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Lesen lernen mit Hund macht Spaß und nimmt die Angst. Deshalb kommt zweimal pro Woche ein Lesehund in die Bücherhalle Hamburg-Lokstedt

Wirkt beruhigend auf Kinder mit Leseschwierigkeiten: Lesehund Foto: Marcus Brandt/dpa

Interview Friederike Gräff

taz: Warum liest es sich leichter mit Hund, Frau Dräger?

Dajana Dräger: Weil die Kinder sich mit einem Hund besser dafür öffnen können. Wir haben einen Raum, wo wir separat von den anderen Gästen unser Lesetraining machen. Und wenn die Kinder den Raum betreten, leuchten die Augen ziemlich, weil sie sich so auf den Hund freuen.

taz: Möchte man dann als Kind nicht eigentlich nur die Zeit mit dem Hund verbringen und weniger lesen?

Dräger: Den Gedanken kann ich durchaus verstehen. Es ist aber tatsächlich so, dass die Kinder ganz gerne lesen. Sie wollen dann auch etwas erreichen und dem Hund vorlesen.

taz: Nehmen die Kinder es so wahr, dass der Hund ein freundliches Gegenüber ist, also Fehler nicht bemerkt oder nicht übel nimmt?

Dräger: Auf jeden Fall. Ein Hund bewertet nicht, er lacht nicht aus und verbessert nicht. Und wenn man gerade nicht so richtig weiter kommt, dann kann man kurz etwas mit dem Hund spielen und danach geht es wieder viel besser.

taz: Wenn man einem Menschen vorliest, weiß man, dass die Person versteht, was man liest. Wie ist es, einem Tier vorzulesen?

Dräger: Es ist ja immer noch ein Mensch dabei – entweder eine Ehrenamtliche oder ich. Ich glaube, die Kinder sind dann darauf ausgerichtet, dass sie auch uns vorlesen. Sie haben ein bisschen die Hand im Fell des Tieres, das reicht ihnen oft schon. Der Hund schaltet einfach ab, legt sich dazu. Er muss nicht ins Buch gucken, es genügt seine Nähe.

taz: Wie genau läuft so eine Leseförderung ab?

Dräger: Pro Kind ist es immer eine halbe Stunde, wir wollen niemanden überfordern. Es gibt ein kleines Willkommensritual, dass die Hunde würfeln und Leckerlis bekommen.

taz: Der Hund würfelt?

Dräger: Ja, die Hunde bei uns können natürlich ein paar Tricks. Meine Hündin ist so ein kleiner Flummi und macht da sehr gerne mit. Wir haben einen größeren Schaumstoffwürfel, den wir dann vor sie hinlegen. Dann bewegt sie ihn mit der Pfote und das nennen die Kinder würfeln.

Leseförderung mit Hund gibt es mittwochs und freitags jeweils von 16 bis 16.30 Uhr und von 16.30 bis 17 Uhr in der Bücherhalle Lokstedt. Die Leseförderung ist kostenlos. Da der Andrang groß ist, gibt es eine Warteliste. Kontakt unter: lokstedt@buecherhallen.de

taz: Wie geht es danach weiter?

Dräger: Wir suchen zusammen die Bücher aus und dann wird erst mal ein bisschen gelesen. In der Mitte machen wir eine Pause und spielen ein Spiel. Wir haben zum Beispiel ein Chipspiel, wo der Hund zusammen mit dem Kind die Möhrchen rausrupfen kann. Dann wird noch mal gelesen, und zum Schluss gibt es einen Parcours, wo die Kinder zusammen mit dem Hund noch mal etwas Sportliches machen können.

taz: Wie aufwendig ist die Ausbildung zum Lesehund?

Dräger: In der Regel ist es gar nicht so schwierig. Es gehört natürlich ein guter Grundgehorsam dazu, und es wäre ungünstig, wenn der Hund keine Kinder mag. Er braucht einen Eignungstest. Dann gibt es einen Tagesworkshop, wo man lernt, wie die Leseförderung mit Hund genau abläuft. Dann legt der Halter oder die Halterin noch mal einen Hundeführerschein mit einer theoretischen und einer praktischen Prüfung ab. In meinem Fall brauchten wir den Eignungstest nicht mehr zu machen, weil meine Hündin eine Besuchshundausbildung hat.

Foto: privat

Dajana Dräger 36, ist Mitarbeiterin der Bücherhalle Hamburg-Lokstedt und bietet mit ihrem Hund Juna Leseförderung an.

taz: Wen besucht sie?

Dräger: Wir hatten es ursprünglich geplant für das Altenheim. Sie wurde bei den Maltesern ausgebildet, aber dann kam Corona und wir konnten unsere Einsätze nicht mehr machen und dann ist das Projekt leider im Sande verlaufen. Weil ich aber unbedingt etwas tun wollte, habe ich hier bei den Bücherhallen die Leseförderung mit Hunden ins Leben gerufen.

taz: Das heißt, Sie haben sich das Projekt selber ausgedacht?

Dräger: Es gibt diese Konzepte schon lange und es gibt einen Lesehundverein, in dem ich auch Mitglied bin. Ich habe das Konzept auf meine Weise ein bisschen umgewandelt und inzwischen gibt es mehrere Teams bei den Bücherhallen.

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