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Sicherheitslage in EuropaWettrüsten verhindern

Gastkommentar von Max Mutschler

Dass Deutschland und die EU aufrüsten wollen, ist verständlich. Doch sie nicht mit Rüstungskontrolle zu verbinden, könnte gefährlich werden.

Drohnen über Moskau, das Foto wurde vom russischen Verteidigungsministerium zur Verfügung gestellt. Zeigen was man hat! Foto: ap/dpa

D eutschland und Europa rüsten massiv auf. Das ist angesichts der Verschlechterung der Sicherheitslage in Europa durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und der erratischen Politik der Trump-Administration nachvollziehbar. Zwar geben die europäischen Nato-Mitglieder auch ohne die USA bereits jetzt schon mehr Geld fürs Militär aus als Russland.

Aber das heißt nicht zwangsläufig, dass sie deshalb auch alle Fähigkeiten besitzen, um Russland effektiv abzuschrecken. Bei Aufklärung, Kommunikation, Luftabwehr und noch einigen weiteren Bereichen gibt es, trotz des vielen Geldes, das seit Jahren ins Militär gesteckt wird, Schwachstellen.

Wer jedoch denkt, dass mehr Rüstung automatisch auch mehr Sicherheit bringt, unterliegt einem Trugschluss. Denn Aufrüstung kostet nicht nur Ressourcen, die anderswo fehlen. Die Gegenseite, in diesem Fall Russland, rüstet ja auch weiter auf, und so entsteht ein gefährliches Wettrüsten. Gefährlich deshalb, weil ungebremste Aufrüstung die Stabilität der Abschreckung untergraben kann.

Max Mutschler

ist Senior Researcher am Bonn International Centre for Conflict Studies (bicc). Er forscht dort unter anderem zu Rüstungsexporten, Rüstungskontrolle und dem Wandel der Kriegsführung.

Im Kalten Krieg bewährt

Wenn etwa ein technologischer Durchbruch durch ein neues Waffensystem einer Seite entscheidende Vorteile verschaffen kann, entstehen Anreize für die andere Seite, den Konflikt militärisch zu eskalieren, bevor diese Vorteile wirksam werden.

Außerdem wächst das Schadenspotenzial auf allen Seiten durch die quantitative und qualitative Hochrüstung – und damit auch das Leid und die Zerstörung im Falle eines Versagens der Abschreckung. So ist es naheliegend, dass das bereits jetzt konventionell unterlegene Russland auf die konventionelle Aufrüstung der europäischen Nato-Staaten mit noch mehr nuklearer Rüstung reagieren wird.

Doch nun die gute Nachricht: Mit dem Konzept der Rüstungskontrolle gibt es ein bewährtes Mittel, um diese Risiken einzuhegen. Rüstungskontrolle ist nicht gleich Abrüstung. Die Beteiligten verständigen sich auf wechselseitige Begrenzungen im Hinblick auf Qualität und/oder Quantität von Waffensystemen, um ungewollte Eskalation zu vermeiden, Zerstörungskraft zu reduzieren und Kosten zu senken.

Im Kalten Krieg konnten die USA und die Sowjetunion diese drei Ziele mithilfe von Rüstungskontrollabkommen erreichen; beispielsweise bei Nuklearwaffen und der Raketenabwehr. Nach einer letzten Hochphase in den 1990er Jahren, unter anderem mit der Einigung auf Obergrenzen für die Anzahl schwerer Waffensysteme in Europa, sind viele Rüstungskontrollregime zusammengebrochen.

Vertrauen ist keine Voraussetzung

Die Befürworter unbegrenzter Aufrüstung werden einwenden, dass Rüstungskontrolle mit Putin nicht funktioniert. Wie soll man jemandem vertrauen, der das Völkerrecht derart mit Füßen tritt? Aber Rüstungskontrolle ist nicht das Ergebnis von Verhandlungen mit einem Partner, dem man vertraut, oder gar eine Garantie gegen Vertragsbruch.

Rüstungskontrolle ist ein Instrument, das Grenzen für bestimmte Waffen definiert und durch Verifikationsmechanismen (zum Beispiel Inspektionen) hilft zu überprüfen, ob sich alle daran halten. Vertragsverletzungen können so leichter entdeckt werden und es besteht jederzeit die Möglichkeit, mit eigenen Rüstungsanstrengungen zu reagieren.

Das Risiko, von unerwarteten Rüstungsentwicklungen überrumpelt zu werden, sinkt durch bessere Informationen. Im besten Fall kann sogar verlorengegangenes Vertrauen langsam und schrittweise wieder aufgebaut werden.

Das ist keine graue Theorie. Genau so hat Rüstungskontrolle im Kalten Krieg funktioniert. Auch dort haben mit den USA und der Sowjetunion keine Freunde, sondern misstrauische Gegner Rüstungskontrollvereinbarungen geschlossen, um ihre Sicherheitsbeziehung zu stabilisieren. Denn sie hatten nicht nur konfligierende, sondern auch gemeinsame Interessen; allen voran die Verhinderung eines Nuklearkriegs.

Heutige Sicherheitslage komplzierter als im Kalten Krieg

Das kann man nicht eins zu eins auf heute übertragen. Die globale Machtkonstellation ist mit dem Zusammenbruch der bipolaren Ordnung des Kalten Krieges und dem sich vor unseren Augen vollziehenden teilweisen Rückzugs der USA aus Europa komplizierter geworden. Was, wenn Russland gar kein Interesse an einer Begrenzung der eigenen Rüstungsbemühungen hat, weil es plant, nach einer für Russland vorteilhaften Beendigung des Kriegs in der Ukraine als nächstes die baltischen Staaten anzugreifen?

Ob das tatsächlich so ist, wissen wir nicht. Aber wir sollten diese Befürchtung ernst nehmen. Sollte Russland ganz bewusst den Krieg gegen Nato- und EU-Mitgliedstaaten suchen, gäbe es in der Tat keine gemeinsame Interessenbasis für Rüstungskontrolle. In einer Situation der Unklarheit bezüglich der russischen Intentionen ist es ratsam, zunächst auf Abschreckung zu setzen.

Und gleichzeitig spricht genau diese Unklarheit dafür, die Abschreckung mit einer passenden Strategie der Rüstungskontrolle zu flankieren. So lassen sich nicht nur die Rüstungsrisiken einhegen, sondern gleichzeitig auch Russlands Intentionen prüfen.

Ein guter Einstieg wäre ein Angebot für ein Rüstungskontrollabkommen für Mittelstreckenraketen in Europa, gekoppelt mit einer Begrenzung konventioneller Waffensysteme. Das könnte die Krisenstabilität in Europa erhöhen und alle sicherer machen.

Rüstungskontrolle ist also weder naiv noch ein Einknicken vor Putin. Wenn wir es richtig angehen, ist sie ein Instrument kluger Politik im Angesicht von Ungewissheit. Wir sollten die alten Rüstungskontrollkonzepte aus der Mottenkiste holen, sie entstauben und an die neue sicherheitspolitische Situation anpassen. Auf konzeptioneller Ebene ist das primär Aufgabe der Wissenschaft (sowohl der Friedens- und Konfliktforschung, als auch der Strategic Studies). Für die Politik bedeutet es, Bereitschaft zu signalisieren, Aufrüstung durch Rüstungskontrolle zu ergänzen.

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16 Kommentare

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  • Mal schauen, welche unvernünftigen Politiker, für Unvernunft - Verantwortung übernehmen möchten...

  • Nur klare Verhältnisse werden Putin von weiteren unüberlegten Angriffskriegen für die Umsetzung seiner Groß-Russlandpläne abhalten. Eine wirklich starke Bewaffnung Europas gehört dazu und ist billiger als ein Krieg, der eintritt, weil das Putin-Russland sich überlegen vorkommt.

    • @Rudolf Fissner:

      1. ) Warum sollte Russland sich überlegen vorkommen ?



      2.) Deutschland und Europa sind keine imperialistische Staaten, die über Kriegsführung definieren, wie die USA und Russland.



      3.) Eine gute Verteidigung / Abwehr sollte selbstverständlich sein. Es ist ein Unding von den Politikern - unsere bisherigen aufgebrachten Milliarden Euro für die Verteidigung, nicht effektiv für diese Verteidigung eingesetzt zu haben. Hier dürfte die Bevölkerung noch eine detaillierte Erklärung einfordern ! Wollen wir mal für unsere Zukunft hoffen, es möge Kompetenz bei den " Verantwortlichen " - Verantwortern einziehen...sonst bringen auch Billionen Euro nix.

  • Rüstungskontrolle funktioniert nur wenn beide Seiten hochgerüstet sind, und keine von beiden Seiten glaubt sie kann man militärischen Mittel eine Änderung des Status Quo erreichen. Diese Situation ist nicht gegeben. Europa ist nicht hochgerüstet, und Russland glaubt mit Gewalt den Status Quo verändern zu können. Von den hier vorgeschlagenen Maßnahmen sind wir mindestens einen eher zwei Amtswechsel in Moskau entfernt, bevor in Russland jemand an die Macht kommt der nicht glaubt mit Gewalt den Status Quo verändern zu können. Und Europa so gerüstet ist das es für Russland Sinn macht abzurüsten. Der Artikel kommt 20-30 Jahre zu früh.

  • Stell dir vor es ist Rüstungskontrolle und einer geht nicht hin…

    • @metalhead86:

      Die Unfähigkeit vieler zu sehen das die andere Seite kein Interesse an Frieden hat ist schon schockierend. Erklärt aber auch warum wir beim Klimawandel nicht vorankommen. Wenn etwas partout nicht ins Weltbild passt dann wird da stumpf dagegen argumentiert wider jeder Fakten.

  • Danke! Endlich mal ein Wort der Vernunft in der aufgeheizten Rüstungsdebatte...

  • Die sattsam bekannte Verhandlungsarie. Putin ist kein Breschnew und ein Breschnew hätte auch nicht mit Kapitulanten verhandelt. Ihr seid eine Zeitung. So gar nichts mitgekriegt von den Nachrichten der Welt? Trump will die Ukraine den Wölfen zum Fraß vorwerfen und die EU diskutiert darüber, den russischen Raub mit Blauhelmen abzusichern. Wo soll da für Putin eine Motivation für Verhandlungen oder Rüstungskontrolle herkommen? Gefährlich? Ihr seid gefährlich für die Ukraine.

  • Es braucht immer (mindestens) zwei zur Rüstungskontrolle. Der Autor unterschlägt es die tatsache zu vermelden, dass der Zweite, nämlich Russland unter Putin, gar nicht bereit ist über Rüstungskontrolle zu reden.



    "Sollte Russland ganz bewusst den Krieg gegen Nato- und EU-Mitgliedstaaten suchen...", wir können es ja mal darauf ankommen lassen. Es gelingt uns heute schon nicht Putin aus der Ukraine rauszu kriegen. Russland wird nicht von naiven Gutmenschen regiert, die sich die Zeit nehmen über derartige Illusionen nachzudenken. Abrüstung im Klaten Krieg hat erst dann funktioniert als der Sozialismus die UDSSR wirtschaftlich zugrunde gerichtet hatte.

  • Die Sowjetunion hatte ein Interesse an der Rüstungskontrolle um die Kosten im Griff zu behalten. Diese Kosten waren schlussendlich trotzdem einer der Gründe für den Untergang der Sowjetunion. Man muss sich nicht mögen, um Ziele zu erreichen, wenn gemeinsame Interessen vorliegen. Putin hat einen Rüstungsvorsprung von einigen Jahren, nicht zuletzt, da die russ. Industrie bereits geeignet aufgestellt ist. Ist Rüstungskontrolle damit hinfällig? Nein, man muss es versuchen, genau wie Verhandlungen. Mindestenz kann man die Unwilligkeit der Gegenseite damit transparent machen. Das darf aber nicht zum Ausschluss notwendiger Waffensysteme auf Seiten der Nato führen. Ich wage es kaum zu sagen, aber Clustermunition und intelligente Drohnen sind in der Ukraine unverzichtbar. Wenn man an der Stelle den westlichen Technologievorsprung nicht nutzt, opfert man vermehrt eigene Soldaten bei der konventionellen Kriegsführung. Wer das nicht glaubt, kann gerne einen gegnerischen Schützengraben mit Maschinenpistole und Handgranate aufrollen - um das mal drastisch vorstellbar zu machen. Dieses Technologiedefizit der Bundeswehr ist einer der Gründe, warum meine Kinder keinen Wehrdienst leisten werden.

  • Auszug:"Ein guter Einstieg wäre ein Angebot für ein Rüstungskontrollabkommen für Mittelstreckenraketen in Europa, gekoppelt mit einer Begrenzung konventioneller Waffensysteme."

    Im kalten Krieg betraf das die beiden Kontrahenten USA und Sovjetunion. Also Stationierung von Waffensystemen eines Drittstaates in Europa. Jetzt ist es aber Europa selbst, das aufrüstet.



    Damit ist das obsolet.

  • Das Wettrüsten braucht niemand. Aber leider lässt es sich nicht vermeiden, weil Putin es herausfordert. Naiv ist der Gedanke an Rüstungskontrolle, diese muss kontrollierbar sein und entsprechend beide Seiten interessiert sein. Das ist bei Putin leider gar nicht erkennbar.

  • Aus Linken und Grünen werden Militaristen?



    Ich kann mich noch gut an die 80er Jahre erinnern, als 300.000 Menschen in Bonn gegen die Aufrüstung demonstriert haben, ich war dabei. Ich kann mich noch gut an die vielen kleinen Demos erinnern, als Linke gegen jegliche Armee waren.



    Dann kam der Jugoslawienkrieg und schon schwenkten die Grünen von "Frieden schaffen ohne Waffen" auf direkte Kriegsbeteiligung. Dass nun auch die SPD und Teile der Linke für eine Aufrüstung sind, erstaunt mich nicht mehr wirklich. Und sollte heute jemand noch gegen die Aufrüstung sein, dann wird er als Tagträumer dargestellt. Putin und Trump haben es möglich gemacht, dass jetzt auch bei uns wieder hunderte Milliarden in Rüstung statt in die Schulen fließen, die Wiedereinsetzung der Wehrpflicht steht schon vor der Tür.



    Mag sein, dass es leider notwendig ist, aber freuen werde ich mich darüber trotzdem nicht. Zumindest eine nennenswerte Partei sollte es noch als Gegenspieler geben, denn CDU und SPD und Grüne sind zur Panzerpartei geworden.

    • @Hans Dampf:

      Sie waren ständig auf der falschen Seite. Der Nato-Doppelbeschluss hat zum ersten Mal die neueste Waffengeneration beseitigt, das ist unendlich viel mehr, als die komplette Friedensbewegung bis heute erreicht hat. Die serbischen Völkermörder müssen bis heute militärisch in Schach gehalten werden, weil es für eine konsequente Bekämpfung damals nicht gereicht hat. "Mag sein, dass es leider notwendig ist." Was ist das für eine Haltung, sich angesichts der Realität die Decke über den Kopf ziehen zu wollen wie ein kleines Kind?

    • @Hans Dampf:

      Ich stimme Ihnen zu und mehr noch: Ich halte Aufrüstung NICHT für notwendig, wie hier an anderer Stelle begründet. (Wobei ich meine frühere negative Ansicht zu Kampfdrohnen revidiert habe, das ist immerhin ein billiges Mittel, um sündhaft teure Panzer und Kriegsschiffe wertlos zu machen.)



      .



      Auf ein Dilemma der Linken möchte ich aber hinweisen, am Beispiel von Mecklenburg-Vorpommern. Dort sind die Werften heilig, das ist neben dem Tourismus der einzige größere Wirtschaftszweig. Die Werften sind aber im Arsch, aus verschiedenen Gründen. Da wird es sich noch der überzeugteste Antimilitarist zweimal überlegen, ob er sich gegen einen Auftrag zum Bau von Kriegsschiffen stellt. Und die Rüstungslobby ist nicht doof. Die werden sicher darauf hinarbeiten, neue Rüstungsprojekte in strukturschwachen Regionen des Ostens anzusiedeln, um der mangelnden Kriegsfreudigkeit der dortigen Bevölkerung entgegenzuwirken. Nicht dass ich das gutheisse, aber politische Akteure wie etwa die Linke in MV müssen natürlich damit rechnen. Es ist ein echtes Dilemma, in Anlehnung an Brecht möchte ich es das "Mutter-Courage-Dilemma" nennen. (Das was die Kinder heute vorm Verhungern bewahrt, frisst sie morgen auf.)

    • @Hans Dampf:

      Sie schreiben selber, dass es wahrscheinlich notwendig ist aufzurüsten.

      Aber eine Partei soll trotzdem dagegen sein.



      Einfach nur dagegen zu sein, weil alle anderen notwendigerweise für etwas sind, ist der größte Quatsch den es gibt. Erst recht, wenn diejenigen sogar selber merken, dass diese Maßnahme notwendig ist.

      Das ist einfach nur verrückt!