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Zwei Räder sind nicht genug

Felix Lange ist Produktdesigner. Der Unfall eines Freundes brachte ihn auf die Idee, einen besonderen Rollstuhl zu bauen

Felix Lange liebt seinen Beruf so sehr, dass Arbeit und Freizeit für ihn fast das Gleiche sind

Von Claus Oellerking (Text) und Katrin Wendel (Fotos)

Felix Lange ist ein glücklicher Mensch. Bei seiner Arbeit macht er genau das, was er tun will. Lange stellt Rollstühle aus Carbon her, die ein neues Lebensgefühl vermitteln sollen.

Draußen: Schwerin. Stadtrand. Die Bäume wachsen schon eine Weile entlang der Straße in dem neu erschlossenen Wohn- und Gewerbegebiet. Die Vorgärten aber sind noch karg. Auf der einen Straßenseite stehen Mehrfamilienhäuser mit Balkons. Die Fassaden weiß verputzt, drei Etagen hat jedes Haus. Parkplätze davor. Auf der anderen Seite der Straße haben Betriebe ihren Sitz. Ein Elektriker, ein CNC-Feinmechaniker. Nüchterne Zweckbauten. Es ist noch Platz zum Bauen. Auf beiden Seiten.

Drinnen: „Das hier ist mein Zuhause“, sagt Felix Lange und fährt mit der Hand über die glatte Oberfläche seines Arbeitstisches. Es riecht nach Kaffee. Zwischen Bildschirmen, 3-D-Brille, Skizzenblock und einem Modell aus Carbon steht eine Espressotasse mit der Aufschrift „Langefreunde“. So heißt seine Firma. Denn Freundschaft zu seinen Mit­strei­te­r*in­nen ist ihm wichtig, obwohl er der Chef ist. Der Schreibtisch steht in seinem „Wohnzimmer“, das zugleich Atelier und Werkstatt ist. Das Bett, erzählt er, stehe woanders – „bei meiner Freundin“. Ein Lächeln, ein kurzer Moment der Ironie: „Zuhause, das ist für mich kein bestimmter Ort, sondern eine Haltung.“

Zwischenräume: Langes Office ist hell, funktional, fast zu aufgeräumt für jemanden, der sagt, dass er nie wirklich aufräumt. Und es gibt genügend Platz für seine Kol­le­g*in­nen und den Bürohund. „Ich brauche Bewegung um mich herum“, sagt er, „sonst fängt mein Kopf an zu stehen.“ Bewegung ist sein Thema. Nicht nur körperlich, sondern geistig, ästhetisch, gesellschaftlich. Lange entwirft und gestaltet Produkte für den Gebrauch und solche, die Mobilität neu definieren.

Sein Projekt: Es heißt Parafree und ist ein Rollstuhl aus Carbon. Er ist so leicht, dass er mit zwei (starken) Fingern angehoben werden kann. Kein klobiges Hilfsmittel, sondern ein Objekt, das Souveränität und Selbstbewusstsein ausstrahlt. Entwickelt als Trainings- und Alltagsrollstuhl. „Ich wollte nie ein medizinisches Gerät bauen“, sagt Lange, „sondern etwas, das Freiheit für Menschen, die im Rollstuhl sitzen, verkörpern kann.“

Der Freund: Felix Lange selbst sitzt nicht im Rollstuhl. 2011 suchte er nach einem Thema für seine Abschlussarbeit im Designstudium an der Hochschule Wismar. „Die Überschrift lautete ‚E-Mobility.‘“ Lange erzählt von einem Freund, der während seiner Lehre einen Arbeitsunfall hatte und plötzlich querschnittsgelähmt war. „Marcel hatte so ein sperriges Standardmodell. Ich dachte: Das geht besser. Und vor allem anders.“

Die erste Idee: Felix Lange fragt seinen Freund, ob ein Elektro-Rollstuhl nicht besser für ihn sei. „Marcel hat mich angeguckt und gesagt: ‚Ich möchte aktiv sein. Ich brauche etwas richtig Cooles, etwas Leichtes, mit dem ich mich bewegen kann. Sport machen und so. Elektro bringt das nicht!‘“ Das war der ausschlaggebende Satz, der Langes Fantasie in Schwung brachte. Aus E-Mobility, gedacht als Elektro Mobility, wurde Ergo-Mobility. Seinem Professor gefiel die Idee.

Respekt: „Ich wollte kein ‚Produkt für Behinderte‘ machen. Ich wollte etwas entwickeln, das zeigt: Funktionalität kann schön sein – und Schönheit ist auch eine Form von Respekt.“ Es hat Jahre gedauert, das Ding zu entwickeln. „Ich wollte, dass man drauf schaut und denkt: Wow, cooles Ding – nicht: Oh, ein Rollstuhl.“ Das hat geklappt.

Auch wichtig: René und Martin heißen seine Freunde seit Jugendtagen. Die Freundschaft zu ihnen gebe ihm Halt. „Damals waren wir jung. Und wir brauchten Geld“, sagt Felix Lange und lacht. Das habe sie erfinderisch gemacht. Ende der 90er spielten sie Fußball im Brüsewitzer SV und trafen sich zu LAN-Partys. Gemeinsam entwickelten sie Bausteine für Computerspiele. „Als ich noch mal jünger war, wollte ich Automobildesigner werden, oder Schuhdesigner. Im Matheunterricht habe ich Schuhmodelle entworfen. Da wusste ich noch nicht, dass das ein echter Beruf ist.“

Seine Erfindung: Ein Rollstuhl nach dem Grundsatz der Ergo-Mobility

Ein Business: Felix Lange ist 15 Jahre alt, als er sein erstes Gewerbe anmeldet. „Opa hat mir eine vernünftige Grafikkarte für den Computer gekauft. Die war gut für die Spiele und auch gut zur Gestaltung von Webseiten. Das hat mir Spaß gemacht. Ich konnte schöne Webseiten entwickeln, die für die Leute einen Nutzen hatten und damit Geld verdienen. Ästhetik, Funktionalität und Wirtschaftlichkeit passen für mich bis heute gut zusammen.“

Grenzen: Sein Vater kaufte ihm wenig später einen Motorroller. Lieber hätte er eine schicke Enduro, ein Geländemotorrad, gehabt. Aber beim Kauf des Rollers gab es vom Händler einen Benzingutschein über 400 Euro dazu. „Der Roller war nicht so cool, aber unfassbar sparsam im Verbrauch. Mit dem Gutschein konnte ich tanken, bis ich mir mein erstes Auto gekauft habe.“ Einen alten Golf. „Den habe ich optisch aufgemöbelt. Der Spritverbrauch war bei Tempo 80 am niedrigsten. Also bin ich, wann immer möglich, 80 km/h gefahren. Manchmal auch in Ortschaften. Okay war das nicht. Aber effektiv“, sagt er. Verschwendung ist nicht seine Sache.

Der Perfektionist: In seinem Büro stapeln sich gute Ideen und bequeme Sitzgelegenheiten. Im Werkstattbereich: Materialproben, Fotos, Werkzeuge. An einer Wand lehnt ein Rahmen. Noch ist nicht klar, was er einmal zeigen soll. Er arbeite gerne, sagt Lange. Manchmal auch sehr spät am Abend. „Da klingelt das Telefon nicht und es fragt niemand was.“ Vielmehr könne man hören, wie die Gedanken klingen. Und das ist so ein Gedanke: „Wie wäre es, einfach mal überhaupt nicht über Geld zu reden, sondern sich nur zu fragen, ist die Sache cool, hilft sie einem Menschen, können wir die machen, macht die Sinn? Und dann voll reinzuhauen. Mit aller Energie, mit dem gesamten Team.“ Dabei sei es egal, ob es eine Visitenkarte ist, ein Werkzeug für Dachdecker, ein Beatmungsgerät oder sonst was. „Und dann ist es schon toll, wenn dir deine Produkte im Alltag auf der Straße begegnen.“ Lange redet über Haltung und über die Verantwortung, mit Dingen umzugehen, die andere täglich berühren.

Langes Wohn-Office befindet sich in einem Gewerbe­gebiet am Rand von Schwerin

Form follows function: „Mit Marcel und anderen Leuten im Rollstuhl haben wir hart an der Entwicklung gearbeitet.“ Es entsteht ein Modell mit vielen Möglichkeiten, Sport zu treiben. Auch Ski fahren und Wake boarden. „Als ich mit der Di­plomarbeit fertig war, war ich nur noch ein Strich in der Landschaft. Meine Freundin war weg. Aber ein Rollstuhl da“, sagt Lange nachdenklich. So ein Rollstuhl sei nicht einfach ein Stuhl. „Er ist ein Teil des Körpers. Und damit auch ein Teil der Würde.“ Für Marcel wird sein neues Gefährt zum Gamechanger. Er steigt aktiv in den Rollstuhlsport ein.

Dialog: Der Parafree hat auf jeder Stufe der Entwicklung Aufmerksamkeit bekommen und Auszeichnungen erhalten. „Solche Auszeichnungen tun gut, aber das Spannende beginnt erst, wenn du siehst, wie Menschen das Produkt in ihren Alltag integrieren. Wie sie damit leben, sich bewegen, lachen.“ Seine Arbeit an dem Rollstuhl sei wohl nie abgeschlossen, meint Lange. Jedes Exemplar, das er baut, sei eine Art Dialog. „Manchmal muss ich erst verstehen, was jemand wirklich braucht, bevor ich weiß, was ich entwerfe und in welche Richtung sich das Produkt entwickelt.“ Denn, keine Einschränkung ist wie die andere. Felix Lange spricht ruhig und bestimmt. „Ich glaube, wir unterschätzen, wie viel Freude in einem guten Design steckt“, sagt er, „wenn es einen Teil unserer Identität spiegelt.“

Glück: Kaum eine Trennung zwischen Beruf und Privatem, zwischen Funktion und Gefühl. In seinem Office wird gedacht, geplant, gebaut, gelegentlich geschlafen – und manchmal einfach nur gesessen und geschaut. „Ich glaube, man muss seine Arbeit mögen und ein bisschen verrückt sein, um so zu leben“, sagt Lange. „Ich hab schon irgendwie den Latte-Macchiato-Job.“ Er könne sich tolle Sachen ausdenken, die Leuten gefallen, habe einen Arbeitsplatz im Trocknen und produziere am Ende „geilen Scheiß“. „Das ist schon so ein bisschen die Glückseligkeit.“

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