der anstoß: Als die Welt auf drei Marias schaute
Mit einem gemeinsamen Ziel versammelten sich Frauen am 3. Juli 1973 in Italien, Belgien, England, Japan, Finnland, den USA, Frankreich, Brasilien und Portugal: Sie forderten die Freilassung der „drei Marias“, die an diesem Tag in Portugal vor Gericht standen. Die Autorinnen Maria Velho da Costa, Maria Isabel Barreno und Maria Teresa Horta waren 1972 nach der Veröffentlichung ihres feministischen Gemeinschaftswerkes „Novas Cartas Portuguesas“ („Neue portugiesische Briefe“) vom diktatorischen Regime in Lissabon verhaftet worden.
Der Fall gab Anlass zu weltweiten Protesten und wurde so zu einer der ersten globalen feministischen Solidaritätsaktionen. Koordiniert wurde das Ganze von Vertreterinnen der „International Feminist Planning Conference“, die sich im Juni 1973 in den USA trafen, um eine weltweite Frauenkonferenz zu planen. Die Situation von Frauen sollte nicht nur aus der jeweils isolierten nationalen, sondern einer gemeinsamen globalen Perspektive betrachtet werden. Wie aus einem Protokoll der Veranstaltung hervorgeht wurde die Hilfe für die „drei Marias“ zu einem der Hauptziele der Konferenz erklärt.
Maria Velho da Costa, Maria Isabel Barreno und Maria Teresa Horta veröffentlichten „Novas Cartas Portuguesas“ zu einer Zeit, als ihr Heimatland noch immer eine autoritäre Diktatur war. Der „Estado Novo“, der Anfang der 1930er Jahre von Machthaber António de Oliveira Salazar ausgerufen wurde, erlaubte nur eingeschränktes Wahlrecht und keine Oppositionsparteien. Gegner:innen des Regimes wurden von der geheimen Staatspolizei verfolgt. Für Frauen sah Salazars Regime Kinder, Küche und Kirche vor. Sie waren ihren Vätern oder Ehemännern untergeordnet und mussten diese beispielsweise um Erlaubnis bitten, wenn sie verreisen wollten. Die drei Marias und ihre „Novas Cartas Portuguesas“ waren für das damalige Regime eine pure Provokation und vereinten, was es fürchtete: eigensinnige Frauen.
Das Werk ist eine Sammlung von Prosa, Gedichten und Briefen mit teils erotischen Beschreibungen. Zudem diskutieren die Autor:innen darin die patriarchale Unterdrückung und kritisieren den portugiesischen Kolonialismus. Das Buch verkaufte sich direkt nach seiner Veröffentlichung sehr erfolgreich. Als das Zensurkomitee es nach drei Wochen beschlagnahmte, wurde es illegal weiterverbreitet. Mit der Begründung, dass ihr Werk sowohl pornografisch als auch ein Angriff auf die öffentliche Moral sei, wurden die Autorinnen verhaftet.
Trotzdem gelang es, das Buch aus dem faschistischen Portugal herauszuschmuggeln. Es erreichte so etwa Frankreich, wo unter anderem die feministische Philosophin Simone de Beauvoir dabei half, das Werk ins Französische zu übersetzen. Von dort wurde es in die ganze Welt verbreitet und in weitere Sprachen übersetzt.
Verurteilt wurden die drei Marias letztlich nicht. Im Frühjahr 1974 beantragte die Staatsanwaltschaft einen Freispruch. Kurz darauf endete mit der sogenannten Nelkenrevolution die Diktatur in Portugal.
Clara Dünkler
Wie beginnt Veränderung?
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