Zweiter Kinostart der „Känguru-Chroniken“: Kampf der Gentrifizierung

Hüpft ein Kommunist mit Beutel durch Berlin-Kreuzberg. Regisseur Dani Levy hat Marc-Uwe Klings „Känguru-Chroniken“ verfilmt.

Ein Känguru sitzt am Küchentisch mit einer aufgeschlagenen Zeitung

Das Känguru ist immer informiert dank Zeitungslektüre Foto: X Verleih

Niemand wundert sich in dieser Geschichte über ein Känguru, das spricht. Niemand, bis auf einen Psychologen, der den Sprung einer Fantasiefigur ins Reale nicht verkraftet. Alle anderen aber begegnen dem Känguru mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie jedem anderen Kreuzberger, wo auch immer seine Herkunft sein mag.

Es ist ja auch ein sehr ausdrucksstarkes Tier. Augen, Schnauze, Ohren der mimisch saugut animierten Figur verraten mehr über ihre Gedanken und Erwartungen, als sich üblicherweise aus einem Gesicht lesen lassen. Und selbst ihr Gang in der Rückenansicht verrät die Freude darüber, am Ende doch noch einen Freund gefunden zu haben.

„Die Känguru-Chroniken“. Regie Dani Levy. Mit Dimitrij Schaad, Rosalie Thomass u. a. Deutschland 2020, 95 Min.

„Die Känguru-Chroniken“ in der Regie von Dani Levy, Drehbuch Marc-Uwe Kling, starteten im Kino kurz vor dem Lockdown und starten nun dankenswerterweise ein zweites Mal. Sie waren der letzte Film, den ich im März im Kino sah, in Berlin-Neukölln, zusammen mit 20 langhaarigen Teenagerinnen, die alle ihr Smartphone interessanter fanden als den Film und durch lautes Getuschel dafür sorgten, dass ich mich fünf Reihen weiter setzen musste.

Dann aber hatte ich mächtig Spaß, was auch daran liegt, dass ich sämtliche Vorprodukte des Kängurus nicht kannte. Der Autor Marc-Uwe Kling, der das Tier im Film selbst spricht, ließ es auf der Bühne starten, es hüpfte in einer Radio-Podcast-Reihe und startete als Hörbuchserie und als Kartenspiel erfolgreich durch. Fans bemerken zum Film etwas enttäuscht, dass sie die Gags doch schon kennen.

Ein ungleiches Paar

Ist also weniger was für Fans als für die, an denen der Känguru-Hype bisher vorbeiging. Einem Tier mit Beutel, in dem Schnapspralinen und Fischstäbchen gehortet sind, verzeiht man das Festhalten an altlinken Positionen leichter als, sagen wir mal, einem 70-jährigen Kreuzberger Schlaffi. Sein Kommunismus ist langschlitzohrig, sein erfolgreicher Kampf gegen einen Immobilienhai, der den Görlitzer Park überbauen und mit einem phallischen Turm krönen will, unterstützt von Kiosk­betreibern, einer alten Kneipenwirtin und einer alleinerziehenden Mutter, ist ein nettes Kiezmärchen und ein bisschen wie altes Grips-Theater.

Ihren Witz bezieht die Geschichte aus einer ungleichen Paar-Konstellation, denn das aktionistische Känguru hat einen Mann an seiner Seite, der selten aus dem Schlafanzug kommt. Als diesen verbimmelten Künstler stellt Marc-Uwe Kling sich selbst vor, und selten wurde Misserfolg so erfolgreich verkauft. Känguru und Kling streiten sich ständig über die Geschichte, wer sie erzählen darf, was man unternehmen könnte gegen Ungerechtigkeit und was die Mittel gegen mächtige Gegner sind. Marc-Uwe Kling wird gespielt von Dimitrij Schaad, in Berlin ein Star des Gorki-Theaters, der seine Präsenz und seinen Charme hier aber klein halten muss und niedlich den Schüchternen spielt.

Den Immobilienmenschen, der zudem ein großes Tier bei den rechten Patrioten ist, darf Henry Hübchen als Karikatur eines machtgeilen Wichsers verkörpern, allein seine Frau Jeanette, eigentliche Drahtzieherin, wird von Bettina Lamprecht mit etwas mehr aasi­ger Kälte und Zwiespältigkeit ausgestattet.

Die Geschichte läuft ratzfatz, hüpft sozusagen mit Känguru-Sprüngen über kleinliche Fragen nach dem real Möglichen weg. Rechte bekommen als Dummköpfe ihr Fett weg. Ja wenn sie nur wirklich so einfach auszutricksen wären.

Wie ein großer Becher Eis sorgt diese Komödie für Wohlbehagen und ein breites Grinsen, solange sie dauert. Von dem Eis verlangt man ja auch nicht, dass man davon auch satt wird und vielleicht einen neuen Gedanken in den nächsten Tag mitnimmt.

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