in der Post-Wowereit-Ära. So kam nach den Schüssen auf den niederländischen Rechtspopulisten Pim Fortuyn keine Meldung aus ohne den kleinen Zusatz. Aber warum reichte nicht einfach ein „der schwule/homosexuelle Fortuyn“? Nein, oh nein, da macht sich keiner die Hände schmutzig, plaudert niemand was aus und verrät auch keine Geheimnisse. Wird einer als „homosexuell“ deklariert, dann muss er das Stichwort dazu schon selbst gegeben haben.
Und wenn nicht? Früher hieß es dann „der ewige Junggeselle“ oder einfach „der Sensible“. Aber heute? Von Guido Westerwelle weiß jeder, dass er schwul ist, aber darüber schreibt man nicht, schließlich ist Westerwelle kein bayerischer Schlagersänger und auch kein Kölner Fernsehkoch. Sondern ein Parteichef, der in aller Hybris jetzt auch noch Kanzler werden möchte. Und noch hat Westerwelle sein „Bekenntnis“ nicht abgegeben, wie es das Journalisten-Arrangement verlangt. Also was tun bis dahin? Gekonnt um den heißen Brei lavieren, gezielt zwischen den Zeilen die Botschaft versenken. Wie Willi Winkler in der SZ am Wochenende: „Ein bisschen anders wie der Guido“, schreibt er da. Für den Tagesspiegel ist er einer, der „mit seinem gestylten Auftritt auch sich selbst verhüllt“. Da pflichtet der Stern bei: „Die Rückseite (!) seines Lebens, der etwas andere Guido, bleibt weitgehend tabu“, und bringt die Verschleierungssprache zur Meisterschaft: „Der eine Politik der Mitte vertritt, selbst aber ein modernes Lebenskonzept lebt, das nicht in der Mitte der Gesellschaft liegt?“ Rhetorische Gespreiztheiten sind das und nachgerade lächerlich für beide Seiten. Und das in einem Land, dessen rot-grüne Regierung in den Schönfärbereien des laufenden Wahlkampfs die Homo-Ehe als einen Erfolg herausstreichen muss.
Auch die lesbischen und schwulen Journalistenkollegen schreiben unisono und ganz selbstverständlich vom „bekennenden“ und „offenen“ Homosexuellen. So als sei die pejorative Sprachregelung ihre eigene. Da wundert es nicht, wenn Homosexuelle nach ihrer öffentlichen „Beichte“ sich so fühlen wie von ihnen erwartet: „Als ich das erste Mal nach dem Outing die Bühne betrat, fühlte ich mich irgendwie wie ein Schwerverbrecher“, informierte Patrick Lindner unlängst die Bild am Sonntag. Und hatte vorher doch nichts weiter getan, als über sich zu sprechen.
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