Zukunft des Trinkwassers: Wasser unser

Coca-Cola plant in Lüneburg eine dritte Brunnenanlage für seine Mineralwasserproduktion. Kritiker sehen ihr Grundwasser in Gefahr.

Förderband mit Coca-Cola-Flaschen in einer Fabrik, daneben ein Arbeiter

Ob Brause oder Mineralwasser – der Grundstoff ist der gleiche und wird in hohen Mengen benötigt Foto: Jens Kalaene/dpa

HAMBURG taz | Es klingt so einfach: Gut gegen Böse, David gegen Goliath. Eine Bürgerinitiative aus Lüneburg kämpft gegen den Weltkonzern Coca-Cola, die Geschichte wäre schnell erzählt. Doch Marianne Temmesfeld von der BI „Unser Wasser“ sagt selbst: „Coca-Cola ist nicht unser Feind. Wir wollen uns für einen nachhaltigen Umgang mit unserem Wasser einsetzen, auch für zukünftige Generationen.“ Es geht also um die Frage, wem gehört eigentlich das Wasser – und wie geht man zukünftig damit um?

Die Antwort darauf wird sich in Lüneburg vermutlich nicht finden lassen, aber die aktuelle Situation bietet zumindest die Basis für eine grundlegende Diskussion. Die Firma Apollinaris Brands, eine Tochter von Coca-Cola, errichtet zurzeit einen Brunnen für einen Pumpversuch nördlich von Reppenstedt, einer Nachbargemeinde von Lüneburg.

Dieser Pumpversuch ist Teil eines Antrags auf eine dauerhafte Entnahme von Grundwasser, den die Firma beim Landkreis Lüneburg eingereicht hat. Zwei Brunnen betreibt Apollinaris bereits in Lüneburg, sie fördern rund 350.000 Kubikmeter Wasser zu Tage, die in die Produktion der Getränkemarke Vio am Standort Lüneburg fließen.

Mit einem dritten Brunnen will der Konzern die Fördermenge auf circa 700.000 Kubikmeter Tiefengrundwasser pro Jahr verdoppeln. Bevor der Landkreis das genehmigt, muss der Pumpversuch stattfinden. Dafür sollen im Oktober 118.000 Kubikmeter Grundwasser aus etwa 200 Metern Tiefe gefördert und in einen Bach abgelassen werden.

Bürger-Ini gegen Coca-Cola gegründet

Der Probebetrieb sieht keine Beteiligung der Öffentlichkeit vor. Die bekam aber durch einen Artikel in der Landeszeitung für die Lüneburger Heide Wind von der Sache, nun ist der Unmut groß. Coca-Cola habe Fakten geschaffen, heißt es in einem offenen Brief der BI an die Untere Wasserbehörde. Die „Probebohrung“, sei bereits die technische Realisierung des Brunnens mit voller Fördermenge.

Tatsächlich muss die Brunnenanlage allein für die Probe komplett gebaut werden, sagt Marlen Knapp, eine Sprecherin der Coca-Cola European Partners Deutschland. „Wir als Antragsteller müssen für den Pumpversuch reale Bedingungen schaffen.“ Das Gutachten für die Probebohrung habe Coca-Cola von einem „unabhängigen Hydrogeologen“ erstellen lassen.

Für die Mitglieder der Bürgerinitiative „Unser Wasser“, die sich Anfang des Jahres gründete, ein Unding. Sie und die Gemeinderäte Vögelsen und Bardowick fordern den Landkreis auf, ein eigenes Gutachten zu erstellen. Doch die Untere Wasserbehörde, die für das Genehmigungsverfahren zuständig ist, sieht das nicht vor. Man habe zahlreiche unabhängige Daten untersucht, schädliche Umweltauswirkungen seien nicht zu erwarten.

„Im Jahr 2019 sanken die Grundwasserstände bei erneut trockenen Witterungsverhältnissen auf extreme Tiefstände ab und unterschritten in vielen Messstellen die Tiefstände des Vorjahres“, heißt es in dem aktuellen Grundwasserbericht Niedersachsen, den der Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) im Juni vorstellte.

Behörden können Wasserentnahme drosseln

Auch die Prognosen für 2020 sind nicht rosig, eine Erholung der Grundwasserpegel erwarten Expert*innen nicht. Was also geschieht, wenn die Dürreperioden länger werden, immer mehr Wasser verbraucht wird? Umweltminister Olaf Lies schreibt im Vorwort: „Grundwasserstände sind ein Warnsystem für die Folgen eines zunehmenden Nutzungsdrucks.“

Nutzungsdruck – oder doch schon Verteilungskampf um die Ressource Wasser? Neben der Trinkwasserversorgung und Mineralwasserproduzenten konkurrieren auch Industrie und vor allem die Landwirtschaft um die Grundwasserressourcen. In Deutschland ist Wasser Allgemeingut, in Gesetzen ist geregelt, dass der Staat die Zuteilung bestimmt und überwacht.

Wie nachhaltig das geschieht, hängt auch von der jeweiligen zuständigen Behörde ab. „Die Trinkwasserversorgung hat immer höchste Priorität“, heißt es vonseiten des Landkreises Lüneburg.

Sollte es zu längeren Dürreperioden kommen, habe der Landkreis die Möglichkeit, „die wasserrechtliche Erlaubnis auch nach der Inbetriebnahme der Förderung einzuschränken“. Man gehe aber nicht davon aus, dass dies notwendig werde. Wie viele andere ihrer Mitstreiter*innen aus der Bürgerinitiative zweifelt Marianne Temmesfeld an dem Nachhaltigkeitswillen des Landkreises. „Es wird nur sehr kurzfristig gedacht und gehandelt. Arbeitsplätze sind dabei immer das Totschlagargument.“

Marianne Temmesfeld, Bürgerinitiative Unser Wasser

„Es wird nur kurzfristig gedacht und gehandelt. Arbeitsplätze sind dabei immer das Totschlagargument.“

Sie wisse, dass der tiefe Grundwasserspeicher, in 200 Metern, gefüllt mit Wasser aus Eiszeiten, in der Region sehr groß sei, „aber der Klimawandel ist nun mal da“. In Niedersachsen haben bereits erste Kommunen den Wasserkonsum beschränkt, etwa Stade und Osnabrück.

Auch Steffen Gärtner (CDU), Bürgermeister der Samtgemeinde Gellersen, meldet Bedenken an der Probebohrung an. Man müsse vorausschauen, mindestens die nächsten 20 bis 30 Jahre im Blick haben. Das Niedersächsische Wassergesetz tue dies nicht: „Es heißt darin, wenn eine solche Entnahme nicht schädlich ist, ist sie grundsätzlich zulässig. Das ist nicht mehr zeitgemäß.“

Gärtner fordert eine Überarbeitung des Gesetzes. Seine Gemeinde hat Widerspruch gegen den geplanten Brunnenbau eingelegt. Insgesamt sind fünf Widersprüche beim Landkreis Lüneburg eingegangen. Wenn sie begründet werden können, werden sie geprüft. Solange darf die Probebohrung durch Coca-Cola nicht stattfinden.

Laut Coca-Cola beträgt die Fördermenge durch die bestehenden Brunnen nur einen Bruchteil von rund zwei Prozent der insgesamt genehmigten Entnahme. „Wir würden uns ja den eigenen Ast absägen, wenn wir übermäßig fördern würden“, sagt Sprecherin Marlen Knapp.

Durst nach Mineralwasser scheint unstillbar

Zu diskutieren sei aber, ob man überhaupt noch Mineralwasser fördern müsse, findet Steffen Gärtner – habe man doch in der Region eine hervorragende Trinkwasserqualität. „Wir haben Vio aus dem Wasserhahn“, sagt auch Marianne Temmesfeld. „Mir erschließt sich nicht wirklich, wieso man dieses Wasser einem Konzern überlassen muss, der es in Plastikflaschen verpackt, deren Herstellung ihrerseits wieder Unmengen an Wasser verbraucht, dann in der Gegend herumkutschiert und irgendwo anders für viel Geld verkauft.“

Doch der Durst nach Mineral- und Heilwassern scheint unstillbar. Rund 140 Liter trinkt jeder Deutsche laut Angaben der Informationszentrale Deutsches Mineralwasser aus der Flasche. Das freut Coca-Cola und die anderen rund 500 Mineralwasserhersteller in Deutschland.

Die eingegangenen Widersprüche werden den Pumpversuch in Lüneburg höchstens hinauszögern. Dann wird das Genehmigungsverfahren für eine dauerhafte Förderung weitergeführt. Coca-Cola hat angekündigt, die Öffentlichkeit durch Bürgersprechstunden einzubeziehen.

Ein erstes Gesprächsangebot hat die Bürgerinitiative allerdings abgesagt. „Wir lassen uns nicht einlullen. Man rennt durch einen offene Tür gegen eine Gummiwand. Wir wollen lieber Fakten“, sagt Marianne Temmesfeld. Das Ziel sei es, den Brunnen zu verhindern. Für den 28. August ist eine Demonstration in Lüneburg geplant.

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